Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
- Journal
- Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 4/5 (Mai/Juni 1919)
- Date
- 1919-05-01
- Page
- Seite 38 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/9569929-9582844-9582742--040-9582744- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Mitteilungs^Blatt des Jüdischen Volksrats Nr. 4/5. Seite 38. nehmen, daß ein anderes Volk unter (ich eine jüdische Minorität mit derartig un finnigen, Souveränitätsrechte voraussetzenden Zielen — einen Staat im Staate — dulden wird. Gerade aus dieser felbftverftändlichen Feftftellung heraus ift der heftige Sturm unbegreiflich, der neuer" dings durch den Blätterwald der polnischen Presse gegen die jüdischen Nationalisier» peitscht. Nicht nur die führenden Blätter aus Posen-Stadt, sondern beispielsweise auch die ,Gazeta Grudziqdzka" vom 21. März 1919, schütten ihren grimmigen Haß in umfassenden Aufsätzen über die nationalen Beftrebungen der Juden in Polen aus. Allem aber fetzt die Krone auf ein Aufsatz des konservativen,Dziennik Poznanski" vom 26. April 1919, betitelt „Die Juden“. Was darin an Haß und Beschimpfungen gegen die Juden im allgemeinen und gegen die nationalgefinnten Juden im besonderen zusammengetragen ift, hätte felblf in den Zeiten finfterfter Reaktion Befremden erregt, als die ganz schüchternen Sonnenftrahlen eines aus sehr weiter Ferne herannahenden Völkerfrühlings noch nicht durch die dicken Nebelschwaden des unbändigen Völkerhalses hindurchzudringen begannen. Soweit geht der Verfasser in feinem Kampfgeschrei gegen die Juden, daß er sagt, man fei verflicht, Ka fimir dem Großen den Ehrentitel „des Großen“ abzusprechen, weil er die Juden in Polen habe einwandern lallen. Den Ausgangspunkt des Angriffs bildet die Feftftellung, daß die Juden überall Kulturpioniere des Deutschtums feien und vor allem in Polen, wo sie in Mallen wohnten, als Träger deutscher Kultur gelten, und als Solche gefürchtet und bekämpft werden müßten. Die Volkssprache der polnischen Juden, das Jiddische, Sei in Wirklichkeit schlechtes Deutsch, ln keiner Beziehung hätten fich die Juden der polnischen Volksseele^ angeglichen. „Unfere Sorgen und Freuden kümmern fie nichts, unfere Begebungen waren ihnen entweder gleichgültig, oder fie verhalten fich ihnen gegenüber feindselig. Kaum ein geringer Teil von ihnen hält fich für Polen mosaischen Bekenntnisses.“ Das politische Ziel des Aufsatzes ift die Forderung der Assimilation der Juden in Polen. Wenn die Juden fich theorethifch als Volk betrachteten, So fei dagegen nichts einzuwenden, aber man müsse es fich verbitten, daß fie daraus praktische Konsequenzen zögen. Die Juden, deren einziger gemeinsamer Besitz ein Streifen Landes in Paläftina fei, deren einziges gemeinsames Merkmal abgesehen von physiologischen Besonderheiten die Gemeinsamkeit einer ausgesprochenen nationaliftifchen Religion fei, die Juden, die zwar ein Stamm, eine Ralfe, aber kein Volk feien, dürften nicht die Dreiftigkeit haben, für fich nationale Rechte zu beanspruchen. Sie hätten fich zu assimilieren und Polen mosaischen Bekenntnisses zu werden, als Solchen würde man ihnen die Gleichberechtigung niemals vertagen. — ln dasselbe Horn bläft der Verfasser des Aufsatzes „Unter Antisemitismus“ im ,Dziennik Poznansk“ vom 3. Mai 1919 Sowie des ,Kurjer Poznansk“ vom 8. Mai 1919. Auch hier wird das Heil in den Polen mofaifchen Bekenntnisses gesehen. Wenn auch die erwähnten Aufsätze nicht offiziellen oder offiziösen Ursprungs find, fo bleiben fie doch nichtsdeftoweniger schon deshalb höchft beachtenswert, weil eine führende Zeitung ihnen Aufnahme gewährt hat und fie billigt, und weil jene irrigen Gedankengänge mit ihrer Aftimilationsforderung weiten polnischen Kreisen plausibel erscheinen mögeu. Der Begriff der Assimilation ift an fich mehrdeutig, im Vorliegenden Falle aber klar. Gewünscht wird von den Juden Polens zunächft nicht die reftlofe Assimilation bis zur Taufe und Milchehe, anderseits ift auch nicht bloß die zivilifatoritche Assimilation durch Angleichung in Kleidung, äußeren Formen u. s. w. gemeint, wogegen ja Bedenken nicht zu erheben wären. Nein, die Axt Soll an die Wurzel des Judentums gelegt werden! Die Juden in Polen Sollen das Bewußtsein der Einheit des Gesamtjudentums in fich zerftören, fie füllen das Streben nach einer einheitlichen Organisation ablegen, vernichtet werden Soli das Bewußtfein der Eigenart, und der Wille, fie als gleichberechtigten Kulturfaktor zu erhalten und zu pflegen. Kulturnivellierung, Unterdrückung des Volksindividualismus Sollen die Leitfterne des neugeeinten Polens werden, trotzdem doch die Crhaltung des polnischen Volkes bisher gerade auf die Verneinung dieser Prinzipien einer Talmiftaatskunft gegründet war. Uebrig bleiben Soll vom polnischen Judentume — nach gewissen westeuropäischen Muftern — eine abstrakte, blutleere Religion, ein allmählich Idem liberalen Chriftentum bis zur Ununterscheidbarkeit angeglichener Mofaismus. Und dann, wenn dieses hehre Ziel erreicht ift, dann — find nicht etwa die Unterschiede tot, nein, dann zeigt fich erft, daß der Verräter feiner Volkskultur um den Sündenlohn geprellt ift, denn dann entscheidet die herrschende Nation nach willkürlichem Belieben, ob fie die Juden in dem einen Falle als Volksfremde, im andern Falle als Volksgenossen anfehen will, dann entdeckt die herrschende Nation auf einmal die Einheit und Solidarität der Juden und rechnet insbesondere nach wie vor unbequeme Anfichten und Taten eines einzelnen der Gesamtheit zu. Mögen die Trotzki, Eisner, Kun jede Gemeinschaft mit dem Judentum noch So weit von fich weifen, ihre Taten werden der jüdischen Gemeinschaft zugerechnet. Und ein gegen die Juden organisierter Wirtschaftsboykott wird vor den „mo faifchen Polen“ gewiß nicht Halt machen. Jüngst ift das Programm der weitverzweigten polnischen Partei der Nationaldemokraten, in welchem auch die Ausschaltung des jüdischen Einflusses im Handel gefordert wird, veröffentlicht worden, Ift jemand So naiv zu glauben, daß die Polen hier einen Unterschied zwilchen „mosaischen Polen“ und nationalen Juden machen werden? Die Aftimilationsbeftrebungen führen höchstens dazu, daß der eine, schwächere Teil fchießlich assimiliert zu fein glaubt und dadurch die natürliche Sicherheit in feinen Beziehungen zur Umwelt verliert. Der klarste Beweis hierfür ift im deutschen Judentum gegeben. Die deutschen Juden find zweifellos Sehr stark assimiliert, fie find So stark assimiliert, daß abgesehen von ihrer zahlenmäßigen Schwäche schon aus diesem Grunde für fie eine nationale Autonomie nicht in Betracht kommen dürfte. Aber gibt es etwa in Deutschland keine Judenfrage? Jeder Deutsche — es gibt nur ganz verschwindende Ausnahmen — lieht überall, wo Juden kulturell, insbesondere auch politisch, tätig find, womöglich gar an führender Stelle, Verjudung und Verfälschung feiner eigenen fpezi-