Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
- Journal
- Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 4/5 (Mai/Juni 1919)
- Date
- 1919-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Frage stellen, heisst schon, sich klar dazu bekennen, dass die Bedeutung des Wortes „national" in der Zusammensetzung „jüdisch-national" eine wesentlich andere ist, als in der Zusammensetzung mit anderen Volksnamen. Das jüdische Volk hat nicht den Ehrgeiz, in den Wettkampf der anderen Völker um politische Macht und Geltung einzutreten, es wird sich nie den Kopf darüber zerbrechen, ob es eine Macht ersten oder xten Grades ist, das jüdische Volk kennt keinen Imperialismus, wesensfremd ist ihm auch jeder Chauvinismus, es strebt nicht danach, andere Völker zu unterdrücken und über sie zu herrschen. Das jüdische Volk lehnt es ab, andere Völker wirtschaftlich zu boykottieren, es zwängt seine Kultur andern Völkern nicht auf, es blickt nicht auf andere Völker herab und hält sie für inferior, es predigt nicht Hass und Leidenschaftlichkeit gegen andere Völker, es ist ein Feind des Militarismus und des Krieges. Das jüdische Volk, dessen Einheit auch durch die kühnsten dialektischen Kunststückchen westeuropäischer Geheimräte oder Geheimratsaspiranten nicht wegdisputiert werden kann, dessen Einheit erst vor wenigen Wochen von der Berner Völkerbundskonferenz feierlich anerkannt worden ist, beansprucht für sich lediglich, in gesicherter Freiheit so zu leben, wie es seine Eigenart erfordert. Und da das jüdische Volk nicht das Glück hat und leider in absehbarer Zeit nicht das Glück haben wird, auch eine territoriale Einheit für alle seine Volksgenossen zu bilden, so fordert es für jeden Volkssplitter das Recht auf freie Entwickelung gemäss seiner Eigenart. In dem Bekenntnis und in dem Willen zur Einheit, in dem Bewusstsein der — nicht nur religiösen — Eigenart und in dem Willen zur Erhaltung dieser Eigenart, in dem Bewusstsein gemeinsamer Geschichte und gemeinsamen Schicksals, endlich in der Liebe zu Palästina, der gemeinschaftlichen Heimstätte und dem künftigen geistigen Regulator der gesamten Judenheit, darin liegt der wesentlichste Inhalt des jüdischen Nationalismus. „Sieht das nach Herrschsucht aus?" Gewiss liegt in dem Ausdruck „national“, wenn man •beispielsweise an den Vorstellungskreis denkt, der sich mit dem Worte „deutsch-national“ verbindet, die Gefahr missverständlicher Auslegung. Unbefangene und wohlwollende Beurteiler aber haben uns immer recht verstanden. Wenn sich schliesslich doch Missverständnisse gezeigt haben, so ist das — wie die Erfahrung immer wieder zeigt — meist nicht etwa dem mangelnden Verständnis unserer nichtjüdischen und jüdischen Mitbürger zu verdanken, sondern den unverantwortlichen Treibereien unserer jüdischen Gegner, die ihre giftigen Pfeile gegen den jüdischen Nationalismus gewohnheitsmäßig stets dem Köcher entnehmen, dessen Pfeile gegen das nationalistische Treiben nichtjüdischer Gruppen zu richten wären. Sie erreichen damit — das muss offen zugestanden wer den — eine gewisse Verwirrung freiheitlich gesinnter Kreise, denen das Wort „national“ — im landläufigen Sinne verstanden, insbesondere in der Verbindung „deutsch-national" -— abgesehen von allgemeinen politischen Gründen schon wegen seiner häufigen Identität mit judenfeindlicher Gesinnung ein Greuel ist. Wenn der Führer unserer jüdischen Gegner, Geheimrat Fuchs, in einem der letzten „Neuen jüdischen Monatshefte" predigt, dass derjenige den Begriff des Judentums nicht voll erfasse, der aus dem Judentum ein „Wald- und Wiesenvolk, ein nach völkischer Macht strebendes, chauvinistisches, imperialistisches, von Volksleidenschaften getriebenes Volk macht“, so kann man nur jede Silbe unterschreiben. Mit unbestreitbarem Recht weist Fuchs darauf hin, dass wir das jüdische Volk nicht in die Völker einreihen sollen, die heute um die Macht kämpfen, und weit entfernt sind von dem Ziele des Völkerfriedens und Völkerbundes. Aber Fuchs kämpft, wie mir scheint, gegen Windmühlen. Seine Pfeile treffen nicht den wohlverstandenen jüdischen Nationalismus. Und selbst wenn solche chauvinistischimperialistisch-militaristischen Ideen als Grscheinungsformen einer unglücklichen und abschreckenden Assimilation in jüdischen Köpfen auftauchen sollten, so könnten sie doch allenfalls nur Bezug haben — sit venia verbo — auf das neu zu errichtende jüdische Palästina. Niemand aber wird so naiv sein, anzu-