Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
- Journal
- Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 3 (4.1919)
- Date
- 1919-04-01
- Page
- Seite 33 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/9569929-9582844-9582725--030-9582734- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 3 Mitteilungs-BIatt des Jüdischen Volksrats Seite 33 Statistisches zur Stadtverordnetenwahl von 23. März 1919. Es handelt sich darum, mit einiger Wahrscheinlichkeit festzustellen, .wiegross die Zahl der in der ganzen Stadt Posen vorhandenen jüdischen Wähler ist, ferner ein wie grosser Prozentsatz dieser Wähler überhaupt und endlich, ein wie grosser Prozentsatz derjenigen, die ihr Wahlrecht tatsächlich ausgeübt haben, für den Volksrat ihre Stimmen abgegeben haben. Es bestehen insgesamt 86 einzelne Wahlbezirke. Das Material für die Statistik ist in den einzelnen Bezirken verschieden. In 25 Bezirken, nähmlich 7—9, 15, 16, l8—ZZ, 67, 70, 75 und 77 besteht eine Statistik der überhaupt vorhandenen und ferner der tatsächlich abgegebenen jüdischen Stimmen (letztere Kontrolle geschah durch Listenführer). Für weitere 15 Bezirke, nämlich 3, 5, IO, 11, 12, 18, 32—37, 68, 69 und 76 besteht nur eine Statistik der überhaupt vorhandenen jüdischen Wähler, nicht aber auch derjenigen, die ihr Wahlrecht tatsächlich ausgeübt -haben. In zweien dieser Bezirke, 11 und 2, deckt sich allerdings die Zahl der jüdischen Wähler mit der Zahl, der für den Volksrat abgegebenen Stimmen, sodass daraus geschlossen werden muss, dass sämtliche Wähler ihr Wahlrecht auch ausgeübt haben. Die Bezirke 11 und 12 stehen daher den erwähnten 25 Bezirken gleich. Es folgt hieraus, dass wenigstens in 27 von den vorhandenen 86 Bezirken festgestellt werden kann, wieviel jüdische Wähler überhaupt vorhanden sind und wieviele ihr Wahlrecht tatsächlich ausgeübt haben. Die Zahlen sind nun folgende: In den genannten 27 Bezirken waren insgesamt 2837 jüdische Wähler vorhanden; ihr Wahlrecht tatsächlich ausgeübt haben 2243- Diese Zahlen ergeben übrigens, dass es sich bei den 27 Bezirken doch jedenfalls um diejenigen handelt, in denjenigen der weitaus grösste Teil der Posener Juden wohnt, In folgender Weise lässt sich diese Statistik ergänzen: Wie schon erwähnt, ist für 15 Bezirke noch ein Verzeichnis der jüdischen Wähler vorhanden, aber nicht auch derjenigen, die ihr Wahlrecht auch tatsächlich ausgeübt haben. Rechnet man nun die 128 Wahlberechtigten dieser 15 Bezirke (und zwar unter Berücksichtigung der Tatsache, dass die Bezirke 11 und 12 schon gezählt sind) zu der oben gefundenen Zahl von 2837 hinzu, so erhält man eine Zahl von 2965 Wahlberechtigten. Man kann wohl annehmen, dass die Hinzugerechneten in demselben Masse ihr Wahlrecht ausgeübt haben, wie die im einzelnen kontrollierten 2837 Stimmen. Man kommt dann zu dem Ergebnis, dass von 2965 Wählern 2344 ihr Wahlrecht ausgeübt haben. Im vorstehenden ist bereits eine ziemlich genaue Statistik über 40 Bezirke gewonnen. Es ist jedoch möglich, auch den —: bezüglich der Zahl der jüdischen Wähler — kleinen Rest schätzungsweise zu erfassen. Aus der amtlichen Wahlstatistik lässt sich nämlich feststellen, dass in den genannten Bezirken zusammen 80 Stimmen für den Volksrat abgegeben worden sind. Es kann wohl angenommen werden, dass der Prozentsatz der jüdischen Stimmen, die für den Volksrat abgegeben worden sind, in diesen Bezirken derselbe ist wie in den früher erwähnten 40 Bezirken. Da nun nach der amtlichen Wahlstatistik * insgesamt 1692 Stimmen für den Volksrat abgegeben worden sind, mithin also in den erwähnten 40 Bezirken auf 2965 Stimmen 1612 Stimmen, so kann man umgekehrt mit einiger Sicherheit annehmen, dass in den 46 Bezirken, in denen die 80 Stimmen für den Volksrat abgegen worden sind, noch etwa 135 jüdische Wähler vorhanden sind. Das Endergebnis stellt sich daher folgendermassen: Vorhanden sind etwa 3100 Wahlberechtigte. Hiervon haben 2425 ihr Wahlrecht auch tatsächlich ausgeübt. Da insgesamt ) 692 Stimmen für den Volksrat abgegeben worden sind, so haben mithin schätzungsweise 55 % aller Wahlberechtigten und 70% derer, die ihr Wahlrecht auch tatsächlich ausgeübt haben, für den Volksrat gestimmt. Dr. Martin Lesser. Die Provinzial-Tagung des Jüdischen Volksrats. Am 9. April 1919 hatten sich auf Einladung des Jüdischen Volksrats Posen etwa 200 Juden aus Stadt und Provinz Posen im grossen Saale des Friedrichshof zu einer Tagung eingefunden. Von den Gemeinden des von. den Polen besetzten Gebietes waren 32, teilweise durch mehrere Delegierte, vertreten. Herr Rechtsanwalt Dr. Kol len scher, Posen, eröffnete die Sitzung um 12 Uhr mittags, begrüsste die Gäste und forderte zur Wahl der Versammlungsleitung auf. Als Vorsitzende wurden die Herren Rechtsanwälte Dr. Kollenscher und Dr. Galland, Posen, sowie Herr Rabbiner Dr. Neuhaus, Ostrowo, gewählt, daneben 3 Schriftführer und 6 Beisitzer. Herr Dr. Kollenscher erstattete sodann einen ausführlichen Bericht über die vielseitige Tätigkeit des Jüdischen Volksrats von seiner Gründung an. Der Bericht, der demnächst vollinhaltlich im Druck erscheinen wird, besprach - unter anderem die guten Beziehungen, die der Jüdische Volksrat mit den deutschen und polnischen Behörden unterhält. In ersterer Beziehung konnte Dr. Kollenscher insbesondere auf die telegraphische Einladung hinweisen, welche vor wenigen Tagen der Jüdische Volksrat vom Grafen Bernstorff, dem Vorsitzenden der Vorbereitungskommission für die Friedenskonferenz erhalten hatte und in der der Jüdische Volksrat zur Entsendung von Vertretern zu dieser Kommission aufgefordert wurde. Die Verhandlungen über die Ausstellung von Pässen für die Aussicht genommenen Delegierten sind noch in der Schwebe. Danach referierte Herr Benno Becher aus Posen über Wirtschaftsfragen (das Referat erscheint auf Seite 30 dieses Blattes). I11 der nun folgenden Aussprache wünschte Herr Rechtsanwalt Ne mann, Gnesen, die Schaffung von Bezugs- und Absatzgenossenschaften für jüdische Kaufleute, den Schutz der Vieh- und Pferdehändler sowie der Getreidehändler gegen Ausschluss vom Gewerbe und schliesslich eine wirtschaftliche Umschichtung der Juden. Herr Alfred Marcus aus Pinne machte der Synagogengemeinde Posen sowie dem Verbande der Synagogengemeinden der Provinz Posen den Vorwurf, dass sie bei dem politischen Umsturz vollkommen versagt hätten. Der Verband habe in der ganzen Zeit seit der Revolution keine Sitzung abgehalten. Herr M. hob demgegenüber die umfangreiche und erspriess-