Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
- Journal
- Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 3 (4.1919)
- Date
- 1919-04-01
- Page
- Seite 31 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3 Seite 31 Mitteilungsblatt des Jüdischen Volksrats schwunden war, der heute wieder da ist und dass eine Aenderung des geschäftlichen Verkehrs zwischen Juden und polnischen Kaufleuten wie Landwirten nicht zu spüren ist. AVer eben der Leistungsfähigste ist, der wird auch von den Polen bevorzugt, und daran wird sich auch weiterhin nichts ändern. Ein wie wichtiger Machtfaktor der jüdische Handel in der Provinz Posen ist, davon geben die Zahlen des Handelskanimerbezirks Posen ein treffendes Bild. Am 1. April 1918 betrug die Zahl der Besteuerten 3709 mit einem Lewerb es te ue r sat z von Mk. 640,536. Hiervon befinden sich in Posen Stadt, Posen Ost und West allein 1203 Besteuerte mit einem Betrage von Mk. 407,990. Hiervon sind eingetragene Firmen 595 Juden, 242 Deutsche und 366 Polen. Von den 4 Klassen bringen in den 3 ersten Klassen an Gewerbesteuer auf: 200 Firmen der 1. Klasse Mk. 314,167, 124 „ „ 2. „ 35-807, 548 - 3- „ 62,755- Leider ist es bei der Kürze der mir zu Gebote stehenden Zeit nicht möglich gewesen, auch die einzelnen Klassen nach Konfessionen zu ordnen, aber man kann wohl ohne Uebertreibuug behaupten, dass von dem Steuerbetrage von Mk. 407,990, den Posen allein auf bringt, mindestens die grössere Hälfte, wenn nicht mehr, von den Juden allein aufgebracht wird. Aehnlich, wenn nicht noch günstiger, ist das Verhältnis in den anderen Städten des Regierungsbezirks Posen. Was die Zahl der gewählten Mitglieder der Handelskammer anbelangt, so sprechen diese für die Beteiligung der Juden am Handel noch deutlicher. "Von 36 Mitgliedern sind nur 5 Polen (Schrimm, Kosten, Schmiegel 2, Wresehen 1, Posen 2), 8 Deutsche und 23 Juden. Ebenso und vielleicht noch besser für den jüdischen Handel liegen die Verhältnisse im Regierungsbezirk Bromberg, von wo ich mir leider die Zahlen nicht beschaffen konnte. Neuerdings versuchen nun die Polen, durch starke Neueintragungen in das Handelsregister, einen stärkeren Einfluss auf die kommenden Wahlen zur Handelskammer zu erreichen. Bei den geringen Beiträgen, die von der Handelskammer erhoben werden, ist der Erfolg ihrer Werbetätigkeit bei den kleinen polnischen * Gewerbetreibenden und Handwerkern ein grosser; dazu kommt der Wegzug deutscher und jüdischer Firmen und die dadurch bedingte Löschung im Firmenregister. Es wird eine weitere Aufgabe der Wirtschaftskommission des Jüdischen Volksrates sein, darauf hinzuwirken, dass auch hier die kleinen und kleinsten Kaufleute — soweit rechtlich zulässig — sich eintragen lassen, um die Stärke des jüdischen Handels weiter zahlenmässig zu beweisen. An Sie, meine Hehren, die Sie als Vertreter der Juden der Provinz hier erschienen sind, möchte ich deshalb schon jetzt die Bitte richten, unsere Arbeit zu unterstützen. Wir werden Ihnen in den nächsten Tagen das Werbematerial zugehen lassen. Es sind in allen Städten noch eine grosse Zahl jüdischer Gewerbetreibender, die nicht eingetragen sind, und die es nach Lage ihrer Geschäfte sein könnten. Dass wir wirtschaftlich keine Minorität sind, wie es heute schon hier und da von polnischer Seite behauptet wird, haben die oben angeführten Zahlen bewiesen. Noch deutlicher aber muss der Beweis bei zu erwartenden Neuwahlen zur Handelskammer erbracht werden. Ob und hl welcher Weise die polnische Behörde die gesamte Neuwahl wird vornehmen können oder wollen, steht noch dahin; jedenfalls ist es bezeichnend, dass den gesamten deutschen Angestellten wie' dem Syndikus der Handelskammer von der polnischen Behörde eine Kündigung per ^. Mai zügegangen ist. Um auf alle Fälle gegen einen wirtschaftlichen Rückgang der Juden in der’ Provinz gerüstet zu sein, hat sich der Jüdische Volksrat veranlasst gesehen, sofort an die Gründung einer jüdischen Genossenschaftsbank heranzugehen, über die noch einiges berichtet sei. Zweck der Jüdischen Genossenschaftsbank G. m. b. H. in Posen, die bereits gegründet und deren Eintragung bereits erfolgt ist, ist den kleineren aber trotzdem gesunden Gewerbetreibenden und Handwerkern unter gewissen Voraussetzungen Kredite zu gewähren, ihnen Existenz möglichkeiten zu schaffen und sie vor allem bodensässig zu machen und so die Landflucht der Juden zu verhindern. Zwar ist es bisher der Wirtschaftskommission häufig gelungen, Juden von übereilten Verkäufen ihrer Grundstücke und Geschäfte abzuhalten, namentlich inanbetracht der wirtschaftlich noch weit ungeklärteren Lage in Deutschland. Doch müssen wir mit der Möglichkeit rechnen, dass bei dem Wiedereintritt normaler Verhältnisse Geldbedarf in Handel und Industrie eintreten wird. Dank der uns zur Seite stehenden Fachausschüsse, die wir aus allen Berufszweigen gebildet haben, und denen auch an dieser Stelle unser Dank für die bisherige Mitarbeit und die Anregungen, die sie uns gaben, ausgesprochen sei, sind und werden wir über die wirtschaftlichen Veränderungen auf den einzelnen Gebieten gut informiert und beraten. Wir werden den Rat dieser Herren bei allen an die Bank herantretenden Geschäften nicht entbehren können. Die Geschäftsanteile der Bank betragen Mk. 500, —, mehr als 20 Anteile dürfen von ,eine.m Mitgliede nicht gezeichnet werden. Wenn wir auch offiziell noch nicht in Tätigkeit treten wollen, weil heute die Notwendigkeit noch nicht vorliegt und auch die Währungsfrage für Posen noch ungeklärt ist, so liegt uns doch daran, für die Bank eine .grosse Anzahl Mitglieder zu werben. Wir werden Ihnen zu diesem Zwecke neben unseren Satzungen eine Anzahl von Beitrittserklärungen zugehen lassen und bitten die Herren Vertrauensleute der Provinz, in ihren Kreisen für eine zahlreiche Mitgliedschaft zirsorgen. Dass das Bankunternehmen nur auf solidester Grundlage aufgebaut sein wird, davon können Sie überzeugt sein. Ich hoffe, dass meine Ausführungen Sie davon überzeugt haben, dass die Arbeiten der Wirtschaftskommission des Jüdischen Volksrats bisher keine vergeblichen waren; doch noch weit grösseres bleibt uns zu tun übrig. Es ist durchaus nicht sicher, dass, wenn auch unsere Forderungen auf wirtschaftliche Gleichberechtigung der Juden in Polen angenommen werden, diese unsere Forderungen im einzelnen so durchgeführt werden, wie wir es wünschen. Das Wort des drittletzten Reichskanzlers Dr. Michaelis „wie ich es auf fasse“ kann auch für die künftige Regierung ein Ausweg sein. Nicht auf die Verfassung allein kommt es an, sondern einzig und allein der Wille, die Gesetze zu respektieren, ist ausschlaggebend. Und wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Ich habe das feste Vertrauen zu den auf dem Boden des Jüdischen Volksrats stehenden Juden Posens, dass es ihnen gelingen wird, in friedlicher und auf versöhnlicher Grundlage fussender Wettarbeit mit den Polen diesen zu zeigen,, dass der jüdische Handel im Posener Lande ein Machtfaktor ist, den man nicht ausschalten kann, weil man ihn braucht, und weil er nicht schädlich ist. Und dass unsere weitere Arbeit von Erfolg gekrönt sein möge, dazu wollen. Sie, meine Herren, uns helfen!