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Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen · 1919-04-01 · 3 (4.1919) · p. Seite 30

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Journal
Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
Volume
1 (1919)
Issue
3 (4.1919)
Date
1919-04-01
Page
Seite 30 (sequence 8)
Language
German
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Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Seite 30 Nr. 3 Referat über Wirtschaftsfragen (Gehalten von Herrn Benno Becher bei der Tagung des Jüdischen Volksrats vom Q. April 1919.) Schon als in den Novembertage 11 des Jahres 1918 die Revolution zum Ausbruch gekommen war und auch hier in Posen wie überall in Deutschland die Oberhand gewonnen hatte, musste sich jeder die Frage vorlegen: „Wirst du unter den veränderten Verhältnissen in Posen in der Lage sein, dich und deine Familie zu ernähren, oder ist es richtiger, beizeiten die lieb und teuer gewordene Heimat zu verlassen, um dir anderwärts Erwerbsmöglichkeiten zu suchen.“ Bei dieser angstvollen Frage war es für uns ein beruhigendes Gefühl, dass der Jüdische Volksrat ins Leben gerufen wurde, und dass man uns damit eine Zentrale gab, wo uns in echt jüdischem Gemeinschaftsgefühl bei allen Sorgen, die das tägliche Leben in dieser kritischen Zeit mit sich brachte, mit Rat und energischer Tat Beistand geleistet wurde. Die Revolutionsbewegung führte in Posen zur Uebernahme der Staatsgewalt durch die Polen. Die Polen verstanden es, durch eine straffe Organisation der Sicherheitsmannschaften Ruhe und Ordnung zu schaffen. Während in Deutschland die Verhältnisse immer mehr und mehr dein Untergange zusteuerten, während in Berlin umf anderen Städten Deutschlands der Bruder- und Bürgerkrieg auf flammte, während die Hungersnot, hervorgerufen durch die Schuld der Entente und der Blockade sich als drohendes Gespenst erhob, begannen die Polen hier ihre Verhältnisse zu konsolidieren und sich einzurichten. Mit grosser Sorge fragt sich nun der Jüdische Volksrat, ob der polnische Staat den Juden der Provinz ernsthaft die Gleichberechtigung geben oder einen wirtschaftlichen Boykott organisieren wird. Die Befürchtungen, die wir haben, sind umso berechtigter, als ja von polnischen Volkswirtschaftlern geschickte Vorschläge gemacht wurden, auf welche Art und Weise — ohne Pogrome — die Juden wirtschaftlich zu vernichten seien. In allen polnischen Blättern wurde zum wirtschaftlichen Zusammenschluss des polnischen Handels aufgefordert und es sind auch bereits eine grössere Anzahl polnischer Handelsgenossenschaften gegründet worden. Bei dem allgemeinen Warenmangel, hervorgerufen durch den Wirtschaftskrieg mit Deutschland, sind diese Genossenschaften vorläufig nicht in der Lage, tatkräftig einzugreifen. Hierzu kommt noch, dass selbst die wenigen Posener Industriebetriebe, wie Ziegeleien, Zement- und Zuckerfabriken infolge Kohlenmangels ihren Betrieb einstellen mussten und darniederliegen. Aufgabe des Volksrats war es nun, in erster Reihe zu erfahren, welche Stellung der Oberste Polnische Volksrat betreffs der allgemeinen wirtschaftlichen und kulturellen Gleichberechtigung der. Juden einnimmt. Wir erlangten durch unsern Herrn Vorsitzenden, der wiederholt in diesen Fragen mit Herrn Abgeordneten Korfanty konferierte, die Erklärung, dass „die jüdische Bevölkerung der polnischen Lande sich völliger Gleichberechtigung erfreuen müsse und jede Ausnahmebehandlung der Juden im Staate Polen zu verwerfen sei.“ Mit diesem Dokument versehen, waren wir nunmehr in dpr Lage, überall dort einzugreifen, wo wirtschaftliche Schäden zu unserer Kenntnis gelangten, und wenn wir auch die Beobachtung machten, dass die unteren Behörden vielfach nicht die Prinzipien des Obersten Polnischen Volksrats zu den^ihrigen machten, so sind doch, durch unsere Intervention veranlasst, viele Störungen im Wirtschaftsleben der Juden verhindert . worden. Hierbei mussten wir wiederholt die selbstherrliche Eigenmächtigkeit der polnischen Landräte und und sonstigen unteren Organe feststellen. Diese Organe machen bisweilen den Versuch, Juden durch Entziehung von Kommissionen aus dem Handel auszuschalten. Gründe werden an den Haaren herbeigezogen, ohne dass sie stichhaltig sind. Ein recht krasses und fast einzig dastehendes Beispiel bietet der Fall im Kreise Schubin: Der dortige Starost erliess Mitte Februar eine Verordnung, wonach er sämtlichen jüdischen Getreidehändlern die Erlaubnis zum kommissionsweisen Einkauf von Getreide und Kartoffeln ohne jede Begründung entzog. Desgleichen verfuhr er mit den jüdischen Viehhändlern. Nachdem wir 'auf unsere wiederholte Anfrage über die Gründe dieser Massregel ohne Antwort blieben, wandten wir uns mit einer Eingab e an den Obersten Polnischen Volksrat. Nach wiederholten längeren persönlichen Verhandlungen, in denen uns des öfteren versichert wurde, dass der Starost kein Recht habe, eine derartig in das Wirtschaftsleben des Kreises einschneidende Verordnung zu erlassen, ohne dafür weder den davon Betroffenen noch uns die Gründe anzugeben, sagte uns der 0. P. V. zu, energisch für die Aufhebung der Verordnung einzutreten. Wir brachten inzwischen eine Anzahl von Zustimmungserklärungen seitens der polnischen' Geistlichkeit wie der Kundschaft der'geschädigten Kaufleute bei, in denen zum Ausdruck kam, dass diese Kundschaft ein Weiterarbeiten mit den jüdisöhen Händlern wünschte. Trotzdem erhielten wir vor einigen Tagen den kurzen schriftlichen Bescheid, dass den jüdischen Händlern die Kommission von dem Starosten1 deshalb entzogen worden sei, „weil sie das Vertrauen der Bevölkerung Verloren hätten!“ Auf unsere nochmals persönlich gemachten Vorstellungen. konnten uns Beweise für diese Behauptung des Starosten nicht erbracht werden, wir brachten vielmehr unsererseits weitere Beweise für das grosse Vertrauen der jüdischen Getreidehändler bei ihrer - polnischen Kundschaft bei und unter dem Drucke dieses Materials versprach uns der Herr Dezernent der Wirtschaftsabteilung des 0. P. V., mit aller Energie für die sofortige Wiedereinschaltung der jüdischen Händler des Kreises Schubin einzutreten. Inzwischen ist die allgemeine Freigabe des Viehhandels erfolgt und auch im Getreide- und Saatenhandel sind bereits eine Reihe von Erleichterungen eingetreten. Immerhin betreiben wir die Angelegenheit Schub in weiter. — Daraus ist zu ergehen, dass wir trotz Versprechungen bisher nicht immer das erreichen konnten, was zu erreichen unser Bestreben ist; doch glauben wir trotzdem, dass unsere berechtigten Proteste nicht immer ergebnislos sein werden. Der jahrelang aufgespeicherte Hass der polnischen Bevölkerung gegen die deutsche Regierung und die Verbitterung über die zweifellos oft vörgekommene Zurücksetzung der Polen auch auf wirtschaftlichem Gebiete kommen jetzt in einer Weise zum Ausbruch, durch den sich eine wirtschaftliche Schädigung auch der Juden oft nicht vermeiden lässt. Man kann aber annehmen, dass, wenn erst die Wogen der Erregung sich gelegt haben werden, die Einsicht wieder kommen wird, dass es nun einmal ohne den jüdischen Handel nicht geht, dass der jüdische Kaufmann dank seiner Intelligenz, seiner Rührigkeit, seiner Umsicht und vor allem Dank seiner Erfahrungen einfach nicht auszuschalten ist. Dass diese Einsicht schon jetzt bei ruhig denkenden Polen sich immer mehr Geltung verschafft, kann man auch häufig beobachten. Wenn man als Beispiel hierfür nochmals den Getreidehandel anführen kann — und der.Getreidehandel ist ja wohl eine der hauptsächlichsten Branchen unserer Provinz —- so haben viele die Beobachtung gemacht, dass in den ersten Januartagen so mancher polnische Kunde ver-

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