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Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen · 1919-04-01 · 3 (4.1919) · p. Seite 29

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Journal
Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
Volume
1 (1919)
Issue
3 (4.1919)
Date
1919-04-01
Page
Seite 29 (sequence 7)
Language
German
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ISlr. 3 Mitteilungs^Blatt des Jüdischen Volksrats Seite 29 digem Rückgang begriffen ist. Seine Zahl betrug noch im Jahre l8Z2: 74,253, sank darauf bis 1871 auf 64437? bis 1885 auf 50,866, bis 1895 auf 40,019, bis 1905 auf 30433. Mau kau 11 daher die Provinz wohl wegen der starken Zahl der Deutschen als Grenzgebiet mit einer gemischten Bevölkerung im Sinne obiger Ausführungen bezeichnen, der jüdische Bevölkerungsteil aber käme für diese Charakterisierung nur dann in Betracht, wenn man mit einem starken Zuzug aus dem Osteh rechnete. Hiermit ist zu rechnen, wenn die bisher preussischen Anteile Polens vorbehaltlos mit den andern Teilen Polens vereinigt werden; denn die Zahl der Juden im bisherigen Russisch-Polen beträgt etwa 2 Millionen, in Galizien und der Bukowina etwa 1 Million, während in ganz Deutschland nur etwa 600,000 Juden leben. Fallen daher die bisherigen Landesgrenzen, so würde es nach den' Gesetzen der natürlichen Bevölkerungsbewegung nur verständlich sein, wenn sich grosse Judenmassen dem Zuge von Osten nach Westen folgend von der Seite des stärkeren nach der des geringeren Drucks nach ..Westpolen“ ergössen. Hieraus erwächst aber den gegenwärtigen Bevölkerungsteilen des Grenzlandes die Pflicht, dafür zu sorgen, dass die Entwickelung des Landes durch einen massenhaften Zuzug von Ostjuden, die kulturell und wirtschaftlich rückständig sind, nicht ungünstig beeinflusst wird. Diese Pflicht ist unabhängig von Zuneigung und Abneigung, von Wünschen und Befürchtungen, sie erwächst einfach aus dem Gefühl der Liebe zur Heimat, das ganz natürlich zu einer Solidarität der bodenständigen Elemente führt. In dieser Beziehung spielt allerdings die Zahl keine Rolle. Jede, auch die kleinste Gruppe muss ihren politischen Einfluss geltend machen dürfen, wenn ihre Bestrebungen gemeinnütziger Gesinnung entspringen. Den Juden aber, die die Absicht haben, hier im Lande zu bleiben, liegt die rechtzeitige Stellungnahme zur Ostjudenfrage nicht nur deshalb ob, weil sie als alteingesessene Bürger des Landes an dessen Aufstieg interessiert sind, sondern auch deshalb, weil sie wegen ihrer eigenen Stellung und als Stammesgenossen verpflichtet sind, die Bedingungen für eine störungsfreie Einfügung der Ostjuden in die hiesigen 'Verhältnisse vorzubereiten. Anscheinend hat nun auch der Jüdische Volksrat in Posen die Rechtsgrundlage für diese Einfügung dadurch zu schaffen unternommen, dass er unter Berufung auf das nationale Selbstbestimmungsrecht der Völker die nationale Autonomie fordert. Es mag nun hier dahingestellt bleiben, inwieweit eine solche reine Personalautonomie der jüdischen Nationsgemeinschaft überhaupt etwas anderes bedeutet, -als die Kulturautonpmie einer anerkannten Gruppe eines Landes mit gemischter Bevölkerung, die ihre Aufgaben auf den Gebieten der Erziehung, der sozialen Fürsorge und einigen Zweigen der inneren Verwaltung zu erfüllen sucht. Die Forderung der nationalen Autonomie richtet sich wohl auch mehr gegen diejenigen jüdischen Mitbürger, die das Judentum nur als Religionsgemeinschaft betrachten und nur eine Kultusni Iit eine Kultur-Autonomie gelten lassen wollen. Gegenüber den nicht jüdischen Regierungen und den Massen dek Ostjuden aber hat dieser Streitpunkt keine besondere Bedeutung, Die Zuwanderer aus dem Osten werden zum überwiegenden Teile die Anschauung mitbringen, dass es einer völkischen Emanzipation bei ihnen nicht bedarf, dass es vielmehr selbstverständlich ist, dass sie Juden sind und sich von Polen und Deutschen durch Sitte, Sprache und Wirtschaftsweise, durch Religion, Geschichte und Zukunftshoff innig unterscheiden. Wie weit der eine dieses, der andere jenes Unterscheidungsmerkmal mehr oder weniger betont, ist seine Sache und Sache der Erziehung. Die Regierung kann hier weder fördernd noch hindernd eingreifen. Auch nach der Erklärung der britischen Regierung vom 2. November 1917 soll die Errichtung der nationalen Heimstätte für das jüdische Volk die Rechte und die politische Stellung der Juden in den andern Ländern nicht beeinträchtigen. Andererseits ergiebt die Erklärung, der sich die Regierungen auf beiden Seiten angeschlossen haben, dass es den entscheidenden Stellen gegenüber keines erneuten Beweises, bedarf, dass die Juden ein Volk sind. Es bedarf auch nicht der Anerkennung der jüdischen Nationalität, um etwa zu verhindern, dass dem Juden, der daran denkt, nach Palästina auszuwandern oder seine Kinder hierauf, vorbereitet oder sie gewähren lässt, der Vorwurf mangelnder Landestreue gemacht wird; denn die Billigung der Errichtung einer nationalen Heimstätte in Palästina, die auch Wilson in seinem Schreiben vom 31. August 19J8 ausgesprochen hat, rechtfertigt ohne weiteres das Verlangen, dass diese Heimstätte auch besiedelt werde. Was aber die Regierungen ihrerseits beanspruchen können, ist, dass die Juden, solange sie im Lande sind, sich dem Gesamtorganismus des Staates einfügen und als loyale Bürger an dem Aufbau des Landes mitarbeiten. Wie ist dies in dem Grenzlande zwischen Polen und Deutschen zu erreichen? Nicht damit allein, dass die Recht der jüdischen Nationalität angemeldet werden ähnlich wie die Ansprüche der jüdischen Nation zur Friedenskonferenz und zum Völkerbund, sondern in erster Linie damit, dass die Pflichten klar erkannt und' übernommen werden, die der Eintritt in die Gemeinschaft der Nationalitäten des Grenzlandes dem neuen Mitgliede auferlegt, Forderungen müssen nicht nur für, sondern gleichzeitig an die zu erwartenden Judenmassen gestellt . werden, und auch dies ist Aufgabe * hauptsächlich der eingesessenen Juden, die sowohl die Bedürfnisse des Landes als auch die Fähigkeiten und Gefühle der Juden kennen, und die, wenn es aus warmem Herzen geschieht, auch das Recht der erziehlichen Einwirkung auf die Zuwanderer in Anspruch nehmen dürfen. Das jüdische Volk muss für seine völkische Aufgabe erst vorbereitet werden; darin sind alle einig, in der Theorie auch diejenigen, die grundsätzlich ihm die Erfüllung dieser Aufgaben nicht Zutrauen oder nicht anvertrauen wollen. Damit, dass die Existenz des jüdischen Volkes anerkannt wird, ist die Aufgabe erst gestellt, nicht gelöst. ,,Werde was du bist“, das Wort gilt auch für das jüdische Volk. Als Volk ist es anerkannt, jetzt gilt es Menschen zu schaffen, die eine unabhängige Gemeinschaft bilden können, gleichgültig, ob als Nation oder als Nationalität. Ein Volk umfasst alle Berufe und verlangt vor allem eine breite Unterschicht, die auf Landwirtschaft, Handwerk und Industrie beruht. Diese notwendige Umschichtung der jüdischen Massen vorzubereiten und Vorschläge für ihre* praktische Durchführung sämtlichen Beteiligten zu unterbreiten wird die Aufgabe sein, an der das Posener Judentum in erster, Linie, aber auch jeder andere mitzuarbeiten berufen ist, der für das Gedeihen der Posener Heimat das friedliche Zusammenwirken sämtlicher Bevölkerungsgruppen für notwendig hält. Solchen Vorschlägen wird jede Regierung, wie sich auch die politische Stellung der Provinz gestalten mag, wohlwollend gegenüberstehen. Auch der Oberste polnische Volksrat hat in einer Erklärung ’zur jüdischen Frage vom 13 . Dezember 1918 betont, dass „vor allen Dingen weitgehende Massnahmen zu treffen sind, die möglichst bald eine soziale Umschichtung des jüdischen Proletariats ermöglichen.“ Für Posen aber, das ausgesprochenes Siedelungsland ist, bedeutet das nichts Anderes, als die Zurückführung eines grossen Teiles der Juden zur Landwirtschaft. Wieweit hierzu die Bedingungen vorhanden und zu schaffen sind, soll demnächst des Näheren erörtert werden. Landgerichtsrat Sello, Posen.

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