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Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen · 1919-04-01 · 3 (4.1919) · p. Seite 28

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Journal
Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
Volume
1 (1919)
Issue
3 (4.1919)
Date
1919-04-01
Page
Seite 28 (sequence 6)
Language
German
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Seite 28 Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Nr. 3 ist Deutschland jetzt nach dem verlorenen Kriege entgangen. Es ist vom engeren politischen Standpunkt aus an der Lösung der Frage unbeteiligt: es könnte sogar, wenn es aus den jetzigen Feindseligkeiten zwischen Polen und Deutschen die Richtschnur für seine künftigen politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu dem polnischen Reiche entnehmen wollte, eine gewisse Genugtuung über die Schwierigkeiten empfinden, die dem letzteren durch die Belastung mit der Ostjudenfrage erwachsen und die leicht zu internationalen Verwickelungen führen könnten. Aber eine weiterschauende staatsmännische Einsicht wird bald zur der Erkenntnis kommen, dass der Gedanke der Vergeltung nicht auf die Dauer das Verhältnis der Völker, bestimmen kann, und dass es für die künftigen nachbarlichen Beziehungen der be den auf einander angewiesenen Länder bedauerlich wäre, wenn Polen wegen der immer mehr internationalen Charakter annehmenden Judenfrage in Konflikt mit dem Völkerbunde käme, und wenn chauvinistischen Strömungen es verhinderten, seiner Aufgabe gerecht zu werden, auch für die Minoritäten im Lande zu sorgen. Wenn aber auch die deutsche Regierung bei ihren eigenen augenblicklichen Koten nicht in der Lage ist, auf die Lösung der Ostjudenfrage wie der Judenfrage überhaupt einzuwirken, so muss sich neben den Polen noch derjenige Teil der jüdischen und polnischen Bevölkerung mit der Frage beschäftigen, der unmittelbar beteiligt ist und in dem umstrittenen Grenzlande seine Heimat sieht. Die Erörterung würde aber einseitig und daher nutzlos sein, wenn sie sich nur darauf beschränkte, die Mittel zu finden, mit denen man der „Gefahr“ der Ueberschweminung mit kulturell und wirtschaftlich rückständigen Elementen begegnet, und sich nicht von der Erkenntnis leiten liesse, dass zwischen der Ostjudenfrage und der allgemeinen Judenfrage ein enger Zusammenhang besteht und dass die Arbeit an der Lösung beider Fragen auch dem Wohle der Gesamtheit dient. Hier soll nur untersucht werden, inwieweit die Provinz Posen bei voller Wahrung der Interessen der anderen Nationalitäten sich an dieser Arbeit beteiligen -kann. Die Politik, die bisher das Schicksal von Posen bestimmte, war belastet mit dem verhängnisvollen Erbe aus einer Zeit, die die Gebietserweiterung durch Krieg und Gewalt als. berechtigt anerkannte. Diese Politik ist mit dem System des Militarismus für immer unmöglich geworden. Gegen jede auf .; imperialistischen Tendenzen beruhende Einverleibung eines von einem anderen Volke bewohnten Landes würde sich jetzt das Gewissen derjgesamtenKulturmenschheit erheben. Zwischen zwei Staaten liegt aber meist ein gemischtsprachiges Grenzgebiet. Schon der Verkehr und die Arbeitsgelegenheit diesseits und jenseits der Grenze hat eine Verbindung und leichtere Vermischung der Völker auf breiterem oder schmalerem Streifen zur Folge. Auch die ursprüngliche Einwanderung von Deutschen in polnisches Gebiet entsprang durchaus wirtschaftlichen Gründen. Erst die politische Spannung, die lange nach den Teilungen Polens entstand, brachte in die Einwanderungsbewegung ein Moment der Beunruhigung. Sie-erfölgte nun nicht mehr zur Erschliessung des Landes, sondern stand im Zeichen des Kampfes um den Boden. Der Ansiedler sollte nicht mehr Kulturbringer, sondern Träger nationaler Kultur, Stütze politischer Macht oder national wirtschaftlichen Kampfes sein. Es kann hier dahingestellt bleiben, ' aus welchen Gründen der Kampf 'in dem .östlichen Grenzlande entstanden und verschärft worden ist, ob aus den niemals aufgegebenen Hoffnungen der Polen auf Wiederherstellung von Grosspolen, ob aus dem besonders nach dem französischen Kriege erstarkten Streben Grossdeutschlands nach Einheitlichkeit im Innern. Jedenfalls konnten die Bestrebungen, die von deutscher Seite auf den inneren, von polnischer Seite auf den äusseren Einheitsstaat drängten, im Grenzlande nur deshalb mit solcher Heftigkeit auf einander prallen, weil es ihnen gelang, die Volksseele mit der Vorstellung zu erfüllen, dass der Kampf nationale Pflicht sei, dass unter der Losung „der Landsmann zum Landsmann“ der wirtschaftliche und gesellschaftliche Zusammenschluss aller „Gutgesinnten“ erfolgen müsse und dass schon das Kind und gerade das Kind in der Schule durch die Muttersprache oder ihre Unterdrückung für den Kampf vorbereitet werden müsse. War aber erst einmal der „heilige“ Kampf sittlich gerechtfertigt, so entwickelte sich die Kunst des Hasses von selbst. Denn eine Kunst gehört dazu, einen Menschen nur deshalb zu hassen, weil er eine andere Sprache spricht oder an seinen Traditionen hängt. Der Weltkrieg hätte keinen Sinn gehabt, wenn er nicht alle Kulturvölker zu der Heberzeugung geführt hätte, dass Hass und Gewalt in Zukunft nicht mehr die-Beziehungen der Völker bestimmen dürfen. Wenn bisher der Krieg als die Fortsetzung der Politik mit gewaltsamen Mitteln galt, so war die Ursache dieser Politik die Unkenntnis der Eigentümlichkeiten der anderen Völker und die rücksichtslose Befriedigung der eigenen Bedürfnisse. Wenn aber die Nationen, um eine Wiederkehr des Krieges zu verhindern, sich im Völkerbunde zusammenschliessen werden, so ist in dem Gebiet, das von verschiedenen Nationalitäten bewohnt wird, deren Zusammenschluss erforderlich, nicht nur um Konflikte zu schlichten, sondern auch um zu verhindern, dass durch Machtgier und uneingeschränkte Ausnutzung der Kapitalskraft Konflikte entstehen. So kann das Grenzland im Osten die Idee des Völkerbundes im Kleinen verwirklichen. Wird aber der auf Bevölkerungsbewegung und Geschichte beruhende Mischcharakter des Landes als etwas Natürliches angesehen, so wird das Grenzland auch nach einem dieser seiner Eigenart entsprechenden politischen Ausdruck streben, der ihm die Freiheit gibt, selbständig die Beziehungen der Nationalitäten im Innern zu regeln und die einzelnen Gruppen zur Mitarbeit heranzuziehen. Welche staatsrechtliche Form für die Erfüllung dieser Aufgabe am zweckmäßigsten ist, ob die volle politische Selbständigkeit des Grenzlandes oder seine festere oder losere Angliederung an eines der Mutterländer, soll hier nicht untersucht werden. Der Inhalt seiner Aufgabe bleibt unabhängig von der Form. Die Beförderung des Glücks aller seiner Bewohner, ohne dass Begehrlichkeit oder Sorge der Stammesgenossen m den Mutterländern ihm den Stempel der Schicksalsschwere und Unruhe auf drücken darf. Auf die Ostjudenfrage angewandt, ergibt sich hieraus für die Provinz Posen Folgendes: * Die Bevölkerung der Provinz bestand nach der Volkszählung von 1910 aus 1.278,890 Polen, 806,720 Deutschen, von denen der Konfession nach J ,422,376 katholisch, 646442 evangelisch und 26,512 mosaisch waren. Bei den Reichstagswahlen von 1912 wurden 192,737 polnische,* 158,863 deutsche Stimmen abgegeben. In den deutschen Stimmen sind auch die jüdischen enthalten, ebenso sind bei der Steuerstatistik die von den Juden aufgebrachten Steuern den deutschen Ziffern zugerechnet wordent die in den Städten der Provinz ohne die Hauptstadt bei der Gewerbesteuer das 3fache, bei der Einkommen- und Vermögenssteuer mehr als 4fache der polnischen Steuern betrugen. Wenngleich nun auch dieser' Umstand den jüdischen Einfluss besonders auf das Wirtschaftsleben beweist, so kann doch dieser Einfluss allein noch nicht den Anspruch rechtfertigen, dem jüdischen Bevölkerungsteil der Provinz eine andere Stellung zu geben, als sie das Judentum in anderen Gebieten, die ein ähnliches Zahlenverhältnis aufweisen, verlangt, umäo weniger, als das Judentum gerade in den kleinen Städten der Provinz in stän- %

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