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Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen · 1919-04-01 · 3 (4.1919) · p. Seite 27

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Journal
Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
Volume
1 (1919)
Issue
3 (4.1919)
Date
1919-04-01
Page
Seite 27 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 3 Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Seite 27 Judentum ihre nationale Einheit finden, tobt gerade von jüdischer Seite wie vordem weiter. In einem Artikel, den ein Mann von der Bedeutung eines Eugen Fuchs in der letzten Nummer der Zeitschrift des Zentralvereins unter der Ueberschrift „Was nun?“ schreibt, ist von dieser Umwälzung aller Begriffe nichts zu finden. Immer wieder sind es die alten Argumente, mit denen der allein berechtigte und seligmachende Patriotismus der hinter ihnen stehenden Kreise vertreten und die national-jüdische Richtung bekämpft werden. Ihm ist das Judentum zwar „Glaube und Stamm“, die Abstammung aber, die Einheit, die durch diese Abstammung geschaffen wird, haben für ihn weiter keine Bedeutung. So bleibt ihm für die Einheit des Judentums nur die religiöse Gemeinschaft übrig. Mit allen vorrevolutionären Argumenten betont er, dass er für die englischen und französischen Juden nicht viel (als doch etwas!) anders empfinde als wie für englische, und französische Christen. Vorrevolutionär und etwas advokatorisch ist dieses Beispiel gewählt, zu einer Zeit, in der Deutschland noch unter der Hungerblockade schmachtet. Denkt er von den amerikanischen Juden, mit denen uns gerade in Deutschland und besonders im Osten, viele und auch verwandschaftliche Bande verknüpfen, auch nicht anders? Wieder, wie in früherer Zeit, wird die Unterscheidung zwischen Ost- und Westjuden als ein Unterscheidungsmerkmal der jüdischen Art hingestellt. Für die Ostjuden fordert er die nationale Autonomie, erkennt also für sie — und gerade nur für sie — eine nationale Gemeinschaft an. Wir im Osten wissen, wie unhistorisch dieses Unterscheidungsmerkmal ist! Weil gerade im Jahre 1793 oder 1815 aus irgend welchen zufälligen geographischen Gründen die Grenzen nach Osten so und nicht anders gezogen wurden, sollen jenseits der Grenze die Juden ein Volk und die anderen diesseits der Grenze nur eine Religionsgemeinschaft sein? Wie denkt sich Fuchs die weitere Entwickelung für uns posener Juden, wenn Posen dem polnischen Reiche einverleibt wird? Sollen die posener Juden, die doch auf gleicher Kulturstufe mit den übrigen Juden Deutschlands stehen, nicht dem jüdischen Volke in Polen zugezählt werden, sondern eine Sondergruppe für sich bilden? Sollen sie sich auch dann abseits halten, wenn dem jüdischen Volke in Polen die auch von ihm erstrebte nationale Autonomie gewährt wird? Hier gilt die Probe auf das Exempel, das der Zentralverein gemacht hat, und hier versagt sie schon im ersten Anlauf. Fuchs will die Religionsgemeinschaft der Juden nicht auf das Niveau eines weltlichen Volkes herabdrücken. Welche Verwirrung der Begriffe! Die jüdische Religion ist ein Produkt des jüdischen Volkes, das jüdische Volkist ihre Mutter! Gibt es gerade in der Geisteswelt, der vorrevolutionären, in der Fuchs lebt, überhaupt etwas höheres als die Volksgemeinschaft? Er wartet ja resigniert auf die Segnungen des Völkerbundes. Die Volksgemeinschaft mit dem deutschen Volke ist für Fuchs das höchste, das jüdische Volk aber ihm allenfalls ein „Wald- und Wiesenvolk“, in dem aufzugehen für deutsche Juden nicht lohnt. Diese Verwirrung der Begriffe hat leider gerade bei uns üble Folgen gezeitigt. Als hier, in Posen, der Jüdische Volks rat zum ersten Mal eigene Kandidaten für öffentliche Wahlen auf stellte, weil er ein Bündnis mit dem deutschen Block, in dem sich zu einem Viertel offene und zu einem grossen Teil verschämte Antisemiten vereinigten, ablehnte, da verkündete die hiesige Ortsgruppe ' des Zentral Vereins die Waldparole: „Alle Stimmen dem deutschen Block (mit seinem starken antisemitischen Einschlag], keine Stimme der jüdischen Liste!“ Hier wird der Aberwitz zur Groteske! Aber auch welthistorisch ist diese Auffassung abzulehnen. Als Religionsgemeinschaft hat das jüdische Volk seine Weltmission erfüllt, die jüdische Religion hat ihre Gedanken über die ganze Welt getragen, ihr propagandistischer Charakter ist heute nur unbedeutend. Dagegen ist der Geist des jüdischen Volkes, seine Intelligenz, seine Zähigkeit, seine tausendjährige kommerzielle Erfahrung, seine Unzerstörbarkeit und Unverwüstlichkeit bei dem Wiederaufbau Europas unentbehrlich. III. Die jüdische Geschichte ist ein Auf und Ab von Unterdrückungen und Befreiungen fast bei allen Völkern der Erde. In tausenden von jüdischen Häusern wird in diesen Tagen gesagt und gebetet: „bedenke, dass du auch ein Sklave warst in Mizrajim!“ Der Nationaljude ist. dieses Wortes eingedenk. Er verhöhnt nicht andere Volksgemeinschaften; er sucht sie nicht zu unterdrücken, ihnen seinen Willen aufzuzwingen. Er erinnert sich der eigenen Knechtschaft, darum versucht er nicht, anderen Völkern seine Gedanken über Staatsformen und Staatsverfassung vorzuschreiben. Ihm genügt, dass man ihm die Gleichberechtigung, die Entwickelung seiner und seines Volkes Persönlichkeit lässt. Er kann es verstehen, dass ein grosses Volk sich nicht von Männern eines anderen Volkes die Staats- und Wirtschaftsformen vorschreiben lassen will; er tritt in edler Selbstbescheidung zurück. Kurt Eissner und Trotzki sind keine nationalen Juden gewesen. So wollen wir der Stunde der Befreiung ’ froh werden, aber eingedenk bleiben, dass auch wir einst — und nicht nur in ferner Zeit — Knechte waren! Dr. Julius Galland. Zur Ostjudenfrage. 1. Posen als Grenzland. „Was wird aus den Ostjuden?“ Die Frage beschäftigte lebhaft die Oeffentlichkeit, als im Jahre 1915 nach der Einnahme Warschaus der Gedanke erwogen wurde, den bisher russischen Anteil Polens mit Deutschland und Oesterreich zu vereinigen. Im Mittelpunkte des Streites stand damals die Frage, ob die bisherige deutsche Reichsgrenze den russischpolnischen Juden verschlossen oder beschränkt oder unbeschränkt geöffnet werden solle. Von der einen Seite wurde darauf hingewiesen, dass der drohende Zuzug der jüdischen Massen eine Gefahr für Deutschland und die westeuropäischen Juden bedeute, ein Herunterdrücken der Arbeitslöhne und einen rückständigen Wettbewerb zur Folge haben würde. Von der anderen Seite wurde die volle Gleichberechtigung und unbeschränkte Freizügigkeit für sämtliche Bewohner der etwa zif okkupierenden Lande'steile aus staatsrechtlichen und sozialen Gründen verlangt. Besonders waren es jüdische. Kreise, die für eine Lokalisierung der Ostjudenfrage eintraten und deshalb der Angliederung polnischer Landesteile wegen der zu erwartenden Ueberschwemmung Deutschlands mit kulturell und wirtschaftlich rückständigen Elementen den lebhaftesten Widerspruch entgegensetzten. Dieser „Gefahr“

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