Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
- Journal
- Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 3 (4.1919)
- Date
- 1919-04-01
- Page
- Seite 26 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 26 Mitteilungs^Blatt des Jüdischen Volksrats Nr. 3 würfe1 wohl oft die Frage des Midrasch aufgeworfen: „Sollte man nicht meinen, dass die Welt herrenlos sei, dass Gott die Welt preisgegeben und die Menschheit sich selbst überlassen habe?" „Wir aber stimmten nicht ein in den Chor der verzweifelt und ungeduldig Antwort-heischenden; uns hatte eine• vieltausendjährige Geschichte gelehrt: unerforsehlich und wundersam sind die Wege der Gotteswaltung. Des unsterblichen Gottesvolkes Söhne und Töchter wussten: wenn die Zeit gekommen, wird der Ewige erscheinen und sich vor den Augen aller als Weltenherr offenbaren; da wird sein Weltenplan erkannt und auch dieses furchtbaren Weltgeschehens tiefer Sinn erfasst werden; da wird es sich zeigen, dass die Verblendeten alle, die da wähnten, eine Welt aus den Angeln zu heben, nur willenlose Werkzeuge in der Hand einer höheren Macht waren. ' Noch können wir nicht ermessen, was — von der Ewigkeitswarte aus gesehen — an Menschenheil und Völkerglück aus den furchtbaren Wunden dieses Weltkrieges erblühen wird. Aber schon erstrahlt, nach fast zweitausendjährigem Golus, dem heiligen Lande und seinem unsterblichen Volke die Morgenröte der Befreiung. So lehrt auch das Geschehen unserer Tage des ewigen Gottes oft unsichtbares Walten. -ic * . * Ist es nicht, .als ob Messiasahnen über der Menschheit schwebt — Erfüllung der prophetischen Verheissung : „Fürwahr, es werden Tage kommen, so spricht der Herr, da man nicht mehr sagen wird: so wahr der Ewige lebt, der die Kinder Israel aus dem Lande Aegypten herausführt, sondern: so wahr der Ewige lebt, der hinausgeführt und hiuaufgebracht die Nachkommen des Hauses Israel aus dem Lande des Nordens und aus allen Ländern, dahin ich sie verstosseu habe, dass sie in ihrem Lande weilen!" Rabbiner Samuel Blum, Pieschen Zum Freiheitsfeste. I. Der 9. November 1 Ql 8 stellt einen Wendepunkt nicht nur in der deutschen Geschichte, sondern auch in derjenigen von ganz Mitteleuropa und darüber hinaus dar. Alle unsere bisherigen politischen Formen sind zerbrochen, unsere wirtschaftliche Verfassung ist in ihren Fundamenten getroffen und eine Entwickelung angebahnt, deren Richtung und Ziel kaum übersehbar sind. Diese gewaltige Umwälzung ist an dem deutschen Bürgertum allem Anscheine nach bisher ohne allzu sichtbare Spuren vorüber gegangen. Zunächst verkroch es sich, verschüchtert durch die Revolution, widerstandslos. Als es dann aber sah, dass scheinbar äusserlich das alte Leben seinen Fortgang nahm, ordnete es sich in das neue Parteileben nach den alten Gesichtspunkten ein. Parteibündnisse, die die alten Fäden der vorrevolutionären Zeit weiterspannen, wurden geschlossen. Von dem Geist der neuen Zeit ist nur wenig und nur bei wenigen zu verspüren. Das deutsche Judentum, soweit es bürgerlichen Charakter hat, und es nicht der nationaljüdischen Richtung angehört, hat den Geist der Umwälzung anscheinend garnicht begriffen. Es hat, eingeschüchtert durch die wirtschaftliche Bedrohung der revolutionären Parteien, keinen Hauch der grossen Freiheitsbewegung verspürt, die auch seine Stellung zum Staate, und zwar besonders in Deutschland, von Grund auf geändert hat. Darum erscheint eine kurze Skizze, die den Gegensatz von einst und jetzt erkennen lässt, am Platze. Bis zum November 1918 war in Deutschland die alldeutsche imperialistische Richtung allmächtig. Sie prägte den Staatsbegriff, sie schuf das staatsbürgerliche Ideal. Ihr Staatsbegriff war der Obrigkeitsstaat, der die absolute Unterordnung des Einzelnen unter die von ihr ausgegebenen Ziele forderte. Mit ihrer terroristischen Herrschaft duldete sie abweichende Meinungen nicht. Der alldeutsche Gedanke liess die selbständige Regung und Betätigung der fremdstämmigen Bürger auch dann nicht zu, wenn sie alle staatsbürgerlichen Pflichten erfüllten. Darum galten nicht nur die von ihr abweichenden deutschen Parteien in mannigfacher Folge als Reichsfeinde, darum behandelten sie vor allem Polen, Elsässer und Juden als staatsfeindliche oder staatsfremde Gemeinschaften. Ihrer Allmacht und ihrem terroristischen Zwange vermochte sich das deutsche bürgerliche Judentum nicht zu entziehen. Darum gelang es ihr, hier im Osten die Juden unter und in ein Bündnis mit ihr zu zwingen, das den Juden nach allen Seiten wirtschaftliche Nachteile brachte, ohne ihnen bei ihr selbst auch nur äusserlich die Gleichberechtigung zu gewähren. Wie gross ihr Einfluss auf das Denken und Fühlen der jüdischen Bevölkerung war, ergibt beispielsweise ein Blick in die Zeitschrift der „Deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens" in den letzten Jahren vor und während des Krieges. Ueberall sehen wir dort ein Spiegelbild der chauvinistischen alldeutschen Gesinnung. Vermieden wird jede positive Betätigung im Judentum und die ganze Kraft in zweckloser Abwehr verpufft. Die Macht dieser Richtung ist gebrochen, wenn nicht alles trügt, für alle Zeit! Das neue staatsbürgerliche Ideal ist grundverschieden von dem alten. National im höchsten Sinne ist nunmehr auch in Deutschland, wer die Gesetze befolgt, fleissig und redlich seiner Arbeit nachgeht, am Wiederaufbau des Staates, an seiner kulturellen Entwickelung nmitarbeitet, sei welchen Stammes er wolle, mag er in diesem Stamme auch seine besondere Nationalität zum Ausdruck bringen und zu pflegen und zu hegen bestrebt sein. Den grossen wirklich demokratischen Nationen des Westens war diese staatsbürgerliche Auffassung seit langem vertraut. Als im Jahre 1910 die Juden Amerikas das Fest der vierhundertjährigen Einwanderung der Juden in Amerika feierten, richtete der damalige Präsident der Vei einigten Staaten Amerikas, Rdosevelt, an die Bne Brith-Logen Amerikas ein Glückwunschschreiben, in dem er betonte, dass die Juden Amerikas deswegen in den vordersten Reihen derjenigen Rassen stünden, die die amerikanische Nation zusammensetzen, . weil ihre Glieder die Gesetze befolgen, friedlich und redlich arbeiten und an der Entwickelung des Staates mitarbeiten, und weil sie dadurch im besten Sinne Amerikaner genannt zu werden verdienen. So hat dieser Präsident des grossen. Gemeinwesens den Begriff des nationalen Amerikaners geprägt. Dieser Staatsbürgerbegriff wird nun auch in Europa und in Deutschland Gemeingut zu werden beginnen müssen. Auch den Juden hat mit dem 9. November 1918 die Stunde der Befreiung geschlagen! II. In einem grossen Teil des jüdischen Bürgertums ist, wie gesagt, von dieser Umwälzung wenig zu spüren. Der alte Kampf mit den alten Waffen gegen diejenigen Juden, die ihre staatsbürgerlichen Pflichten treu erfüllen, aber in dem