Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
- Journal
- Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 1 (2.1919)
- Date
- 1919-02-01
- Page
- Seite 11 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 1 Mitteilungsblatt des Jüdischen Volksrats Seite 11 Aus unserer Urkundenmappe. Erklärung des Obersten polnischen Volksrats in der jüdischen Frage. Seitens der interessierten Kreise ist man an den Obersten polnischen Volksrat zu Posen mit der Frage herangetreten, welche Stellung er in der jüdischen Frage einnehme. Infolgedessen erklären wir Folgendes; Der Ooerste polnische Volksrat seht auf dem Standpunkt, -dass die jüdischen Be vohner der polnischen Lande in der polnischen Volksrepublik sich völliger Gleichberechtigung erfreuen müssen. _ Jedwede Ausnahmebehandlung der jüdischen Bevölkerung im Staate Polen ist zu verwerfen. Auf .de Eigenart der Juden ist in der gesamten Verwaltung des Staates gebührende Rücksicht zu nehmen. Die polnische Regierung im Einvernehmen mit den Juden hat Massnahmen zu treffen, welche in wirtschaftlicher und kultureller Beziehung die jüdischen Massen zu treuen Staatsbürgern der polnischen Volksrepublik •erziehen sollen. Vor allen Dingen sind weitgehende Massnahmen zu treffen, welche möghchstbald eine soziale Umschichtung des jüdischen Proletariats ermöglichen. Auf -Grund der ausgeschriebenen Wahlen zur polnischen Konstituante ist den Juden die Möglich«eit gegeben, die Vertreter ihrer Interessen in die beschlussfassende polnische Nationalversammlung zu rntsenden. Niemand soll sie an der Ausübung dieses Bürgerrechtes hindern. Wir geben zu, dass die gegenseitigen Bezie- . liungen zwischen Po len und Juden augenblicklich in Polen höchst gespannt sind. Sie sind das Produkt einer .abnormen geschichtlich-wirtschaftlichen Entwicklung und der verhetzenden Politik der zaristischen Regierung Viel hat auch zur Verschlechterung der jüdisch-polnischen Beziehungen beigetragen die scnändliche Politik des alten deutschen Regimes während der Okkupationszeit. Es ist ferner festzustellen, dass die Juden als Kenner der deutschen Sprache in grosser Zahl sich während der Okkupat on in den Dienst «der Deutschen gestellt und namentlich bei Requisitionen mitgewirxt haben. Dieser Umstand hat eine grosse Erregung in der polnischen B völkerung hervorgerufen. In Anbetracht der gespannten gegenseitigen Beziehungen von Juden und Polen fordert der Oberste polnische Volksrat in Posen beide Teile der Bevölkerung zur Mässignng, Einsicht und gegenseitiger Duldung auf. Von der jüdischen Bevölkerung erwarten wir, dass sie in gegenseitigem und im Interesse des Staates, innerhalb dessen sie sich völliger bürgerlicher Gleichberechtigung erfreuen soll, die Ausstreuung falscher oder übertriebener Nachrichten über Judenverfolgungen in Polen unterlässt, welche im Effekt dem polnischen Staate schaden und seinen Feinden nützen sollen. Die jüdische Bevölkerung muss sich auch in ihrem eigenen Interesse von jeder Teilnahme an pob-nfeindlichen Bestrebungen fernhalten. Der am 3, 4 und 5. Dezember d. J. in Posen versammelte polnische Landtag hat feierlich erklärt, dass der polnische Volssstaat sich nur auf weitester Toleranz aufbauen könne im Anschluss an die freiheitlichen Traditionen des alten Polens, welches in den Zeiten der schlimmsten Gewissensbedrückung nicht nur Juden, sondern allen Verfolgten Gastfreundschaft gewährte. Im Einklang mit diesen polnischen Traditionen und den Beschlüssen des in Posen versammelten Landtages verurteilt der Oberste polnische Volksrat auf das Schärfste al e Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung und verlangt, soweit sie vorgekommen sind, deren strengste Bestrafung. Im übrigen wird der Oberste polnische Volksrat seinen Einfluss dafür «insetzen, dass den Juden keine Schwl rigkeiten auf dem Gebiete der Freizügigkeit von einem Staate zum andern bereitet werden. Posen, den 13. Dezember 1918. Komisarjat Naczelnej Rady Ludowej gezeichnet Adamski. Wojciech Korfanty. Seyda. Poszwinski. J# Rymer. Rundschreiben des Jüdischen Volksrats Posen an die Juden der Provinz Posen. Ende Dezember 19'8. Die Wahlen zur deut-chen Nationalversammlung stehen nahe bevor. Wir sind vielfach ersucht worden, zu diesem auch die Juden unserer Provinz stark berührenden Ereignis Stellung zu nehmen. Nach eingehender Prüfung sind wir zu folgendem Ergebnis gelangt: 1. Von der Aufstellung einer eigenen jüdischen Liste nehmen wir Abstand. Zwar wäre diese Lösung der Frage die folgerichtige Fortsetzung unserer bisherigen Politik gewesen. Allein die Erkenntnis, dass einerseits ein praktischer Erfolg nicht zu erwarten steht, andererseits eine vollzählige und gleichmässige Stimmabgabe aller Juden kaum zu erreichen ist, jede Absplitterung von Stimmen aber die Zahl und Macht der Juden in der Provinz kleiner erscheinen lässt, als sie tatsächlich ist, haben uns bestimmt, von der Aufstellung eigener Kandidaten Abstand zu nehmen. 2. Wir überlassen es deshalb unseren Anhängern, bei den Wahlen denjenigen Parteien ihre Stimme zu geben, bei denen sie ihre allgemein politischen, wirtschaftlichen und sozialen Interessen am besten vertreten glauben. 3. Wir erwarten jedoch von allen Juden, dass sie bei der Wahl und insbesondere während des Wahlkampfes in den nationalen Kampf zwischen Deutschen und Polen nicht eingreifen, und dass sie s ch insbesondere nicht zu Wortführern fremdnationaler oder fremd-völkischer Parteien und Gruppen machen. Der Ausschuss. Rundschreiben der thoratreuen Vereine der Stadt Posen. Posen, den 20. November 1918 Der ,.Zentral-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Ortsgruppe Posen‘* empfiehlt in einem Rundschreiben vom 19. d. Mts., sich v m Öffe itlichen Versammlungen und Kundgebungen der nationaljüdischen Bewegung in Posen im Interesse der Geschlossenheit des Judentums fernzuhalten. Gegen diese Boykotterklärung, die sich gegen einen Teil der jüdischen Gemeinschaft richtet, muss Verwahrung eingelegt werden. Der Boykott ist eine verwerfliche Waffe, die. besonders auf geistigem Gebiete angewandt, bestehende Gegensätze versenärft und Gehässigkeit hervorrufen muss. Das Interesse der Geschlossenheit des Judentums, die durch das Rundschreiben angeblich gewahrt werden soll, und die uns in dieser ernsten Zeit so bitter not tut, wird durch die gehässige Boykotterklärung aufs Gröblichste verletzt. Gegen die Behauptung des Rundschreibens, dass wir „eine Glaubensgemeinschaft, nicht aber ein jüdisches Volk sind und sein wollen*4 erklären wir, dass wir Juden, das alte VOLK der Bibel, das älteste VOLK der Weltgeschichte waren, sind und bleiben werden, das den Jahrt»usenden getrotzt htt und durch Gottes Gnade nach göttlicher Verheissung nicht untergehen wird; ein VOLK, das durch seinen Nationalbesitz, die Thora, charakterisiert und geadelt wird; ein VOLK, das sich seit Urbeginn als Gottesvolk gefühlt und bekannt hat; ein VOLK, bei dem sowohl die Bezeichnung als blossa Glaubensgemeinschaft, wie auch als blosse Nationalität als Torso empfunden wird; ein VOLK, dessen Religionsgesetz es gebietet, dass alle seine Volksangehörigen gute Staatsbürger in allen Ländern ihres Aufenthalts seien. Dies ist der Standpunkt der ganzen thoratreuen Judenheit. Die Arbeitsgemeinschaft der thoratrenen Vereine der Stadt Posen.