Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
- Journal
- Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 1 (2.1919)
- Date
- 1919-02-01
- Page
- Seite 7 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9569929-9582844-9582706--011-9582715- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 1 Seite 7 Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats sondern als eine nationale Minorität, die das ihr nach dem jetzt geltenden Völkerrecht zukommende Recht beansprucht. Wir lehnen es ab, nur Objekt der Gesetzgebung und Verwaltung zu sein. Es muss notwendiger Weise Unwillen und neue Besorgnis bei der jüdischen Bevölkerung erregen, wenn polnischerseits die erste Möglichkeit, platonische Loyalitäts- Erklärungen in die Tat umzusetzen, ungenutzt vorübergelassen wird. Der jüdische Volksrat hat sich wegen der Ausschaltung der Juden bei Gründung des Haupternährungsamts beschwert, jedoch ohne Erfolg. Herr Korfanty, dem unsere Forderung zuerst vorgetragen wurde, verhielt sich zwar durchaus nicht -abweisend. Schliesslich erhielten wir aber vom Obersten Polnischen Volksrat ein Schreiben, in dem die Zuziehung von Juden zum Haupternährungsamt abgelehnt wurde. Die Frage der Beteiligung der Juden in der Verwaltung der Ernährungsämter war schon einmal bei Beginn der Revolution akut. Als man damals die Errichtung eines Provinzialer nähr ungsamts beschloss, wurde jüdischerseits, nämlich vom Rechtsanwalt Rosentreter, angeregt, auch einen jüdischen Vertrauensmann zu berufen. Der Posener Oberbürgermeister von Drwqski wies diese Forderung zurück und begründete seine ablehnende Haltung mit der Erklärung, ein jüdischer Harne würde in der polnischen Bevölkerung den Anschein erwecken, als gäbe es da 'was zu verdienen. In der Tat wurde kein Jude mitberufen. Die Aeusserung des Oberbürgermeisters gibt mit bewundernswerter Offenheit die Stimmung wieder, die in weiten polnischen Kreisen gegen die jüdische Bevölkerung herrscht. Es ist dies übrigens nicht der einzige Fall, in dem polnischer- Leits darauf hingewiesen worden ist, man dürfe einen jüdischen Hamen nicht an eine exponierte Stelle setzen, weil dies auf das nun einmal antisemitisch gesinnte polnische Volk aufreizend wirke. Eine künftige polnische Regierung wird mit dieser Gesinnung des polnischen Volkes rechnen und ihre Wirtschaftspolitik danach einrichten. Sie wird es .auch sicherlich nicht unterlassen, bei Anordnungen, die die jüdische Bevölkerung beschweren, auf diesen „moralischen Druck“ hinzuweisen. Um so mehr haben wir, die wir möglicherweise selbst zu Polen gehören, in jedem Falle aber in einem Lande mit polnischer Mehrheit und einer Verschiedenartigkeit der nationalen Autonomieen leben werden, schon jetzt, bevor es zu spät ist, die unabwendbare Pflicht, laut und rücksichtslos unsere Stimmen zu erheben, um ausznsprechen, was ist, und was kommen kann. Wir müssen uns vor Augen halten, dass eine wirtschaftliche Katastrophe kommen kann, die nicht allein unsere Stammesbrüder in Polen, sondern auch uns zu Grunde richtet, gleichgiltig, ob wir Posener zu Polen geschlagen werden oder bei Deutschland bleiben. H. Ich habe schon angedeutet, dass die oben dargestellten Posener Geschehnisse nicht nur lokale Bedeutung haben, sondern als Symptome zu werten und als ein Schatten aufzufassen sind, den die von einflussreichen und zahlreichen Polen befürwortete Wirtschaftspolitik vorausgeworfen hat. Die Tendenz dieser Wirtschaftspolitik erhellt klar aus dem weit verbreiteten Buche von Eugen Starczewski „Die polnische Frage und Europa“ (Berlin 1 Ql 3) und wird neuerdings in einer Broschüre propagiert, die den Warschauer Professor Michalski zum Verfasser hat, und die im „Hamburger Isr. Familienblattu vor kurzem in verdienstvoller Weise besprochen worden ist. („Moyen de resoudre la question juive en Pologne“. Lausanne 1 Ql 8-) Wollte man den Inhalt dieser und ähnlicher Schriften einfach mit dem Schlagwort „antisemitisch“ brandmarken und abtun, so würde dies eine recht leere und naive Kritik sein. Man muss vielmehr erkennen, dass die darin verfochtenen Tendenzen dem begreiflichen Hationalegoismus eines neu zur Geltung gelangenden und bisher unterdrückten Volkes entspringen, dass fast die gesamte polnische Intelligenz sie sich zu eigen gemacht hat, und dass sie zum Programm der mächtigen nationaldemokratischen Partei gehören. Sie gipfeln — auf knappste zusammengefasst — in folgendem: Die Juden in Polen seien zum wesentlichsten Teil Träger des Handels. Es sei eine Wirtschaftsnotwendigkeit für Polen, dass den Juden der Handel nebst den dazu gehörenden Interessenzweigen entrissen werde. Zu diesem Zwecke müssten sie in erster Linie aus dem Grosshandel verdrängt werden. Das geschehe am besten durch Einführung staatlicher Monopole, Konzessionen und Privilegien zugunsten der polnischen Staatsangehörigen und ähnliche staatliche Machtmittel. Die Folge müsse die Herabdrückung der nicht aus wandernden Grosshändler in den Kleinhandel sein. Den Kleinhändlern aber müsse die Existenzmöglichkeit durch grosszügige Ausgestaltung des Genossenschaftswesens entzogen werden. Bis in die kleinsten Flecken müssten die Genossenschaften ihren Wirkungskreis erstrecken und so dem jüdischen Handel den Garaus machen. Hinzukommen müsse das Verbot, mindestens die starke Einschränkung, des Landerwerbes durch die Juden und voi allem der Boykott aller Hichtpolen in sämtlichen Berufszweigen, welch letzterer durch systematische ökonomische Erziehung des polnischen Volkes zu einem wesentlichen Bestandteil des polnischen Patriotismus gemacht werden müsse. Mit diesen Mitteln würde eine Verelendung der jüdischen Massen und eine unblutige Vernichtung oder Evakuation der Juden herbeigeführt werden. — Daneben sei der Palästinagedanke unter den Juden zu stützen und wachzuhalten und die freiwillige Uebersiedelung nach Palästina oder anderen Ländern zu fördern. Das oberste Prinzip, von dem eine solche Wirtschaftspolitik diktiert wird, ist das, dass'in einem gemischtnationalen Staate die Majoritätsnation die herrschende ist, und dass ihre Regierung die ganze Tätigkeit nur auf das Wohl und Wehe der eigenen Stammesangehörigen einzustellen habe. Dieses Bestreben dürfe auch durch den dadurch herbeigeführten Ruin der Minoritäten . nicht gehemmt werden. — Dass eine auf diesem Prinzip aufgebaute Wirtschaftspolitik, die für die davon betroffenen Minoritäten zu katastrophalen Ergebnissen führen muss, von den Juden Polens mit allen Mitteln bekämpft werden wird, wird auch jedem Polen begreiflich sein. Dem Hationalegoismus der Polen müsste, wenn sie die Prinzipien, unter denen sie selbst bisher gelitten haben, auf die Juden anwenden wollten, mit äusserster Energie das nationale Lebensrecht der jüdischen Minorität entgegengesetzt werden. Unsere Kardinalforderung ist die, dass auch den Juden Polens gegenüber die Gerechtigkeit zum obersten Regierungsprinzip gemacht wird. Die Gerechtigkeit, die wie ein roter Faden sich hinzieht durch den Geist der Gebote, die Wilson für das Leben der Nationen untereinander aufgestellt hat, ist durch feierliche Erklärung aller Kulturvölker zum sittlichen Grundgesetz erhoben worden. Die Gerechtigkeit soll die Welt vom Rassenhass, vom Klassenhass, von Krieg und Verbitterung erlösen, sie soll der leidenden Menschheit das Glück bringen. Das ist nur möglich, wenn die Gerechtigkeit für die kleinste und schwächste Nation dieselbe ist, wie für die grösste und mächtigste, wenn ihre Verwirklichung für die kleinsten Nationen mit denselben Machtmitteln erzwungen wird, wie für die mächtigsten Nationen. In derselben Botschaft des Präsidenten Wilson, deren berühmter Punkt '\ 3 zit. nach der „Zukunft“ vom 14. 12. I Ql 8 die Auferstehung des polnischen Reiches verkündete, heisst es: *) zit. nach der ,.Zukunft“ vom 14. 12. 1918.