Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
- Journal
- Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 1 (2.1919)
- Date
- 1919-02-01
- Page
- Seite 6 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9569929-9582844-9582706--010-9582714- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 6 Mitteilimgs^Blatt des Jüdischen Volksrats Nr. 1. punkte des guten alten Liberalismus, frei von dem ridikülen Beiwerk des Bezirksvereinlertums: Freiheit dem Gewissen! Wir müssen Zusammenkommen und dann Zusammenhalten; denn wir sollten uns dessen bewusst sein, dass weder Krieg noch Demokratie noch Devolution imstande gewesen, die alte, uralte Kluft zwischen Juden und Nichtjuden auch nur im geringsten abzuflachen. Es gibt sogar Stimmen, die das Gegenteil behaupten. Da helfen auch keine Loyalitätserklärungen. Unter Loyalität verstehen wir ja nicht nur, wie das Fremdwörterlexikon lehrt, Gesetzmässigkeit, Ehrenhaftigkeit, Biederkeit, Rechtschaffenheit, Anhänglichkeit, Treue gegen das Fürstenhaus — würde heute wohl heissen gegen die jeweilige Regierungsmacht. Vielmehr hat der Sprachgebrauch den Inhalt des Wortes bereichert: es liegt in ihm der Wille zu freiwilliger Anerkennung. Der Treue haftet etwas von Liebe und Anhänglichkeit an, Empfindungen, die doch erst erworben sein wollen. Sie auf dem Präsentierteller entgegenbringen, erschwert dem anderen Teile, sich zu dem Gefühl der Achtung durchzuringen. Jede Staatsgewalt fordert Kraft ihrer Macht Anerkennung, Gesetzmässigkeit u. s. w. Versicherung der Loyalität ist also etwas durchaus Ueberflüssiges. Zu staatsbürgerlicher Treue zwingt das Gesetz, wo auch immer der Mensch leben mag. Gegenseitige Achtung ist der Kern des künftigen Staatslebens, begründet auf dem freien Rechte des freien Mannes. Was also kann uns in Zukunft noch trennen? Unsere Lage bleibt viel zu ernst, als dass dies Fragen der Taktik tun könnten. Verständige Menschen finden hierin stets Wege der Einigung. Die Gesamtaufgaben der jüdischen Gemeinschaft haben an Umfang und Wichtigkeit für jeden Einzelnen von uns gewonnen. Darum müssen wir zur Einigkeit und zum Zusammenschluss um die Organisation des jüdischen Volksrates kommen, sein Entstehen und seine ersten Arbeiten nur mit Dank begrüssen. Eine Erweiterung seiner Aufgaben in nicht zu ferner Zukunft erscheint mir immer notwendiger zu werden, möge ein Teil seiner zionistischen Mitglieder ihr auch augenblicklich noch so ablehnend gegenüber stehen. Es handelt sich um seine Stellungnahme zum Antisemitismus, der für den Osten eine vorwiegend politische Frage ist. Er wird unter der Führung dunkler Kräfte der Rechtsparteien wieder aus der Rüstkammer politischer Waffen hervorgeholt. Man bedenkt dabei nicht, dass es Hochverrat an den allen Bewohnern des Ostens gemeinsamen Kulturaufgaben ist. Während Deutschland am Boden liegt, nach Auferstehung ringt, während Juden nicht minder wie Nichtjuden ihr Letztes hierfür hergeben, hetzen und schüren unsaubere Elemente. Mögen sie mit sich aber auch darüber einig werden, ob derartiges Tun mit den Gesetzen der Religion in Einklang zu bringen ist, deren Hüter zu sein sie sich dünken. Die kirchlichen und politischen Führer der Polen haben in den Tagen der höchsten Erregung vieles getan, was geeignet war, die tatsächlich vorhanden gewesene Misstimmung gegen die Juden zu beseitigen. Vonseiten der arbeitenden Männer des jüdischen Volksrates wiederum wurde nichts unversucht gelassen, den Ursachen jener Misstimmung mit Umsicht und politischem Takt entgegenzutreten. Wir wissen, dass noch viel zu tun ist, das Misstrauen der Polen gegen die — Loyalität eines Teiles der Juden, den sie — freilich sehr zu Unrecht — im Verdachte des Hakatismus unseligen Angedenkens haben, zu beseitigen. Gerade deshalb suchen wir eine breite Arbeitsbasis für alle Gruppierungen der Juden, einen — loyalen njodus vivendi; der es uns allen ermöglicht, unser aller Rechtsstellung hier zu sichern, unbeschadet aller nur denkbaren Gegensätze in Einzelfragen des religiösen nnd politischen Lebens. Der Kristallisationspunkt aber kann nur der jüdische Volksrat sein. Dr, Karl Kassel. Zur Wirtschaftspolitik. I. Durch Schreiben vom 7. ]. 1 Ql Q bat die Naczelna Rada »Ludowa dem jüdischen Volksrat Posen mitgeteilt, dass sie ein Haupternährungsamt für die Provinz Posen eingesetzt habe, um die Verteilung der Lebensmittel und deren Ausfuhr zu beaufsichtigen. Weder als Leiter der einzelnen Aemter, die dem Haupternährungsamt unterstellt sind, noch in den Ausschuss ist ein Jude berufen worden. Dies musste unser höchstes Befremden um so mehr erregen, als wir aus zahlreichen Loyalitätskundgebungen massgebender polnischer Persönlichkeiten immer wieder die Zusicherung der Parität als selbstverständlich entnehmen mussten und fraglos auch entnehmen sollten. Zwar hat der Vorsitzende des Jüdischen Volksrats in der Konferenz, die Ende Dezember 1918 anlässlich der Anwesenheit der beiden Minister Göhre und Ernst stattgefunden hat, zutreffend erklärt, dass wir den Anspruch auf prozentuale Beteiligung der Juden Posens in allen Beamtenstellen der Provinz Posen einstweilen nicht zu erheben beabsichtigen; hat es aber mit wünschenswertester Deutlichkeit zum Ausdruck gebracht, dass wir die praktische Durchführung des demokratischen Grundgesetzes: „Freie Bahn dem Tüchtigen“ auch für uns in Anspruch nehmen und die Heranziehung fähiger, jüdischer Anwärter an geeignete Beamtenstellen mit Sicherheit erwarten. Selbstverständlich ist es, dass wir die prozentuale Beteiligung — mindestens aber die Zuziehung jüdischer Vertrauensmänner — überall da fordern, wo die konkrete Wirtschaftslage dem Gerechtdenkenden die Notwendigkeit und Berechtigung dieses Anspruches geradezu aufdrängt. Dies ist beim Haupternährungsamt der Fall. Die Juden der Provinz Posen sind zu einem grossen Prozentsatz am Handel und insbesondere an der Produktion und am Vertrieb der Lebensmittel beteiligt. Durch die Anordnungen der Ernährungsämter werden also sehr wesentlich jüdische Kaufleute und jüdisches Vermögen betroffen. Es kann ganz dahingestellt bleiben, ob vielleicht auch ohne Zuziehung jüdischer Vertrauensmann ner die Anordnungen der Ernährungsämter allen Interessen — also auch den jüdischen werden gerecht werden. Selbst wenn dies der Fall wäre, ist es eine unzweifelhaft berechtigte Forderung, wenn wir die Zuziehung jüdischer Vertrauensmänner zum Haupternährungsamt verlangen. Wir beanspruchen grundsätzlich in allen Fällen, in denen Juden wesentlich interessiert sind, mitzuberaten und mitzubestimmen. Nur dann haben wir eine reale Garantie für die Annahme, dass auch die Interessen der Juden bei allen sie mitbetreffenden Entscheidungen gebührend vertreten und gewürdigt werden, nur dann werden wir die jüdische Gemeinschaft von der durch mancherlei sehr eindeutiger Anordnungen lokaler polnischer Behörden*) genährten Befürchtung befreien, dass ihre Angehörigen aus ihren Wirkungs- und Erwerbskreisen herausgedrängt und ihrer Existenz beraubt werden sollen. Man betrachte 'uns nicht als ein Häuflein von Juden, die um ein paar Privilegien betteln, *) So hat z. ß. die Rada Ludowa in Schrimm am 9. 1. 1919 eine Verordnung betreffend die zum Ankauf von Vien berechtigten Comrmssinnäre erlassen, durch die im Kreise Scarimm alle jüdischen Commissionäre ausgeschaltet werden.