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Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen · 1919-02-01 · 1 (2.1919) · p. Seite 5

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Journal
Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
Volume
1 (1919)
Issue
1 (2.1919)
Date
1919-02-01
Page
Seite 5 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 1. Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Seite 5 unseren eigenen Reihen. Das mag schmerzhaft sein, ist dadurch aber nichtsdestoweniger notwendig. Asemitismus, dieses Wort, das die niedrigste Kampfesart, jemals von Menschensinn erdacht, bedeutet, sollte uns allen, ohne Rücksicht auf Differenzierungen in inner jüdischen Fragen dauernd in den Ohren gellen. Es sollte uns erröten machen vor Scham, wenn einer von uns versucht sein sollte, neuer Gemeinschaft nachzugehen. Auch ich glaube an das Stürzen der Ghetto mauern. Aber nur der kann diesen Zukunftsglauben haben, der frei vom Ghettoempfinden ist, frei von jener gesellschaftlichen Selbstpreisgabe, die vielleicht das widerlichste Ghettosymptom ist. Wir sind die Starken, auf deren Kraft der Zukunftsbau gemeinsamen Menschentums sich stützen wird. Wir sind frei, schon jetzt frei, schon längst frei. Und den Herzen vieler Millionen von Juden, Menschen jüdischen Glaubens, entringt sich allmorgentlich das Segenswort: Gelobt sei der Herr, dass ich nicht zu den Sklaven gehöre! Nur in diesem Kraftbewusstsein liegt Unzerstörbarkeit, liegt Schaffensfälligkeit. Frei die Bahn allen, denen es ernst ist um den Wiederaufbau der gestürzten Welt. Fort mit den unsauberen Händen, sie haben lauge genug ihr unsauberes Spiel getrieben. Restlos wird der Sturz der Ghettomauern kommen, mit ihm die Brüderlichkeit aller Nationen und Religionen. Er kann aber nur eintreten durch fundamentalsten Umsturz der Wirtschaftsordnung. Dies ist die Markscheide, an der die Juden, jeder nach seiner Ueberzeugnng, gezwungen sein werden, zu optieren, ob sie die Grundsteine für den neuen Aufbau nach rechts tragen wollen oder nach links, zum Alten oder zum neuen Werke, von dem allein der Menschheitsfriede ausgehen kann. Was trennt uns heute also von unseren Gegnern im Judentum, deren Mitarbeit dem Jüdischen Volksrat jederzeit erwünscht wäre? Ist es das zionistische Programm? An anderer Stelle wird über seine bisherige Tätigkeit berichtet werden. Man wird vergebens nach etwas Zionistisch-Parteipolitischem suchen. Und die zionistischen angeblichen Utopien? Sie sind ja in Erfüllung trotz Witz und Spott und Hohn. Tausende von opferbegeisterten Juden warten des Augenblicks, ihren Stammespatriotismus durch die Tat beweisen zu können, auszuwandern in das heilige Mutterland, sich be-, wusst der Opfer und Entbehrungen, die ihrer dort harren. Yiele Hunderte aber, die seit Jahrzehnten schon drüben gelebt, sind auf die Kunde von dem Ausbruch des Krieges unter Ueberwindung grösster Schwierigkeiten in wochenlangen Fussmärschen hierhergeeilt, um auf deutschem Boden sich ihren Brüdern zum Kampfe gegen den Weltverband anzuschliessen. So durfte denn Eduard Bernstein in seinem durchaus antizionistischen Werkchen „Yon den Aufgaben der Juden im Weltkriege“ (19)7) schreiben: „der Natur des Objekts nach kann man zunächst zwei Arten von jüdischem Patriotismus unterscheiden: den Patriotismus von Juden für das Land, dem sie als Staatsbürger angehören, den man als Landes Patriotismus bezeichnen kann, und das stärkere Solidaritätsempfinden von Juden für die Judenheit im Allgemeinen, das wohl am besten mit dem Wort Stammes Patriotismus bezeichnet wird. Diese zwei Arten von Patriotismus können in vielen Fällen neben einander bestehen, ohne sich gegenseitig zu beeinträchtigen — . . . .“ Sollte dieser Satz nicht geeignet sein, einen Pfeiler wenigstens zwischen den sich bekämpfenden Gruppen der Judenheit zu bilden? — „Der Katholizismus in den protestantischen Ländern geht doch ebenfalls über die Grenzen des Yaterlandes hinaus, und dessen ungeachtet können seine Bekenner gute Staatsbürger sein, die ihrer Religion treu bleiben und dabei im Dienste der nationalen Kultur stehen“. (M. 1. bin Gorion, vom östlichen Judentum 1918). Um welchen Gegenstand des Kampfes handelt es sich denn noch? Dass der Zionist jüdisch-national empfindet? Nun, die Neuordnung hier im Osten kann uns vielleicht vor die fertige Tatsache stellen, dass wir Juden als Juden als eine politische Einheit dastehen werden, neben der deutschen, ob wir es wollen oder nicht. Ist es da weise, jetzt noch Groll zu pflegen über Fragen, die ausserhalb jeder Diskussion stehen, und die von stärkeren Mächten im Sinne der vielgelästerten und vielverspotteten Kämpfer für Freiheit und Recht im Mutterlande schon gelöst sind? Alle Beteiligten sollten sich hierüber nochmals klar zu werden suchen. Die Not der Zeit und auch der ferneren Zukunft müsste hierbei jede Unterhaltung über bestehende Differenzen verbieten. Der jüdische Yolksrat wird seine Tätigkeit noch lange nach dem schliesslich doch einmal kommendem Eintreten der Ordnung zu entfalten haben. Stehen wir doch vor einer schier unglaublichen Tatsache. Das gesamte Yerwaltungsleben wird demokratisiert. Das preussische Ministerium des Innern raft aber den Judengemeinden zu: Eure Yerfassung bleibt die alte plutokratische! Neues Leben soll die deutsche Welt zu frischer Blüte bringen. Die Bahn soll dem Tüchtigsten frei gemacht werden. Da will die Regierung einem Fossil, der Macht des Geldes, neuen Lebenshauch einblasen. Auf einmal hört die Furcht vor der Rührigkeit des jüdischen Geistes auf. Und dennoch kann die Zeit kommen, dass gerade durch diese aus dem durch die Blindheit der heutigen Machthaber erhalten gebliebenen Reste der Geldherrschaft neue Machtgelüste der Besitzenden geweckt werden. Zum eigenen Schutze sollte sich die Judenschaft von diesem eklen Gebilde befreien. Wir erwarten es nicht. Deshalb aber wird der jüdische Yolksrat, dem hoffentlich stets so wie heute die Jungkraft jüdischen Könnens und Wollens zur Yerfügung stehen wird, eine Dauereinrichtung bleiben, um dem frischen jüdischen Geiste den gebührenden Einfluss auf die Yerwaltung aller jüdischen Dinge und Einrichtungen zu sichern. Selbst dann wird dies der Fall sein müssen, wenn nur Gemeindeaufgaben das Arbeitsfeld des jüdischen Volksrats bilden sollten. Seine Zukunftsgrenzen sind aber tatsächlich viel weiter gesteckt. Unseren Gegnern, mit denen wir Aussöhnung zur Arbeitsgemeinschaft herbeisehnen, stehen wir ohne Groll gegenüber. Wir sind die Sieger geblieben und werden nie und nimmer sie in ihrer Empfindungsrichtung zu beeinflussen suchen. . Wir werden die Waffen, die gegen uns geführt wurden, dauernd4 der Stätte der Yergessenheit übergeben. Wir sind vor allem aber* damit zufrieden, dass unsere nationale Auffassung vom Judentum niemals auch nur um eines Haares Breite bei uns Gefühl und freie Tat des Patriotismus schmälern konnte. Wir bedürfen keiner Loyalitätserklärungen. Unsbr Weg ist uns klar vorgeschrieben: wir sprechen deutsch und denken in deutscher Sprache, wir sind mit der Kultur fest verkettet, die deutscher Geist geschaffen. Ich möchte hier erinnern an die Worte, die der Präsident der Zionistischen Yereinigung für Deutschland in seiner Eröffnungsrede zum Delegiertentag am 26. XII. 18. gesprochen hat: „Wir Zionisten, die wir uns unserer nationalen Eigenart bewusst sind, glauben am klarsten zu empfinden, wie starke Bande die deutsche Judenheit mit Deutschland verbinden, und wir leben der Hoffnung, dass diese berechtigten, weil innerlich wahrhaften Beziehungen zwischen dem deutschen Volke und der deutschen Judenheit in der neuen Zeit, die für Deutschland angebrochen ist, erst ihren adäquaten Ausdruck finden werden. Ein Deutschland des sozialen Fortschritts rührt an die nächsten menschlichen Empfindungen seiner jüdischen Bürger und auch wir nationalen Juden werden gern unseren Anteil an dem Aufbau des neuen Deutschlands nehmen, wie an seiner Zukunft mitarbeitenV Wie zukünftige Generationen denken und fühlen werden, kann heut niemand wissen. Politisch stehen wir auf dem Stand-

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