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Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen · 1919-02-01 · 1 (2.1919) · p. Seite 4

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Journal
Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
Volume
1 (1919)
Issue
1 (2.1919)
Date
1919-02-01
Page
Seite 4 (sequence 6)
Language
German
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Seite 4 Mitteilungs^Blatt des Jüdischen Volksrats Nr. 1 liehe Massregeln betroffen worden waren bei den polnischen Behörden, insbesondere der Naczelna Bada Ludowa und der Kommandantur Posen mit gutem Erfolg tätig. Wir wollen nicht unterlassen, hervorzuheben, dass die genannten Behörden uns stets mit Wohlwollen entgegengetreten sind, sodass die enstandenen Misshelligkeiten sich meist in befriedigender Weise regeln Hessen. Freilich mussten wir hierbei auch die Erfahrung machen, dass in einzelnen Fällen die Macht der Obersten polnischen Behörden an dem Selbstbewusstsein der lokalen Behörden der Provinz zerschellte. Dass wir als die Vertretung der national gerichteten Judenschaft allgemein anerkannt sind, beweisst die Tatsache, dass unsere Vertreter auch zu der Konferenz der deutschen und polnischen Behörden, die in Anwesenheit der Minister Ernst und G ö h r e in Posen stattfand, zugezogen waren und sowohl in dieser als auch in der nachfolgenden Schulkonferenz Gelegenheit hatten, unseren Standpunkt und unsere Forderungen darzulegen. Um der gespannten Stimmung zwischen der polnischen und jüdischen Bevölkerung zu steuern, veröffentlichten wir gemeinsam mit dem Polnischen Volksrat ein Flugblatt, das in weitesten Kreisen auf klärend und beruhigend wirkte. Im Zusammenhang hiermit sei darauf hingewiesen, dass ein gemeinschaftlicher Ausschuss der drei Volksräte ab und zu zur Besprechung der Lage zusammentreten wird. Auch den wirtschaftlichen Fragen des Posener Judentums wandten wir unsere Aufmerksamkeit zu. Auf unsere Anregung hin, entstand gemeinsam mit den bestehenden Barufsberatungs- und Arbeitsvermittlungsstellen das jüdische Arbeitsamt in Posen, das sich zur Aufgabe gestellt hat, unter Berücksichtigung aller jüdischen Interessen die Erwerbssuchenden durch Beratung geeigneten Berufen zuzuführen, auch Akademikern Niederlassungsmöglichkeiten nachzuweisen, sowie ferner den Juden, die nach Palästina übersiedeln wollen, hierbei sachverständigen Rat zu erteilen. Als sich bei der Beschaffung des erforderlichen Mazzoth-Mehles für die Bäckereien der Provinz Schwierigkeiten herausstellten, waren unsere Bemühungen zur Beseitigung derselben von einem vollen Erfolg begleitet. Wir dürfen so zusammenfassend darauf Hinweisen, dass wir bei allen Schwierigkeiten und Misshelligkeiten, die die vorsichgehende Umwälzung für die jüdischen Mitbürger im Gefolge hatte, energisch und mit gutem Erfolge eingegriffen haben. Wenn wir auch heute von Einzelheiten absehen müssen, so ist die jüdische Oeffentlichkeit doch durch unsere Sonnabend-Sitzungen, die allen Interessenten zugänglich sind, orientiert. Trotz der kurzen Zeit unseres Bestehens können wir auf eine reiche Arbeit im jüdischen und allgemeinen Interesse zurückblicken. Wir wollen noch daran erinnern, dass der Begriff Autonomie in besonderen Juristen-Zusammenkünften erörtert wird. Ebenso wird die Schulfrage in besonderen Fachkonferenzen eingehend besprochen. Auch ein Wirtschaftsausschuss ist im Entstehen begriffen.! j Verantwortungsvolle und aufreibende Arbeit haben wir nach bestem Können geleistet. Weit grössere und schwerere Aufgaben stehen uns jedoch noch bevor. Um sie zum Segen der gesamten Judenheit unserer Heimat lösen zu können, bedürfen wir aller Kreise und der tätigen Mitwirkung aller Juden. Wir hoffen, dass unser Appell bei all denen, deren Verantwortungsgefühl für die jüdische Gesamtheit nicht durch das Gefühl der Parteigegensätze absorbiert ist, nicht ungehört verhallen wird. Jüdische Volksräte. „Derhalb jr billich Laser aJl Wie herb auch scheint dis schreiben Lassts euch nichts ärgern jzumal Man muss die wahrhait treiben“ Fischart: — „\n jdes Aufrecht „Redlich Teutsch g plui vnu gemüt.“ (l52.\) Mitten in den grössten Aengsten und Sorgen der Juden bricht neuer Zwist in unseren Reihen aus. Der jüdische Volksrat hat ihn angefacht — so heisst es. Nicht durch seine Taten erst, sondern schon durch sein blosses Erscheinen im Kampfe des Tages um die neue Ordnung. Zionisten sind es, die in vorderster Linie ihm ihre Kraft opfern. Also muss der Zionismus wieder herhalten, jenes ewig rote Tuch denen, die noch immer hoffen und wieder hoffen, in nichtjüdischen Kreisen den unsichtbar wirkenden gelben Armstreif vergessen zu machen. Das Ghetto wird wieder aufgerichtet! War es denn je verschwunden? Jst die Zeit des Asemitismus spurlos aus dem Gefühlsleben der Judenheit verschwunden? Verrat am Deutschtum, rufen die anderen dem Kreise zu. der noch niemals die deutschen Kulturwerte im Leben der Judenheit geringgeschätzt. Neue politische Verhältnisse, von denen wir garnicht einmal zu wissen brauchen, ob sie dauernd sind, diktieren uns jetzt aber ein politisches Handeln, das uns Erfolg nur dann verspricht, wenn wir als Juden für uns handeln. Wer hat bis zur Stunde für unsere Bedrückten und Verfolgten gesorgt, wenn nicht Juden? So will denn der Jüdische Volksrat nichts anderes als eintreten für unsere Rechte, für die Rechte der Juden. Schutzjuden zu sein, sollten wir längst verlernt haben. Wir bitten nicht, wir betteln nicht. Unsere Aufgabe ist die Stabilierung unserer Rechte. Verhandlungen hierüber kann man nur mit der herrschenden Macht führen. Ist das Verrat am Deutschtum? Man muss sich dieser Aufgabe unterziehen, ohne sich vor späteren Enttäuschungen zu fürchten. Haben denn die, denen die Absonderung des Jüdischen Volksrats ein Gräuel ist, bis zum Ausbruch des Krieges bei den deutschen Behörden das Geringste erreicht, was geeignet gewesen wäre, dem deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens innerhalb der nichtjüdischen deutschen Gesellschaft eine würdige Stellung zu geben? Gewiss, uns war Gleichberechtigung gewährleistet. Aber diese ist keineswegs gleichbedeutend mit Gleichstellung. Dass sie es nicht war, dafür sorgte der „Verwaltungsweg4* übelstens Angedenkens. . Der Jüdische Volksrat kann und soll niemand seine Herzensneigung schmälern, die gesellschaftlichen Ghettomauern zu überklimmen. Er ist und bleibt eine Arbeitsgemeinschaft. — — — —- Wohlgemerkt, der Jüdische Volksrat hat sich, solange er allein an seinem Beratungstische sitzt, nur um jüdische Sorgen und Wünsche zu kümmern. Gemeinsam mit dem deutschen Volksrat handelte er in den Fragen gemeinsamer deutscher Kulturrechte, mit denen jeder von uns durch Geburt und Erziehung auf das Festeste verankert ist. Wir stehen hiervor einem umfangreichen Arbeitsgebiete, das zu sichten der Zukunft Vorbehalten bleiben muss. Zu den wichtigsten Gegenwartsaufgaben gehört aber die Vernichtung aller Illusionen in

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