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Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen · 1919-02-01 · 1 (2.1919) · p. Seite 3

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Journal
Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
Volume
1 (1919)
Issue
1 (2.1919)
Date
1919-02-01
Page
Seite 3 (sequence 5)
Language
German
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Hr. 1. Mitteilungsblatt des Jüdischen Volksrats Seite 3 Tätigkeitsbericht. Als am 5. Oktober v. J. der deutsche Reichskanzler erklärte, die deutsche Regierung habe in ihrem Waffenstillstandsersuchen das Wilson'sche Friedensprogramm angenommen, also auch jenen berühmten Punkt 1 3, der bestimmt, „ein unabhängiger polnischer Staat, der die Länder mit unzweifelhaft polnischer Bevölkerung umfasst, soll gebildet werden“ da war es jedem Einsichtigen klar, dass unsere engere Heimat politischen Veränderungen unterworfen sein werde, die die Interessen der jüdischen Bevölkerung auf das Einschneidenste berühren mussten. Die Voraussicht dieser Lage liess eine Fühlungnahme der bestehenden jüdischen Organisationen geboten erscheinen; daher trat die Zionistische Ortsgruppe Anfang November an alle übrigen jüdischen Vereinigungen Posens zwecks Einleitung von zunächst unverbindlichen Vorbesprechungen heran. Leider mussten sich diese Verhandlungen zerschlagen; es zeigte sich, dass ein erheblicher Teil der jüdischen Notabein nicht gewillt war, ein Arbeitsprogramm zu billigen, dessen Ziele über die unmittelbarsten und dringensten Aufgaben, den Schutz von Leben und Eigentum der Juden, hinausgingen. Die Interessen der Juden Posens aber erforderten gebieterisch eine jüdisch-politische Organisation mit möglichst weitgesteckten Zielen. Deshalb rief am Tage der Revolution, dem 10. November, der Vorstand der Zionistischen Ortsgruppe, verstärkt durch einige gleich gesinnte Herren die jüdischen Soldaten Posens zu einer Versammlung zusammen, welche eine Abordnung zum Arbeiter und Soldatenrat, der sich eben gebildet hatte, entsandte und folgende Resolution überreichte: „Die im jüdischen Heim versammelten jüdischen Soldaten stellen sich dem neugegründeten Soldatenrat zur Verfügung. Sie erwarten und verlangen folgendes: 1. Anerkennung der persönlichen und nationalen Gleichberechtigung der Juden, 2. die Aufnahme von Soldaten, die durch jüdisches V ertrauen gewählt sind, in den allgemeinen Soldatenrat, 3. den allgemeinen Schutz für Leben, Freiheit und Eigentum unter Berücksichtigung der besonders gefährdeten jüdischen Bürger." Mit diesen unseren Forderungen fanden wir durchweg Anerkennung. Unser Vertreter Dr. Kollenscher, wurde zusammen mit deutschen und polnischen Herren in den Beirat des A. und S. Rates auf ge nommen. Gleichzeitig traten wir auch mit einem unsere Tendenz enthaltenden Flugblatt an die Oeffentlichkeit. Unsere Anerkennung setzte sich bei den neuen durch die Revolution geschaffenen, wie bei den alten Behörden rasch und allgemein durch. Als Vertreter der Judenschaft wurden wir zu allen Beratungen von Ausschüssen bei der Regierung, dem Magistrat, dem Demobilmachungskommissar, dem Polizeipräsidenten hinzugezogen. In einer gemeinsamen Sitzung der Städtischen Körperschaften nnd der neuen und alten Behörden, die Mitte November stattfand, wurde der Darstellung unseres Standpunktes durch Herrn Dr. Kollenscher vollstes Verständnis seitens der polnischen wie der deutschen Vertreter entgegengebracht. Wie richtig unser Vorgehen war, zeigte sich auch darin dass weite jüdische Kreise die uns zum Teil gänzlich fern gestanden hatten, unsere Stellungnahme billigten und dies durch ihren Beitritt zu unserer Organisation zum Ausdruck brachten. An erster Stelle ist hier die Vertretung der orthodoxen Juden Posens — die Arbeitsgemeinschaft der thoratreuen Vereine — zu nennen, die geschlossen dem Volksrat beitrat, ihre Vertreter in dessen Vorstand entsandte und in einem eindrucksvollen Flugblatt ihren bewusst nationalen Charakter bekannte. Ein Rundschreiben, das wir in die Provinz entsandten, und das unsere Ziele und Aufgaben kurz auseinandersetzte, hatte umfassende Erfolge auf zu weisen. An verschiedenen Orten der Provinz bildeten sich jüdische Volksräte und eine grosse Anzahl der Synagogen-Gemeinden trat uns korporativ bei. Viele weiteren Gemeinden der Provinz stehen unmittelbar vor ihrem Anschluss. Aber auch liberale Kreise erkannten, dass die überlebte Theorie, die den Juden aller Länder jede Daseinsberechtigung auf nationaler Grundlage aberkannt hatte, der neuen Zeit und ihren Forderungen nicht mehr genügen konnte. Gerade aus diesen Kreisen waren die Beitrittserklärungen, obwohl wir von jeder Einzelpropaganda Abstand genommen hatten, so zahlreich, dass wir auch ihnen mehrere Vertreter in unserem Ausschuss bewilligten. So, an Zahl und Einfluss gestärkt, waren wir im Stande, auch die grossen Aufgaben, vor die die folgenden Wochen und namentlich die bekannten Ereignisse vom 27. und 28. Dezember uns stellten, zu erfüllen. Schon bei Beginn der Umwälzung hatte die dringendste Forderung, der Schutz von Person und Eigentum der jüdischen Bevölkerung, es uns geboten erscheinen lassen, in die neugegründete Bürgerwehr mit einer eigenen jüdischen Gruppe einzutreten. In vollem Einvernehmen mit der deutschen und polnischen Gruppe und unter gemeinsamem Ober-Kommando konnten unsere Bürgerwehrleute in ständigem Wachtdienst an der Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung in unserer Stadt wesentlichen Anteil nehmen und zur Beruhigung der jüdischen Bürgerschaft beitragen. Sie taten dies mit anerkannt musterhafter Disziplin und Arbeitsfreudigkeit. Bei den Wahlen zur deutschen und preussischen Nationalversammlung versahen die deutsche und jüdische Gruppe der Bürger wehr gemeinsam den Wachtdienst in den Wahllokalen. Ein ständiger Beratungsdienst, den wir in unserem Büro einrichteten, gab uns Gelegenheit, zahlreichen jüdischen Mitbürgern, die bei den Unruhen Schaden erlitten hatten, Rechtsberatung, sowie Schutz und Vertretung ihrer Interessen bei den Behörden zu Teil werden zu lassen. Ueber die Vorfälle, bei denen Juden geschädigt worden waren, nahmen unsere juristischen Mitarbeiter Protokolle auf, die wir den in Betracht kommenden Behörden zur weiteren Bearbeitung unterbreiteten. Um für den Rechtsschutz der jüdischen Bevölkerung zu sorgen, insbesondere bei der Feststellung der den Juden fälschlich nachgesagten Gewaltakte mitwirken zu können, entsandten wir auch einen Vertreter in den von den drei Nationalitäten paritätisch beschickten Untersuchungsausschuss, und zwar Rechtsanwalt Manheim. Wir konnten auch erreichen, dass in die Kommandos, denen die angeordnete Durchsuchung der Wohnungen nach Waffen übertragen ist, je ein von uns benanntes jüdisches Mitglied aufgenommen wurde. Da aus Anlass dieser Haussuchungen vielfach Ausschreitungen befürchtet worden waren, trug die genannte Massnahme wesentlich zur Beruhigung der jüdischen Bürgerschaft bei. Endlich waren wir in neuester Zeit in den zahlreichen Fällen, in denen jüdische Bürger der Provinzstädte als Geiseln weggeführt oder durch Kontributionen und ähn-

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