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Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen · 1919-02-01 · 1 (2.1919) · p. Seite 2

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Journal
Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
Volume
1 (1919)
Issue
1 (2.1919)
Date
1919-02-01
Page
Seite 2 (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 Mitteilungs-'Blatf des Jüdischen Volksrats Nr. 1. die autonome Regelung ihrer eigenen nationalen Angelegenheiten überlassen müssen. Alle kulturellen Aufgaben. Erziehung, Ausbildung, insbesondere das gesamte Schul- und Unterrichtswesen, die soziale Fürsorge für die Stammesgenossen, gewisse Gebiete des Wirtschaftslebens (die allerdings eng zu begrenzen sind) unterstehen der autonomen Regelung durch die Nationalitäten. Vom Staate werden ihnen hierzu die Mittel durch Gewährung des selbständigen Besteuerungsrechtes überlassen. Wie einst die Einführung der Autonomie für die Religionsgesellschaften dem Staate zwar das Recht nahm, auf das Religionsbekenntnis seiner „Untertanen" einen entscheidenden Einfluß auszuüben, ihm aber zugleich den Vorwurf der Unterdrückung der Religionsfreiheit nahm und ihn von Religionsstreitigkeiten befreite, so wird auch die nationale Autonomie die Kompetenzen des Staates zwar vermindern, dafür aber den Staat nach innen und nach aussen kräftigen und stärken. Das Schwinden aller Gehässigkeiten, die aus der Politik der nationalen Unterdrückung erwachsen, das Aufhören jeder Irredenta, jeder Bestrebung unterdrückter Völker nach Befreiung wird in der inneren und äusseren Politik einen reichlichen Ausgleich für die Einbuße bilden, die der Omnipotenz des Staates bereitet wird. Alle Nationalitäten des Staates werden sich frei fühlen und neben den Aufgaben, die zu erfüllen jeder von ihnen obliegt, sich mit Eifer und einem Patriotismus, der durch keinerlei Verbitterung getrübt ist, den gemeinsamen Arbeiten des Staatslebens zuwenden. Diese Lö<ung des Problems in unsern Landen herbeizuführen, ist unser politisches Ziel. Dieses unser Ziel steht unverrückbar fest und ist unabhängig davon, in welchen Staatsverband uns das Schicksal und die Beschlüsse des Friedenskongresses bringen. Der polnische Staat wird in Posen ebensowenig wie in seinen anderen Ländern die Juden nach berühmtem alten Muster mit Privilegien abspeisen dürfen; das Deutsche Reich wird keine Schutzjuden haben wollen, wird aber auch aus seiner und Preußens verfehlter Nationalitätenpolitik gelernt haben, nicht nur persönliche Gleichberechtigung, sondern auch das Recht der Nationalitäten anzuerkennen. Der Friedenskongreß schließlich, der dem jüdischen Volke die Anerkennung seiner ewigen und unverjährten Rechte auf das Land seiner Väter bringen wird, wird sicher auch dafür sorgen, daß den Juden in allen Ländern ihres Auf~ enthalts das Selbstbestimmungsrecht der nationalen Minderheiten gesichert bleibt. Uns Juden aber, die wir in dieser Zeit an diesem Orte wohnen, ist die historische Aufgabe zugefallen, unserem Volke hier die ihm gebührende Stätte unter den Nationalitäten zu schaffen. Wir werden vor der Geschichte und vor unserem Pflichtbewußtsein nur bestehen können, wenn wenn wir nicht nur im Vertrauen auf die Einsicht der Völker ruhig abseits gestanden und gewartet, sondern wenn wir durch ernste Arbeit zu dem Erwerb unserer nationalen Rechte beigetragen haben. Denn schließlich werden Rechte noch weniger als Wohltaten aufgedrängt, und auch im Lebender Völker und für das öffentliche Recht gi ltderSatz: jura vigilantibus scripta. Auf dem Wege zn diesem Endziel der nationalen Autonomie liegt unsere praktische Gegenwartsarbeit. Wir haben unsere Ansprüche nach beiden Seiten hin, bei Deutschen und Polen, angemeldet, ln dem politischen Kampf der beiden feindlichen Nationalitäten selbst bewahren wir Neutralität und halten uns von allen Feindseligkeiten nach beiden Seiten hin fern. Wir haben mit dieser unserer Haltung bei Deutschen und PolenVerständnis,Billigung und Anerkennung gefunden. (Über unseieErfolge wird an anderer Stelle berichtet.) An alle Juden der Provinz Posen aber wollen wir uns immer wieder mit der dringlichen Bitte wenden, sich uns anzuschliessen und uns in unserer schweren, aber für die Gesamtheit notwendigen Arbeit zu unterstützen. Schon ist der Kreis unserer Mitarbeiter gross geworden. Nicht nur Nationaljuden, politische und religiöse, gehören zu uns, sondern sehr viele, die bisher nur jüdisch ~ liberal organisiert waren. Können nicht alle Juden sich uns anschließen? Wer sich diese Frage vorlegt und gewissenhaft prüft, muß zu einer Bejahung gelangen. Als zu Beginn des Krieges die Ostjudenfrage den Juden in Deutschland klar gelegt wurde, die sie bisher nicht gekannt hatten, da kam sehr schnell eine allgemeine Einigung dahin zustande, daß für die Ostjuden die nationale Autonomie verlangt werden müsse. Wo aber ist nach dem Osten die Grenze zu ziehen, bei der die nationale Autonomie zu gewähren ist? Es wäre reine Willkür, wollte man sie da ziehen, wo d e Grenzen des Deutschen Reiches gehen. Entscheidend muß vielmehr der innere nationale Zustand des Gebietes sein. Die Nationalautonomie ist eine Staatsform, die nicht für die Juden erdacht ist und in keinem Lande den Juden allein zugute kommen kann. Wo mehrere Nationalitäten gemischt untereinander leben, da ist das Gebiet der nationalen Autonomie. Jn der Provinz Posen ist dies der Fall. Polen, Deutsche und Juden leben hier zusammen. Für Polen und für Deutsche muß die nationale Autonomie geschaffen werden. Wenn die Juden sie nicht auch erhielten, wären sie gezwungen, sich wenigstens äußerlich der einen oder der anderen Nationalität anzuschließen Sie würden in beiden nationalen Katastern zu finden sein, denn so sicher es ist, dass die in der Provinz Posen eingesessenen jüdischen Familien und Zuzug aus dem Westen sich wegen der kulturellen Zugehörigkeit in Ermangelung eigener Kurien zur deutschen melden müßten, so ist auch damit zu rechnen, daß der nicht geringe Zuwachs, der aus dem polnischen Osten zu erwarten steht, wenn er die Möglichkeit des Bekenntnisses zur jüdischen Nation nicht hat, sich, als zur polnischen Nationalität gehörig, bezeichnen würde. Dann würden im Staatsleben zwischen Deutschen und Polen die nationalen Kämpfe zwar beseitigt sein-im innerjüdischen Leben aber würden sie gerade erst beginnen Das kann kein Jude, welcher Parteirichtung er auch angehören mag, wollen. Die Einheit des Judentums ist für uns alle das höchste Ideal und das mächtigste Gebot der stunde. Jeder Jude, auch wenn er persönlich nicht auf dem Boden des nationa en Judentums steht, kann dafür eintreten, daß bei der Neuregelung der politischen Zustände unserer Lande den Juden die Rechte der nationalen Minderheiten eingeräumt werden. Diese Forderung ist die Grundlage für eine politische Einigung aller Juden unserer Heimat. Der jüdische Volksrat hat diese Plattform geschaffen. Er hat bereits ein gutes Stück Arbeit auf dem Wege zu seinem Ziele getan. Wenn alle Juden sich anschliessen, ist an der glücklichen Vollendung des Werkes nicht zu zweifeln. Juden, wenn Ihr wollt, ist es kein Märchen! Dr. Max Kollenscher.

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