Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
- Journal
- Mitteilungs-Blatt des Jüdischen Volksrats Posen
- Volume
- 1 (1919)
- Issue
- 1 (2.1919)
- Date
- 1919-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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(SüLLQCP-IALQCP-ÜZQ PXQP^C (D^ATC) ITTE1 LU N G^BTÄTT ‘ DES IÜDISCHEN VOLKSRATS POSEN Adresse der Redaktion: Posen, Berlinerstr/5[I Fernsprecher Nr. 1576. Nummer 1. ZWANGLOS ERSCHEINENDE HEFTE iiBiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii Verlag und Expedition: 1ÜD1 SCH ER VOLKSRAT POSEN. POSEN, Februar .1919 — 5679 Adar 1. Büro des jüdischen Volksrats: Posen, Berlinerstr. 511 Fernsprecher Nr. 1576. 1. lahrgang. Was wir wollen I 1er 9. November brachte auch der Stadt und Provinz Posen die Revolution. Arbeiter- und Solda enräte erstanden und rissen die gesamte militärische und zivile Macht an sich; die roten Fahnen lösten die preußischen und deutschen Farben ab. Aeussetrlich sah es so aus, als hätte auch bei uns der Sozialismus gesiegt, allein, wer sich durch die äußeren Zeichen nicht täuschen ließ, erkannte, daß hinter den Formen der sozialistischen sich die nationale Revolution vorbereitete, daß alle die revolutionären Erscheinungsformen nur Dekorationen für die nationale Umgestaltung waren. Am 27. Dezember ließ man auch den Schein fallen: die nationale Revolution war vollendet, die Polen hatten die Herrschaft an sich gerißen. Wir Juden hatten von vorn herein die Situation durchschaut. Wir sahen uns auf einem Boden stehen, auf dem die schwersten nationalen Kämpfe entbrannten. Wir mußten zu ihnen Stellung nehmen. Für viele von uns konnte es keinen Augenblick des Zweifels darüber geben, wo wir hingehörten. Uns, die wir das Judentum immer als Volkstum aufgefaßt und erlebt hatten, die wir uns eins fühlten mit unseren 14 Millionen Volksgenossen in der Welt, uns war die nationale Frage längst beantwortet. Uns Nationaljuden war unsere Parole im Nationalitätskampfe gegeben; sie lautet: „jüdisch“ Alle gesetzestreuen juden fanden sich sehr schnell mit uns zusammen; die Thora kennt nur eine unlösbare Einheit des Gottesvolkes und der Gotteslehre. So bekannten auch sie sich zum nationalen Judentum — in Übereinstimmung mit der Anschauung weitester Kreise der deutschen Orthodoxie. Das nationale Judentum ist uns nicht nur Parole, sondern auch Programm. „Wahrung der nationalen und persönlichen Rechte der Juden in Stadt und Land Posen,“ ist in unserem ersten Aufruf als Aufgabe des jüdischen Volksrats bezeichnet worden. Was verstehen wir unter nationalen Rechten? Als die große französische Revolution auch den Juden die Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit verhieß, war von nationalen Rechten der Juden keine Rede. Damals konnte vielmehr einer der führenden Geister, Clermont Tonnere, die Situation dahin kennzeichnen: den Juden als Nation muss man alles versagen, den Juden als Bürgern alles gewähren. Die Folgen dieser Politik hat der Ratgeber des Preußenkönigs richtig vorausgesehen, als er vor mehr als 100Jahren in der Zeit der großen preußischen Erneuerung und Befreiung die Judenemanzipation als das Mittel bezeichnete, die Juden zwar unblutig aber doch mit einem Male totzuschlagen. Tatsächlich ist in den Ländern der Emanzipation das Judentum an Blutleere erstarrt, und wir würden heute kaum noch einen Hauch lebendigen Judentums verspüren, hätte das emanzipierte Westjudentum allein das Judentum dargestellt Jetzt, wo die Welt wiederum vor einer entscheidenden Wende steht, wo wiederum für lange Zeit hinaus die Grundlagen für alle staatlichen und nationalen Verhältnisse und Beziehungen festgelegt werden, muß der alte Fehler vermieden werden. Soll das Judentum als Ganzes erhalten werden, so muß es nicht nur als konfessionelleSaite im Jndividualleben englischer, französischer, deutscher, polnischer u. s. w. Staatsbürger erklingen, sondern es muß direkt und unmittelbar sein eigenes Jnstrument im Völkerkonzert ertönen lassen. Gerade jetzt, in einer Zeit, in der das Selbstbestimmungsrecht der Völker verwirklicht werden, in der auch den kleinsten Völkern ihr Recht werden, in der die nationale Minderheit innerhalb eines Staates allgemein nicht nur persönliche Freiheit, sondern auch nationales Recht erlangen soll, ist es die Pflicht der Juden, für den Bestand des nationalen Judentums zu sorgen, nationale Rechte zu fordern. Gilt dies schon allgemein, so ganz besonders für uns Juden in Posen, die wir in gemischt-nationalen Gebieten leben. Jetzt tobt der Kampf um den Besitz des Landes, um die staatliche Herrschaft in unterer Heimat. Wir Juden erstreben sie nicht. Wir wissen aber, daß, wie der Kampf auch ausgehen mag, und, was noch bedeutungsvoller ist, wie die Friedenskonferenz auch immer über die staatliche Zugehörigkeit Posens entscheiden wird, alle Nationalitäten, die jetzt vorhanden sind, im Lande — vielleicht mit einigen Verschiebungen im Stärkeverhältnis verbleiben werden. Ob im deutschen Reiche, ob im Polenstaat: in Posen werden Deutsche, Polen und Juden neben einander leben müssen. Die Unterdrückungspolitik der alten preußischen Regierung ist endgültig beseitigt, keine Macht wird sie wieder einzuführen in der Lage sein. Es wird nicht nur keine Ausnahmegesetze gegen eine Nationalität geben dürfen, sondern alle Nationalitäten werden in Achtung vor einander leben müssen, jede Nationalität wird der anderen die selbständige, selbstverantwortliche und selbstbestimmende,