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Israelitische Schulzeitung · 1882-11-01 · 11 (11.1882) · p. Seite 43

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Journal
Israelitische Schulzeitung
Volume
1 (1882). Bestand LBI
Issue
11 (11.1882)
Date
1882-11-01
Page
Seite 43 (sequence 3)
Language
German
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lernte; jedoch wollte ihm die Kunst, wie wir einschränkend hinzufügen, nicht rechtgelingen. Selbst in späteren Jahrhunderten finden wir namhafte Minnesänger als Analphabeten. Erst als der beschränkte und finstere Geist des Mittelalters den wuthschnaubendsten Fanatismus erzeugte und die Juden von jeglicher Gemeinschaft ausschloß, fühlten letztere, — was uns nicht Wunder nehmen kann — sich nur in dem Schoße ihrer Familien heimisch und wurde ihnen der deutsche Laut fast zum Schreckgespenst. Ihrer isolirten Stellung ist es zuzuschreiben, daß sich ein Mischmaschdialekt, ein sogenanntes „Jüdisch-deutsch" entwickeln konnte, das ja nun glücklicherweise aus dem Aussterbeetat steht. (Das Vortragswesen gerieth nach und nach in Verfall, um so mehr als die meisten deutschen Gemeinden ihre Rabbinerstellen mit polnischen Talmudisten besetzten, die, wie Z un z sagt, eigentlich gar keiner Sprache mächtig waren. (Siehe Jost's Geschichte des Judenthums 111. S. 241.) Darschanim und Magidim, die Deutschland überflutheten, haben bis in unser Jahrhundert hinein nicht wenig zu der Sprachverwirrung der deutschen Juden beigetragen und das deuts che Element geradezu zu verbannen gesucht (Mendelssohns Bibelübersetzung!!) Die Schatten finsterer Nacht mußten vor der Morgenröthe der neuen Zeit weichen. Durch die Culturbestrebungen der letzten Hälfte des vorigen und der ersten Dezennien unseres Jahrhunderts kam die deutsche Sprache wieder in das Bewußtsein der deutschen Juden und damit eroberte sich die deutsche Predigt ihre alte Stätte in den jüdischen Gotteshäusern wieder. Leopold Stein sagt in der trefflichen instruetiven Vorrede zu seinem „Koheleth" (1846): „Als vor nun 14 Jahren Z unz sein nicht genug zu rühmendes Werk: „Die gottesdienstlichen Vorträge der Juden" herausgab, konnte er in Betreff der Gegenwart nur von dürftigen Anfängen berichten, während jetzt, nach so kurzem Zwischenräume, die Saat des göttlichen Wortes von Rabbinern, Predigern und Religionslehrern fast in allen größeren und kleineren Gemeinden Deutschlands vielfältig ausgestreut und dadurch eine Institution wieder ins Leben gerufen wird, welche in der alten Zeit Jahrtausende hindurch reichen Segen für Jsrael gestiftet hat." Run sind darüber ca. 40 Jahre verflossen! „Unsere Alten," die sich in ihrer naiven Gläubigkeit gegen die deutsche Predigt als eine Neuerung aufgelehnt, haben längst das Zeitliche gesegnet; die deutsche Predigt sucht heute selbst in den allerkleinsten Gemeinden ihre hohe Aufgabe zu lösen. Ein geordneter, Geist und Gemüth erhebender Gottesdienst ohne Predigt ist kaum mehr denkbar. Das sollte man wohl einem „jüdischen Cantor" doch nicht erst sagen müssen. Zum Schluß möchten wir dem Blatte, dem wir obigen famosen Satz entlehnt haben, den guten Rath geben, sich fernerhin nur den wahren Interessen der Cantoren zu widmen und von jeglicher Arroganz Abstand zu nehmen; die kindischen Spielereien, z. B. den Cantordienft vom Amte des Hohenpriesters abstammen zu lassen — man merkt, oaß die Descendenztheorie in alle Gebiete eingreift — und sonstige Reimereien halten wir eines mit ganzem Ernste sich seinem Berufe hingebenden Mannes für unwürdig. Der Cantor, der an der Leitung des öffentlichen Gottesdienstes einen so hervorragenden Antheil hat und an vielen Orten zugleich die Stellung eines Religionslehrers einnimmt, darf nie und nimmer über seine eigentlichen Funktionen die Förderung intellektueller Bildung vergessen; ihm muß Predigt oder sonst ein religiöser Vortrag in der Landessprache als ein integrirender Theil des jüd. Gottesdienstes gelten; er muß von dem Gedanken durchdrungen sein, daß Predigt und synagogaler Gesang vereint, einen wahrhaft erhebenden und erbauenden Gottesdienst bilden. Darum fort mit jeder Eifersüchtelei zwischen Cantor und Prediger! M. Spanier. Schulnachrichten. Magdeburg. In der „Evangelischen Pädagogik" von Christian Palmer, neu bearbeitet von 1>r. E. Gundert, Stuttgart 1882, finden wir Seite 11 folgende Anmerkung: „Das spätere Jadenthum legte großen Werth auf Schulbildung. „Durch den Dampf (!!) aus dem Munde des Kindes in der Schule wird die Welt erhalten" — lautete ein Rabbinenspruch. Gerade in den Zeiten der Bedrückung erschien die religiöse Unterweisung als unentbehrliches Mittel zur Reinerhaltung des Glaubens. — In Deutschland übersteigt heute der Procentsatz der jüdischen Kinder, welche einen höhern Schulunterricht genießen, den der christlichen nach Ausweis der Statistik um ein Namhaftes, jedoch ohne das dasselbe Verhältniß bei den Prüfungen pro faeul, täte docendi wiederkehrte. Firnhaber in seiner Schrift: „Die Nassauische Simultanschule" Bd. I 1881 sagt S. 353: „Statistisch ist erwiesen, das keine Religionsgesellschaft einen so gewählten Gebrauch von den öffentlichen Schulen macht, als die jüdische. Schlesien. Bekanntlich ist der Procentsatz der jüdischen Schüler auf den höheren deutschen Lehranstalten, besonders den Gymnasien, ein ganz unverhältnißmäßig hoher. Aber so wie in Schlesien scheint es denn doch nirgends zu stehen. An dem königl. katholischen Gymnasium zu Beuthen haben sich unter dem Vorsitz des Schulraths i>r. Reichsacker gegen Ende des letzten Sommersemesters 6 Abiturienten, 4 Juden ttnd 2 Protestanten, der Abiturientenprüfung unterzogen, die sie auch bestanden. Aus diesem Gymnasium sind 181 jüdische, 92 protestantische und nur 149 katholische Schüler bei einer zu etwa 3/4 katholischen Bevökerung gewesen. Noch größer ist das Verhältniß der Juden an dem resormirten Friedrichs¬ und dem evangelischen Elisabeth-Gymnasium zu B r e s l a u, wo sich im Ganzen nur 493 christliche (444 evangelische und 49 katholische), dagegen 521 jüdische Schüler (342 am letzteren, 179 am ersteren) befanden. Unter solchen Verhältnissen nehmen sich die Namen „katholisches", „evangelisches" und „resormirtes" Gymnasium recht seltsam aus. Breslau. Zu der am Freitag, den 6. October, Nachmittags 3'/. Uhr, im Prüfungssale der katholischen höheren Bürgerschule stattfindenden Schul- und Entlassungs-Feier hatte der Dirigent der hebräischen Unterrichts-Anstalt Herr Dr. Neustadt die Eltern der Schüler und die Mitglieder des Schulvereins eingeladen. Den Mittelpunkt der Feier bildete die Entlassung dreier Abiturienten, welche die Anstalt seit zehn Jahren und länger besucht hatten. Nachdem der Schüler-Chor' Ps. 113 gesungen hatte, erfolgten von Schülern verschiedener Klassen Dellamationen von Piecen, welche dem Synagogenritual des Tages entnommen waren. Darauf hielten zwei der Abiturienten Vorträge aus Maimonides und dem Talmud Succa, während der dritte sich an den Dirigenten und die Lehrer der Anstalt mit Abschiedsworten wendete, in welchen er namens seiner Mitschüler dem tiefempfundenen Danke Ausdruck verlieh. Die Erwiderungsrede des Dirigenten enthielt herzliche Mahnungen auf den Lebensweg beim Scheiden aus der Anstalt. Gesang des Liedes: „Herr der Welt" beschloß die würdige Feier. Der Saal war von einem zahlreichen Publikum gefüllt, welches den einzelnen Theilen des Programms mit größter Aufmerksamkeit folgte. Nienburg a. d. W., October. (Or.-Corr.) Am ersten Selichostage, 10. Septbr., wurde der frühere Lehrer Michael H e i l i g e r zu Grabe getragen. Ein großes Gefolge von Christen, darunter Leute von Distinction, schloß sich der jüd. Gemeinde an, um dem Verstorbenen das Ehrengeleite zu geben. Der Heimgegangene stammte vom Moritzb er ge bei Hildesheim. Seine Jünglingszeit hat er als Privatlehrer in hiesiger Stadt verlebt. Zuletzt war er Lehrer in Münden, Nachfolger des bekannten Mauer. Noch in vooller Rüstigkeit war es ihm durch Glücksumstände möglich, vor etwa 7 Jahren dem Berufe valet zu sagen. Diese letzten Lebensjahre hat er in hiesiger Stadt verlebt, die ihm durch verwandschaftsiche Be-

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