Israelitische Schulzeitung
- Journal
- Israelitische Schulzeitung
- Volume
- 1 (1882). Bestand LBI
- Issue
- 10 (10.1882)
- Date
- 1882-10-01
- Page
- Seite 39 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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39 — I. Die Bedeutung des biblischen Geschichtsunterrichtes. Die Wichtigkeit der Kenntniß unserer biblischen Geschichte ist ja wohl zu allen Zeiten unbestritten gewesen, aber in unserer augenblicklich trüben Zeit, wo selbst die grimmigsten Feinde unseres Volkes die kraftvollen Heldengestalten unserer Bibel gegen die ruchlosen Beschimpfungen verblendeter Demagogen in Schutz nehmen müssen, ist die Kenntniß der heiligen Schrift von höchster Wichtigkeit in dem Kampfe der Selbsthilfe gegen die gottverblendeten und von hoher Stelle geschätzten, oder mindestens geduldeten Friedensstörer. — Ein Israelit, dessen Herz begeistert ist von den selbstlosen Thaten eines Moses, der sich oft genug zum Sühnopfer für sein Volk dem Ewigen darbietet, der in unerschrockenem Gottvertrauen sich mitten unter die tobende Volksmenge begiebt, ohne seines Lebens zu achten, -- ich sage, ein Israelit, in dessen Herzen das Bild dieses Moses lebt, wird der wohl nicht den Verlockungen eines Versuchers energisch widerstehen können, indem er mit Entschiedenheit und Sicherheit auf den Helden unserer Religion hinweist, wenn ihm der Versucher die Thaten seines Religionsheros mit glühenden Farben malt? Wird der ihm nicht die schlichten Worte unseres Gottesbuches: „Und der Mann Moses war sehr demüthig," den vergötternden Lobpreisungen der Jünger jenes anderen Helden mit Bescheidenheit entgegenstellen und den Versucher auf diesem Wege, wenn auch nicht zur Beschämung, so doch zum Schweigen bringen können!" — Welche mitleidige Figur würde aber der Jsraelite sein, ohne die Kenntniß nicht nur der Thaten, sondern auch der kraftvollen Worte der gottbegeisterten, von echter Menschenliebe eingegebenen Sentenzen unserer Glaubenshelden, gegenüber jenen Angreifern. — Es sei mir an dieser Stelle gestattet, zwei persönliche Erlebnisse, ein privates und ein amtliches, zur Veranschaulichung solcher Momente mitzutheilen. Zuerst das amtliche : In einer amtlichen Lehrer-Konferenz — die Theilnahme an derselben wird den jüdischen Lehrern öffentlicher Schulen zur Pflicht gemacht — wo ich unter vielen christlichen Kollegen der einzige Jude war, halte ein christlicher College eine Probelektion über einen Theil des Vaterunser abznhalten. Voll heiligen Eifers — der Vorsitzende geistliche Kreisschulinspektor steht in dem Gerüche eines sehr frommen Mannes — dozirt der betreffende Katechet, der zu seinem Privatgebrauche ganz andere religiöse Ansichten hat, vom strengsten konfessionellen Standpunkte aus und in diesem heiligen Eifer spricht er das große Wort gelassen aus: „Keine andere Religion als die christliche betet Gott so oft als den Vater aller Menschen an, keine andere verehrt ihn so innig in dieser Eigenschaft und-— in keiner anderen Religion findet sich der schöne Satz des neuen Testamentes: „Haben wir nicht alle einen Vater, hat uns nicht alle ein Gott geschaffen?! — — Nun muß ich sagen, ich bin nicht schadenfroh, aber in diesem eklatanten Falle, muß ich offen eingestehen, freute ich mich dennoch auf den „Gerichtstag," das will sagen, auf die übliche Kritik nach beendeter Lektion. — Voll heiliger Begeisterung hatten die übrigen Herren Kollegen den Worten des Katecheten gelauscht und als er den höchsten Trumpf ausspielte, daß nämlich nur das neue Testament den Satz kennt: „Haben wir nicht alle einen Vater," u. s. w. Da strahlte ihr Antlitz in überirdischem Glanze. — Nun ist es in diesen Konferenzen Usus, daß nach beendeter Lektion jeder Theilnehmer der Konferenz zur Kritik über die Lektion, resp. über den Vortrag — denn auch solche werden in den Konferenzen gehalten — aufgefordert wird. Selbstverständlich wurde der Lektion von allen Teilnehmern der Konferenz das höchste Lob gezollt und endlich kam die Reihe auch an mich. -- Ich erhob mich und sagte ungefähr folgendes: „Es steht mir nicht zu, über den Inhalt und die Form der Lektion ein Urtheil zu fallen, nur eine kleine, unbedeutende Berichtigung wollte ich mir erlauben. Der Herr Katechet hat be- WMet, daß keine andere Religion Gott so sehr als Vater verehrt, wie die christliche und daß keine andere Religion den schönen Satz des neuen Testamentes kennt: „Haben wir nicht alle einen Vater? Hat uns nicht alle ein Gott geschaffen?" — Diese Behauptung muß dem Herren Kollegen wohl nur in der Begeisterung seiner Katechese entschlüpft sein, denn der citierte Vers, den er mit dem vollen Brustton der Ueberzeugung als Beweis für die hohe und einzige Verehrung Gottes als des Vaters in der christlichen Religion beibringt, ist gerade nicht aus dem neuen Testamente, sondern aus dem alten, denn er i st von dem Propheten Maleachi. (2,10.) Daraus folgt also weiter, daß gerade nicht die christliche, sondern daß die mosaische Religion zuerst Gott als den Vater aller Geschöpfe verehrt, und die Gleichheit aller Menschen gelehrt hat.- Die Metamorphose der begeisterten Gesichter nach diesen Worten war köstlich mitanzusehen. — Doch der Wahrheit die Ehre: Der Kreisschulinspector nahm nach meiner Bemerkung das Wort und sprach zu dem Katecheten: „Ich wollte Ihnen eigentlich das Folgende erst unter vier Augen sagen, da es indeß schon von Herren B. angeregt ist, so will ich es - Ihnen hier vor allen Ihren Kollegen mittheilen: Wenn Sie künftig solche Behauptungen aussprechen wollen, dann sehen Sie sich doch ja vor, ob sie dieselben auch beweisen können und thuen Sie so etwas in Zukunft nicht wieder."- Und nun das private Erlebniß: Es war an einem schönen Sonntagmorgen im Frühlinge, als draußen vor dem Thore in einem schönen Garten drei Freunde saßen, der Regierungsgeometer der Stadtkämmerer und ich. — Die Luft trug uns balsamische Wohlgerüche zu, die Lerchen schwirrten in der Luft, die Nachtigallen schmetterten aus den Jasmingebüschen ihr herrliches Lied hervor und die feierlichen Glockentöne riefen die frommen Beter zur Kirche, — doch so schön auch die Natur uns allen lachte, so traurig und öde sah es in den Herzen der Menschen aus, denn die Wogen der antisemitischen Bewegung gingen gerade damals am höchsten! Was war natürlicher, als daß auch wir, der Protestant, der Katholik — beide im übrigen sehr tolerante Männer — und der Jude, ihr Herz über „diese Schmach unseres Jahrhunderts" ausschütteten und dieses elende Treiben voll Abscheu verurtheilten?! — Nun weiß ich nicht, war es der schöne Sonntagmorgen oder war es eine zusällige pessinistische Anwandlung über den Ausgang der hochwogenden Ereignisse — zum Schlüsse hob der Regierungsgeometer an: „Aber das werden Sie mir, lieber Freund, selbst als Jude zugeben müssen, wenn Sie der Wahrheit die Ehre geben, daß der einzige Satz unserer Religion: „Liebe Deinen Nächsten, wie Dich selbst," schon allein genügt hatte, unsere Religion zur herrschenden Weltreligion zu machen!" — „Gewiß," erwiderte ich, „Facta loquuntur, und dieser einzige Satz, der die christliche Religion nach ihrer Ansicht, lieber Frund, zur Weltreligion gemacht hat, er hat es dennoch nicht verhindern können, den ursprünglichen Lehrern dieses Satzes, nämlich den I s r a e l i t e n, Gut und Leben, Land und Familie, Ehre und guten Ruf zu nehmen. Denn dieser Satz, lieber Freund, ist nicht Eigenthum Ihrer Religion, sondern er ist zu finden im dritten Buche Moses." — Da riefen die beiden Freunde, wie aus einem Munde: „Das ist nicht möglich, zeigen Sie uns die Stelle." — „Schön," erwiderte ich, „und da Sie nicht hebräisch verstehen, so will ich Ihnen eine deutsche Bibelübersetzung bringen, in der Sie es selbst lesen sollen." Die Freunde: „Aber nur die Luthersche ist für uns glaubhaft, zeigen Sie uns den Vers in der Luther'schen Bibelübersetzung." — Einem Kirchgänger, der geräde vorüberging, entlieh ich seine Bibel, schlug auf und las 3. B. M. Cap. 19 V. 18: „Du sollst Dich nicht rächen und nichts nachtragen den Kindern Deines Volkes, sonderu Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst. Ich bin der Ewige."-Natürlich waren die Freunde freudig überrascht und von nun an noch eifrigere Verfechter unseres Volkes wie vorher.-(F. f.)