Israelitische Schulzeitung
- Journal
- Israelitische Schulzeitung
- Volume
- 1 (1882). Bestand LBI
- Issue
- 10 (10.1882)
- Date
- 1882-10-01
- Page
- Seite 38 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 38 — Leben!" (4,13.) Darum geht stets an die Eltern, erst mah- I nend, dann warnend, der Ruf: „Wende Zucht an bei deinem Sohne!" „Denn ein thörichter Sohn ist ein stetes Leiden für den Vater" (19,13,) sowie der wohlerzogene die Freude seiner Eltern ist. (29,17.) Glaubet nicht, daß er auch ohne Anleitung den rechten Weg wandeln wird, vertröstet euch nicht auf den sich mit der Zeit entwickelnden „Verstand", der Knabe ist erziehungsbedürftig: „Ein sich selbst überlassener Knabe macht seiner Mutter Schande" (29,15.) Und nie ist es zu spät mit der Erziehung, verzage nie und glaube nicht, daß strenge Zucht nicht mehr Hilfe bringen könne: „Züchtige deinen Sohn, denn es ist noch Hoffnung," aber laß auch im schlimmsten Falle deine Strenge sich nicht in Haß verwandeln, denke immer, daß es dein Sohn ist, den den du auf den rechten Weg bringen willst : „Trage nicht Begier ihn zu tödten!"*) (19,18.) — Kann aber der Vater Zucht geben, wenn er selbst keine hat? Der Vater soll ein Vorbild sein, daß er seinem Sohne zurufen kann: „Laß Deine Augen meinen Weg hinabgleiten! (23,26.) Denn von großer Bedeutung ist der Einfluß der Eltern durch ihr Beispiel aus die Kindesnatur, aber auch außerhalb des Hauses soll der Umgang ein angemessener sein, „denn wer mit Weisen umgeht wird weise" (13,20, ferner 28,7; 15,12 15,31.) Wenn die Zucht ihre Ziele ereichen soll, so muß sie der Individualität des Kindes angemessen sein. Ein und dieselbe That, von verschiedenen Kindern ausgeführt, darf nicht auf gleiche Weise bestraft werden. Der treibende Grund in der Kindesnatur ist nicht bei derselben That stets derselbe. Diese Verschiedenheit der Motive führt uns auf die Verschiedenheit der Charactere. Da nun jede That nach der Gesinnung des Schülers ihre Beurtheilung finden soll, diese Gesinnung aber verschieden ist, so geht an den Lehrer die Forderung : „Erforsche den kindlichen Charakter und danach richte Deine Erziehung ein!" In diesem Sinne möchte man dem Lehrer das Wort zurufen: JjJNS snn „Lerne den Zustand Deiner Lämmer kennen!" (27,23.) Diese Erkenntniß des kindlichen Gemüthes erfordert große Uebung, einen klaren, psychologischen Blick und — Zeit. Aber der Gedanke an die Wichtigkeit des Erstrebten übergeht Hindernisse. Eine stete Aufmerksamkeit auf das Thun des Kindes ist hier nöthig, „denn schon im Spiele giebt der Knabe sich zu erkennen" (20,11.) im '&V ivh pn (22,6) „Unterweise den Knaben nach seiner (d. Knaben) Weise," nach seiner Individualität, dann kann er das, was seinem Wesen angepaßt ist, was Fleisch von seinem Fleisch ist, auch als sein Eigenes, ihm wirklich Angehöriges aufnehmen und nutzbar machen, „selbst wenn er alt ist, weicht er davon nicht ab (2. Vers- Hälfte 22,6.) Als Zuchtmittel werden Zurechtweisung und Ruthe (29,15) angeführt; der Erzieher wirkt mit der S p r a ch e und mit der Hand. Letzteres ist natürlich die bitterste Arznei. Das erstere Züchtigungsmittel ist bei leichteren Vergehen anzuwenden. Je nach dem Beweggründe aus dem die That ensprungen und nach Beschaffenheit der That werden die Strafen (ihrem Grade nach) bemessen: „Schlage den Spötter, so wird der Unbesonnene aufmerksam; den Verständigen weise nur zurecht, so begreift er die Meinung" (19,26,) wo man mit Worten genügen kann, da soll man die Ruthe nicht brauchen. Und auch beim mündlichen Verweis soll man nicht heftig sein, denn, „sanfte Lippen sind Lebensbaum, falsche — gemüthverwundend" (15,4); „wer sanft redet, befördert Lehre" (16,21.) Bei jedem aber wirkt die Zurechtweisung nicht nachhaltig, die Ruthe muß gebraucht werden: „Ein Knecht wird mit Worten nicht gezüchtigt." (29,19.) *) Mendelssohn übersetzt: „Laß sein Jammern dein Mitleid nicht erregen." Ich glaube an der einfachern Uebersetzung (D. V. HI'QN von rns statt v. non) festhalten zu dürfen, zumal der folgende Vers sich enger an den Sinn anschließt- Wolle ihn nicht tobten; denn der Jähzornige erhält Strafe. Nach der M.'schen Uebersetzung enthält der Vers eine treffliche pädag. Lehre, die Consequenz der Strafe, doch zweifle ich, ob diese Anschaung sBasedow) biblisch ist. Jugend hat nun einmal keine Tugend, liebt Thorheit und diese soll entfernt werden: „Thorheit ist an des Knaben Herz geknüpft, die Zuchtruthe entfernt sie von ihm" (22,15.) Sollte man glauben, daß auch die Zuchtruthe keine nachhaltige Wirkung mehr zur Besserung eines verdorbenen Kindes üben könne, so ist sie schon allein der andern Kinder wegen zu gebrauchen, denen durch diese Züchtigung eine sehr anschauliche Drohung zu Theil wird. Die „Ruthe" ist gleichsam ein mnemotechnisches Mittel, die Vorstellung (verstärkt durch das G e f ü h l) der Ruthe verknüpft sich mit der Vorstellung der bega ngenen schlechten That; bei jeder zu begehenden schlechten That wird die Vorstellung der Ruthe reproducirt und warnt. Wenn, wie oben gesagt, die Pädagogik in den Proverbien practischer Natur ist, so läßt es sich nicht anders erwarten, daß hier die Ruthe als Zuchtmittel ihre Anerkennung findet; ja, es scheint manchmal, als ob der Spruchdichter einer andern sich geltend machenden Meinung entgegegentreten wolle, so in dem kernigen Worte: „Entziehe dem Knaben die Zucht nicht, denn schlägst Du ihn mit der Ruthe, — er stirbt nicht; jetzt schlägst Du ihn mit der Ruthe, seine Seele aber rettest Du vom Untergange." (23, 16 u 14.) Es mag dir vielleicht 'nicht angenehm sein, die Ruthe zu gebrauchen. Du zählst auch vielleicht zu den Phrasenrednern von Verletzung der Menschenwürde, der Humanität und dergl. — hier hast Du Wahl, züchtigst Du, so ist er gerettet. Es ist bekannt, wie viel Redens schon von der körperlichen Züchtigung gemacht ist, und dem praktischen Leben fernstehende Männer haben schon oft genug am Berathungstische dagegen geeifert, da sollte man das alte Sprüchlein aus dem alten Buche hervorsuchen und in Goldschrift auf den Tisch malen lassen und stets darauf Hinweisen. (Ein Radikalheilmittel für die Gegner wäre übrigens ein eintägiger nach Verhältnissen einstündiger Unterricht in irgend einer Dorfschule.) Wenn wir von den drei Stufen Zucht, Weisheit, Gottesfurcht gesprochen haben, so ist damit nicht gesagt, daß jede Stufe ihren Abschluß findet, sobald man mit der anderen fortfahren will, sondern auf jeder Entwicklungsstufe kommt eine der drei Erziehungszwecke vorwiegend in Anwendung. Um zu der folgenden Stufe überzuleiten, hat der Lehrer nicht sofort Weisheit zu lehren, sondern er muß zunächst in dem Zöglinge die Luft erwecken, solche zu erreichen (Comenius!) „das erste der Weisheit: erstrebe sie (4,7.)" Wie es keiner Wahrheit an Anfechtungen fehlt, so wird es auch der Erziehungswahrheit, der Zucht, wie sie hier (in den Sprüchen) empfohlen wird, nicht an Anfeindungen fehlen, aber der beste Beweis für die mustergiltige Zucht ist der Erfolg derselben, das erreichte Ziel: „Werde weise, mein Sohn, erfreue mein Herz, und ich kann den Lästerer widerlegen!" (27,11.) Meyer Spanier. Methodologische Grundsätze zur Behandlung des biblischen Geschichtsunterrichtes in der israelitischen Religionsschule. Von Hermann Becker in Schmiege!. „Ein allbekanntes Thema!" so wird wohl der eine oder der andere Leser ausrufen, wenn er den Titel dieser Arbeit liest, und möglicherweise sie nicht weiter beachten. — Und dennoch wage ich es, meine einfachen Gedanken über diesen Gegenstand den Lesern dieses Blattes mitzutheilen, weil ich hoffe, daß ich solchen Kollegen, welche in anbetracht der anderweitigen Pflichten ihres Hauptberufes — ich denke hier zunächst an die Kultusbeamten — nicht Gelegenheit und Muße für pädagogische Spezialstudien finden, in kurzen Umriffen wenigstens die grundlegendsten Prinzipien dieses wichtigen Unterrichtszweiges unserer Religionsschule auf diesem Wege werde vermitteln können. Denn auch auf dieses Thema kann man das Dichterwort anwenden: „Dies ward schon oft gesprochen, doch spricht man's nie zu oft." — Und nun zur Sachet