Israelitische Schulzeitung
- Journal
- Israelitische Schulzeitung
- Volume
- 1 (1882). Bestand LBI
- Issue
- 2 (2.1882)
- Date
- 1882-02-01
- Page
- Seite 6 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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6 i telpunkt der religiösen Bildung in der Geineinde. Er nennt sich Prediger und umgiebt sein Amt mit der äußern Pastoralen Würde eines Geistlichen. Gelingt es ihm, nicht selten durch einige angelernte Kanzelmanieren und hochtrabende Phrasen die Herzen seiner — weiblichen Zuhörer zu gewinnen, so wird er in der Gemeinde gefeiert; auf die ThätigkeiL in der Schule, der Pflanzstätte der künftigen Gemeinde, wird wenig oder gar kein Gewicht gelegt. Besitzt der improvisirte Prediger gediegene Kenntnisse der Geschichte des Judenthums, was ja bei solchen Candidaten leider nur selten der Fall ist, so ist sein Unterricht selbst in der Kleinkinderschule gewürzt mit großen Ideen, die fast immer unverstanden bleiben. Eine andere, oben bereits erwähnte Gattung, sind Cantoren und Schächter. Ist Ersterer mit einer schönen Stimme begabt, so hat er natürlich — und mit Recht — das Gros der Gemeinde für sich. In der Schule, wo er den Religionsunterricht zu geben contractlich verpflichtet ist, leistet er meistens nur Geringes und Ungenügendes. Dem Schächter liegt gewöhnlich der hebräische Leseunterricht ob. Die Bildung, oder besser Unbildung der meisten dieser Beamten, braucht hier wohl nicht erst umständlich nachgewiesen zu werden; sie ist bekannt genug. Und doch wirken solche Männer an Schulen, die von Kindern besucht werden, denen häufig mehr Kenntnisse der deutschen Sprache innewohnt, als ihren Lehrern selbst. Ich gehe noch weiter. Selbst der auf einem Seminar ausgebildete Elementarlehrer besitzt nicht immer die nöthigen Kenntnisse, um einen Religionsunterricht den berechtigten Anforderungen der Gegenwart gemäß ertheilen zu können. Deshalb erwächst meiner Ansicht nach für den Gerneindebund die Aufgabe, vor Allem auf die Heranbildung von practischen Religionslehrern mit pädagogischer Tüchtigkeit in den sämmtlichen jüdischen Seminaren, besonders den theologischen, zu dringen. Es sollten da eigene Abtheilungen mit etwa dreijährigem Cursus für Religionslehrer errichtet werden. Bei der Ausbildung müßte neben»allgemeiner Bildung auf die religionswissenschaftlichen Fächer ein Hauptgewicht gelegt werden, auf die methodische und didactische Behandlung des für die Schule zu verwendenden Lehrstoffes gesorgt werden. Bon großer Wichtigkeit wäre es ferner, wenn die Zöglinge solcher Abtheilungen auch in der Homiletik und Rhetorik gewisse Pensa absolvirten, nicht sowohl aus wissenschaftlichen, sondern vielmehr aus practischen Rücksichten, weil sie für künftiges Amt unentbehrlich sind. Die Stellung eines so vorgebildeten Lehrers würde aber in der Gemeinde von vornherein eine gehobenere sein. Ein reiches Feld der Thätigkeit würde er überall finden. Auf Katheder und Kanzel könnte er alsdann für das Judenthum segensreich wirken und jene Halbheit und Unreife in der Auffassung unserer Religion würde mit der Zeit schwinden. Sämmtliche jüdische Gemeinden, selbst die kleinsten, könnten hierdurch tüchtige Religionslehrer, im wahren Worte des Sinnes Gemeindelehrer haben, nota bene! wenn ihnen für die bessere Besoldung desselben ein Zuschuß*) gewährt wer- *) Die gegenwärtigen Bestrebungen des Gemeindebunds-Ausschusses, durch Begründung des Religions-Unterrichts-Vereins Talmud-Thora nach cieser Richtung helfend einzugreifen, verdienen daher allseitige Förden könnte, oder wenn sie durch Bereinigung mehrerer Gemeinden zu einem Bezirk in der Beschaffung derselben eine Erleichterung finden. Endlich wäre es wünschenswerth, daß solche Candidaten im würdigen Vortrage der Gebete, ohne chasaniftische Künsteleien geübt würden, damit sie auch im Rothfalle, und namentlich in den kleinen Gemeinden, die eines musikalisch gebildeten Cantors entbehren müssen, unbedingt im Stande wären, den Vorbeterdienft zu versehen. So vorbereitete Lehrer werden dem Lehrkörper, einer jeden größern öffentlichen Unterrichtsanstalt mit gutem Gewissen eingereiht werden können, und die staatliche Anerkennung in intellectueller Beziehung wird die materielle nach sich ziehen. Um das Gesagte zu resumiren, könnte meiner Meinung nach, für die Religionslehrerfrage dadurch eine Lösung geschaffen werden, wenn der Deutsch-Israelitische Gemeindebund diese unstreitig wichtige Angelegenheit in die Hand nehmen und seine Forderungen zunächst an die jüdischen Seminare nach drei Seiten hinftellen würde, und zwar daß diese bei der Ausbildung von Elementarlehrern ihr Augenmerk zugleich darauf richten möchten 1) daß die zu entlassenden Lehrer mit den religionswissenschaftlichen Disciplinen gut ausgerüstet seien; 2) daß sie Befähigung zum Abhalten gottesdienstlicher Vorträge besitzen; 3) daß sie gründliche Kenntnisse unsrer Liturgie und Fähigkeit zum musikalisch-recitativischen Vortrag der Gebete besitzen. Zur Lehrer- und Cantorfrage.*) Unter der Ueberschrift: „Die Errichtung einer Vorbeter- Bildungs - Anstalt" plaidirt Herr Siegfried Graf in Essen für Etablirung eines — Musikinstituts für Cantoren; anders können wir eine solche Anstalt nach den Zielen, die Herr G. im Auge hat, nicht nennen. Was Herr G. von den Cantoren verlangt, ist nämlich folgendes: a) Uebersetzung und Verständniß unserer Gebete, b) Vorlesen aus der Thora, c) Historische Entwickelung unserer Gebeten, der Dichtungen, d) Kenntniß der alten und neuen synagogalen Sangesweisen, e) Technische Gesangsausbildung, 0 Chorgesangsübungen, g) Direktionsübungen, h) Technische Ausbildung im Violin-, Clavier- und womöglich auch im Orgelspiel, i) Studien der klassischen Kirchenmusik, k) Studien in Theorie der Musik, l) Geschichte der Musik. In Vielem muß man dem Musikkenner und für Musik Begeisterten beipflichten. So bin ich vollständig einverstanden mit seiner Auffassung von der Würde und Wichtigkeit des Amtes eines tos rp^ty; und das wird wohl jeder sein, der dieses Amtes im Berufe waltet. In der Provinz Hannover darf nach der Spnagogenordnung auch nur der ordinirte „Lehrer", und in größeren Gemeinden, wo die Aemter gederung und reichliche Unterstützung seitens der Gemeinden sowohl, als auch ganz besonders der mit Glücksgütern gesegneten Glaubensgenossen aller Orten. *) Dieser Artikel wurde bereits im Juni v. I. an die Redaktion der „Allg. Ztg. d. I." eingessndt als Entgegnung auf einen Aufsatz des Herrn S. Graf in Essen, betitelt „Die Errichtung einer Vorbeter- Bildnngs-Anstalt" (Nr. 23 d. Allg. Ztg. b. I.). Da der Aufsatz dort keine Aufnahme fand, so bringen wir ihn — da die Cantorfrage jetzt wieder angeregt und von Interesse ist — in diesen Blättern.