Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 51 (22.12.1874)
- Date
- 1874-12-22
- Page
- Seite 404 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Zweige!/ und TheU Gebäudes. H״ denken ge^" 404 -7- K Absterbenals eine organische Rück- und Neubildung erklären. Das ist ja Geschichte. Wo geschichtliches Leben, Bewegung ist, da entsteht Neues, noch nicht Dagewesenes. Wo aber Neues entsteht, muß Altes vergehen. Und daß das Judenthum, unsere heilige Religion, sich entwickelt hat von Anfang her bis heute, daß neue Bildungen, Entwicklungsformen entstanden — wer kann das leugnen? Nie haben wir einen Menschen als unfehlbar erklärt- und die Formen des religiösen Lebens haben sich mit den Lehren und den Anschauungen unserer Lehrer entwickelt. Unsere Lehrer waren Menschen, von welchen kein Einziger für sich den Anspruch aus Unfehlbarkeit machen konnte. Sie disputirten, gaben Erläuterungen, machten An- Ordnungen nach den Anschauungen und Bedürfnissen ihrer Zeit. Dies Bewußtsein entstand bei unfern Glaubensgenossen zugleich mit dem Momente, wo von einigen Männern die Grundlagen zur Kenntniß der jüdischen Geschichte als eines Organismus gelegt wurden. Mit dieser Erkenntniß war der Bann gebrochen, der das Judenthum und seine Entwicklung gehemmt hatte. Das Naturgesetz der Verjüngung machte sich geltend. Es war der unleugbare Beweis des Lebens. Entwicklungsfähigkeit und Entwicklungsstreben bedingten sich gegenseitig. Was haben die Gelehrten, was haben dieRabbinen und Lehrer der Reformperiode in jener Zeit gethan, als esstürmteals der Kampf des Alten mit dem Neuen so mächtig war, daß der Zaghafte befürchten mußte, daß ״kein neues Leben kommen könne aus den Ruinen". Sie haben, wir wiederholen das, den Kampf nicht hervorgerufen, aber sie haben ehrlich und redlich gestrebt, ihn in ein richtiges Bette zu lenken. Sie haben die Quellen des Juden gezeigt, welche Fülle von Geisteskraft und Gemüthstiese jfß Judenthum und in der Judenheit schlummert, welche FüK von Segen der Gesammtheit nicht allein ursprünglich durW die Gotteslehre vom Sinai, durch die Propheten und heiliges Lehrer erwachsen war, sondern auch jetzt noch und für M Zukunft erwachsen könne. Sie haben bewiesen, daß es alü nicht Hartnäckigkeit war, wenn die Juden durch die Jahrtausends hindurch ihr Heiligthum schützten, sich der Religion und di/ Religion für s.ich und ihre Kinder erhielten. Sie habe« mit heldenmüthiger, durch ihr ganzes Leben bethätigter Aus opferung dem Vorurtheil, der Zurücksetzung und Verkennung« den Verlockungen getrotzt und die Treue dem Judenthum ge! halten, was bei einem Menschen mit zeitgemäßer freistrebendei Bildung doch noch etwas Anderes heißen will, als bei eineä im Ghetto ab- und ausgeschlossenen. Sie haben damit Hundert-! tausende gleichgebildeter und strebender Jünglinge dem Juden-! thume erhalten. Oder ist es nicht bemerkenswerth, daß zu/ einer Zeit, als nur die orthodoxen Rabbinen und Lehrer an der Spitze standen, am Ende des vorigen und am Anfänge dieses Jahrhunderts,,der Abfall der Gebildeten in Masse an der Tagesordnung war, während er mit dem Fortschreiten der zeitgemäßen Bildung im Judenthum, mit dem Aufstreben der Reform- Achtung ein Ende hatte, oder sich doch nur auf noch einzelne, Ganzen characterlose, für das Judenthum todtgeborne Eui ouc dm Nal folg! rnr jT. thums geprüft und klargelegt. Sie haben in ihm die Ent- Wicklung erkannt und nachgewiesen. Sie haben die Spreu von dem Korn gesichtet. Sie haben das Abgestorbene mit dem richtigen Namen bezeichnet: todt. Sie haben das Ewige, Heilige, die unwandelbaren Ideen, die für alle Zeiten werthvollen Lehren beleuchtet, verherrlicht, und dadurch gekräftigt. Sie haben das Judenthum vertheidigt gegen innere und äußere Feinde. Sie haben gestritten wie unsere Väter einst in jener ewig denkwürdigen Epoche, in den Zeiten Esras, des großen Verjüngers des Judenthums, in einer, Epoche, die überaus viele Analogien mit der Gegenwart hat, — sie haben gestritten, in einer Hand die Waffe zur Abwehr, in der andern die Kelle und den Bauhannner zur Hcrrichtung des neuen Tempels. Sie haben nach Außen das Judenthum und seine Wissenschaft zur Ehre gebracht und sein ewiges Leben beurkundet. Sie haben gekämpft für die Gleichberechtigung des Judenthums und der Judenheit, für Wahrheit, Freiheit und Recht. Sie haben gelernt und gelehrt. Sie haben das Vorurtheil gebrochen und die Bildung verbreitet. Sie haben durch edlen Charactcr geglänzt, die Hochachtung aller guten Menschen sich errungen, und die Verbrüderung der Menschheit dadurch wesentlich gefördert. Sie haben bewiesen, daß das Judenthum sich nicht aus- und abschließt von den großen Zielen der Gesammtheit, und daß man es aber ungerechter Weise ausgestoßen und abgeschlossen und daß man es also fürder nicht abschließen könne und dürfe. Sie haben nachgewiesen, daß alles Große, Edle und Schöne der Tochterreligionen auch in der Mutterreligion enthalten ist.^') Sie haben dadurch nicht allein die Berechtigung des Judenthums in Gegenwart und Zukunft erschöpfend dargethan, sondern auch den Einsichtsvollen unter den Nichtjuden ,M *) Geiger's Preisfrage: Was hat der Mohamedaniismus dem Judenthum entnommen? — Glieder beschränkte? Sie haben die Gotteshäuser in Israel auch den Gebildeten wieder zugänglich zu machen gestrebt, indem sie dem Geiste und Gemüthe durch den öffentlichen Gottesdienst wieder Nahrung zuzuführen suchten. Das Alles und noch mehr haben die Männer, Rabbinen Di und Lehrer der Reform gethan, deren Reihen sich lichten, — von denen die größte Zahl, eine glänzende Schaar reichbegabter und hochstrebender Geister bereits in die Gräber gesunken, > Männer, die jetzt von vielen ihrer unwürdigen Epigonen noch«^ im Grabe geschmäht, deren übriggebliebene Gesinnungsgenossen^l verlästert und verfehmt werden. Ihr, die Ihr Euch mit der Bezeichnung ״strengorihodox" brüstet — Ihr genießt die Früchte des Strebens und Wirkens jener Unsterblichen und zum Dank^ dafür besudelt Ihr ihre Gräber? Ihr zehrt von ihrem Wissen, : Ihr erfreut Euch d.r Freiheit, die sie errungen und zum Danke j dafür — verbrennt Ihr sie in ihren Werten und in ihren ( Bestrebungen, deren Früchte Ihr genießet? \ Das immer und immer wieder nachzuweisen, zu verkünden,! das ist unser Recht und unsre Pflicht. Wir, die wir j. auf den Schultern der Alten stehen, wir haben nur ihre NamcTl vor Verunglimpfung zu wahren, sie zu ehren, in ihren Fuß- 1 tapfen zu wandeln. Das sollen wir und das!vollen wir. j Und damit tragen wir redlich das Unsrige bei — zur Forts entwicklung des Judenthums und der Menschheit. / Das aber ist das Traurige, daß nicht nur die sich ״ortho- / dox" Nennenden, die Gegner des Fortschrittes, die würdigen £ Vorgänger mißachten und verunglimpfen, sondern daß auch Viele der Andern, die von den Früchten zehren, die jene aus- . gesäet und mit ihrem Schweiße gedüngt und mit ihrer ganzen Lebenskraft gepflegt, die Säeleute nicht kennen wollen und leicht- ' sinnig, gleichgültig, ja selbst feindlich auf ihre Vorgänger zurücka* schauen. Sie kennen nur sich, glauben nur sich Alles zu tz verdanken, was errungen wurde. O, Ihr Aerzte, Advokaten und Züchter, Ihr Professoren und Lehrer an öffentlichen Schulen und auf Universitäten, Ihr Kaufleute, die Ihr durch Eure Bildung eine geachtete Stellung in der Gesellschaft einnehmt, die Ihr Euch der den Juden gewordenen Gleichstellung erfreut, glaubt Ihr, das Alles wäre gekommen, wenn nicht jene Männer auf die Warte der Zeit sich gestellt, für di W