Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 51 (22.12.1874)
- Date
- 1874-12-22
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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in Mmeinäe /?cftcffunflcn nehnien alle Postanstalten und Buchhandlungen an. Preis »ierteljiihriich 171!׳* Agr. No. 51. Herausgegeben von I. Kkingenstem in Ingelheim.- Inserate find an Heinrich Fischer & Co. in Leipzig zu senden. Preis der 3 gesp. Znle 2 Agr. Leipzig, den 22. Nerrmder. 1874. Inhalt: An unsere Leser! — Leitartikel: Unser Recht und unsere Pflicht. — Zu der intereflanten Erörterung. — Correspondenzen : Aus Baden. Von der Tauber. Aus Westfalen. Aus dem Oldenburgischen, Oppeln, Posen. — Rundschau: Gorlch, Heldelverg, Aus Baden, Wien. Prag, Petersburg. — Literarisches. — Anzeigen. Sn unsere geehrten ^ser! r \ \ Mit der nächsten Nummer schließt der dritte Jahrgang dieser Zeitschrift. - Wir werden auch im nächsten Jahre fortfahren, für die volle Entfaltung unseres Programms, für die Förderung des Lichts und der Wahrheit im Judenthume zu wirken. Unsere Zeitschrift ist die einzige, welche innerhalb des deutschen Judenthums der Sache des Fortschritts und der religiösen Resornr entschieden, ganz und voll dient. Die besten Männer unserer Zeit haben uns ihre Mitwirkung zugesagt. Mögen daher auch alle unsere Gesinnungsgenossen, alle gebildeten und der fortschreitenden Richtung zugeneigten deutschen Juden auch ihrerseits ihre Pflicht thun und uns unterstützen fln dem Kampfe gegen die Verfinsterung, in unserem i .reden für die Verbreitung lichtvoller, zeitgemäßer Anschauungen, unter allen unseren Glanbensgenossen. Wir werden da-- durch allein die gefährdete Gemeinde-Einheit zu erhalten im Stande sein. Insbesondere bitten wir die Herren Rabbinen, Lehrer und Gemeindevorstände, unserem Werke fördernd entgegen »ommen zu wollen. Selbstverständlich werden wir der Sache der Schule und Lehr-:״׳- wie früher im ״Jsr. Lehrer" auch in diesem Blatte die eingehendste Sorgfalt widmen. AE*' Die ״Jüdische Volkszeitunq" ist durch jede Post und Buchhandlung zu beziehen, erscheint wöchentlich und kostet pro Quartal 2 Mark excl. Bestellgebühr. Ober-Ingelheim und Leipzig, im December 1874. Herausgeber und Berlagshandlnng. Unser Reeüt unä unsere Dskicüt. 111. Alle organischen Dinge find dem Gesetze der Entwicklung unterworfen. Ohne Entwicklung gibt es keine Organismen. Die Organismen werden und entstehen nicht auf einmal, vergehen nicht urplötzlich. — Und ganz gleichen Entwickelungsgesetzen ist auch, nach den Erfahrungen der Geschichte sowie den Lehren der Psychologie, das Geistesleben der Einzelnen wie der Gesammtheit unterworfen. Unter den physiologischen wie psychologischen Entwicklungsgesetzen ist das der Verjüngung vor Allen hervorragend und bestimmend. Ja, es ist recht eigentlich der Urgrund aller Entwicklung und diese selbst. Es ist dies dasjenige Gesetz, wonach in der Natur Rückbildung und Neubildung, Organisirung und Auflösung, Auf- und Ableben in engster Beziehung zusammenstehen, sich einander bedingen und bestimmen. Die Schlacken, die abgenutzte Substanz werden aus dem Organismus ausgetreten, um die neu aufzunehmenden Stoffe zum Wiederaufbau zu nützen. — Wenn die Blätter von den Bäumen abfallen, zeigen fich die Narben als die Stellen, aus welchen der sich verjüngende Blattv keim hervortritt. k Ünd nicht minder ist im Geistesleben jedes neu gebildete Urtheil mit einer Ausscheidung eines Vorurtheiles verknüpft. (Vorurtheil ---vor dem Urtheil.) Es gibt im Geiste des fich entwickelnden Menschen, im Gemüth- und Seelenleben insbesondere des Kindes keine eigentlich leere Stellen, sondern überall Seelenbildungen, die ״vergessen", d. h. ausgeschieden werden müffen und Reize, fich Neues anzueignen. Weil das Kind leichter vergißt, d. h. weil bei ihm die Rückbildungen schneller von Statten gehen, darum eignet es sich auch wieder leichter neue Vorstellungen, wahre und falsche an und jede Rückbildung einer falschen Vorstellung läßt den Reiz zurück zu einer (wahren) Neubildung. Das Wort des Dichters: ״Man muß vergessen lernen", erscheint dem Psychologen undPädagogen als eine Naturnothwendigkeit, wie — das Abfallen verwelkter Blätter der Bildung neuer Zweige vorangehen muß. ״Irren ist menschlich". Wer nicht mehr irren kann, unfehlbar ist, ist — geistig tobt. Und gerade so ist es im Geistesleben der Gesammtheit. Auch hier ist Entwicklung, Verjüngung, d. i. Rück- und Neubildung, Naturnothwendigkeit. Auch hier erkennen wir Irrthümer, die früher für Wahrheiten gegolten; auch hier müssen wir organische Rück- und Neubildungen Nachweisen und dadurch das Leben, die Entwicklung beurkunden! Und die Religion? Wir können uns die Geschichte des Judenthums nur als eine Kette von Entwicklungsformen, von Verjüngung und