Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 49 (8.12.1874)
- Date
- 1874-12-08
- Page
- Seite 388 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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׳•׳־5 "י'"* 388 j: ffl ’־ grundsätze, sondern um widerliche und abgestorbene Formen, deren Wesen längst geschwunden ist, — sehen, ein Kampf, der für jene Männer längst entschieden ist, darum und darum allein sind sie halb abtrünnig geworden. Der Kampf wäre ja auch für uns entschieden, wenn uns nicht des Volks erbarmte, das die herrschsüchtigen Führer fanatisiren und das wir zum Lichte geläuterter Erkenntniß führen möchten und — müssen! Und darum ist unsere Ueberzeugung unerschütterlich: Frisch auf im Kampfe! Es ist eine gefährliche und traurige Anschauung, die auch bei unseren Gesinnungsgenossen, welchen dieser Kampf und jeder Kampf um der Religion Willen zuwider, gang und gäbe ist, daß unser Wirken und Streben in dieser Richtung unnütz, ja gefährlich, jedenfalls widerlich sei; daß wir es gehen lassen sollten, wie es eben geht; daß die Gegnerschaft nicht nützen könnte. Denken so auch die Genossen anderer Religionen und Confessionen? Sehen wir sie nicht nach den verschiedensten Richtungen rüstig kämpfen — und wir sollten feige die Hände in den Schooß legen? Nein, wir dürfen nicht ruhen. Mit wissenschaftlichen und strengen, langweiligen theoretischen Auslassungen freilich ist da nicht zu helfen. Nur thatkräftige, wir möchten sagen: volkspädagogische Wirksamkeit fruchtet dann — Auge im Auge dem Gegner, ihm nachstellen aus seinen Fuchsgängen, ihn blosstellen, ihn herauszerren vor das Helle Tageslicht, ihn als das zeichnen, was er wirklich ist — nur das kann nützen, wenn nicht gleich, so doch mit der Zeit und — mit der Hülfe Gottes! — Diese ewige Leisetreterei, dies Herumtaumeln auf unerreichbaren Höhen kann die nicht weiterführen, die wir erleuchten, cultiviren, zum Lichte heranziehen wollen, die Kinder des Volks! — Mich erbarmt des Volks — sagte der größte Volkspädagoge der neuen Zeit, ein großer Mensch, Pestalozzi! Das soll auch unsere Losung sein! Was ist dem gebildeten Menschen der Gegenwart Religion? Was soll sie ihm sein? Was soll sie einem Jeden werden? Ist sie jetzt uns etwas Anderes, als was uns Moses lehrte? ״Denn dieses Gebot, das ich Dir heute gebiete, nicht zu wunderbar ist. es Dir und nicht zu fern. Es ist nicht im Himmel, daß Du sagen müßtest: Wer steigt für uns in den Himmel und nimmt es und bringt es uns, daß wir es vollführen. Und nicht jenseit des Meeres ist es, daß Du sagst: Wer fährt uns jenseit des Meeres und nimmt es und bringt es uns, daß wir es thun. Sondern sehr nahe ist Dir das Wort: In Deinem Munde und in Deinem Herzen es zu thun." Die Religion ist in ihrem tiefsten Wesen i n d i v i - duell. Die Vorstellungen von Gott und unserem Verhältnisse zu ihm, von der Wahrheit überall können nicht so mitgetheilt, erklärt und erläutert werden, daß sie in allen Menschen oder auch in einem großen Theile gleich aufgefaßt und verstanden werden, gleiche Wirkungen haben. Wenn wir die Herzen prüfen könnten, wir würden finden, daß nicht zwei Menschen ganz gleich denken über die tiefften Wahrheiten, wie. nicht zwei Blätter sich ganz gleich sind auf dem Erdenrunde! Aber in Allen müssen sie die Wahrheiten der Religion und die göttlichen Gebote, die Sittlichkeit, das Sein in Gott begründen. Gebote aber ohne Sinn und Bedeutung, die für unsere Erkenntniß wie für unser sittliches Leben keine Bedeutung haben, oder demselben geradezu widersprechen, kann der denkende Mensch nicht als religiös anerkennen, ohne mit seinem individuellen Wahrheitsgefühle zu brechen. Da habt Ihr die ganze Grundlage der Reform und das Zeugniß ihrer Berechtigung. Wenn Ihr sagt: Gott hat es so geboten, so sagen wir, die Hand auf das heilige Wort und auf das warm fühlende, für Israels Lehre glühende Herz: Nein, tausendmal nein! Die Vorschriften, welche mit der Nationalität, mit dem politischen Leben in Palästina Zusammenhang haben, sind für uns sicher unverbindlich; und Sinnbilder für das setzen, was überhaupt nicht da ist und nicht mehr kommen kann (Opfer, blutige Thieropfer!), widerstreitet dem Bewußtsein von der Uebereinstimmung unseres religiösen Gefühls mit unserem religiösen Thun. Die Wahrheit ist kein Felsen, kein unfruchtbarer Stein, sondern der Lebensbaum der Menschheit. Daß bei Tausenden gebildeter, sittlicher, religiös denkender und fühlender Menschen die größte Zahl dieser Gebote nicht mehr beachtet werden, daß sie sie mit ihrem Denken über Religion nicht vereinbaren können, ist der sicherste Beweis, daß sie ihre Lebenskraft, ihre Bedeutung verloren haben. Sie sind uns Nichts, weil sie uns Nichts sein können. Wie viel von denjenigen, die einmal so denken und fühlen, haben sich — bekehrt? Nicht aus Leichtsinn, nicht aus Frivolität unterlassen wir das; — wer kann es wagen, ernste, wahrheitsliebende, im Leben edle Menschen des Leichtsinns der Frivolität zu bezichtigen, — sondern aus dem heiligsten Gefühle und Drange, dem Streben nach Wahrheit, nach Uebereinstimmung zwischen Denken und Thun, aus Religion! Wir handeln so, weil wir nicht anders können. Würden wir ausüben, was uns Nichts ist, so kämen mir in Zwiespalt mit uns selbst, wir wären Heuchler! Und Heuchler sind die größte Zahl der Gebildeten, Unterscheidungsfähigen, die sich für orthodox ausgeben! Und zu Heuchlern erzieht Ihr Tausende unserer Kinder, die Euern Händen übergeben sind, daß Ihr sie zu Gott und zur Wahrheit führen solltet! Wehe Euch! — — Und daß es so ist, das haben nicht die Reformrabbinen und die ihnen zustimmenden Lehrer, nicht die Gebildeten im Volke gethan, das hat Gott gethan, Gott in der Weltgeschichte! Der jüäiscüe Gvttesnmne. In der ״Allg. Zeit, des Judenthums" wird das synagogale אני והו in den Hosiana-Gesängen des Sukothfestes von Herrn vr. Formstecher auf Grund einer im ״Pester Lloyd" und im Ausland enthaltenen Beschreibung der religiösen Gesänge muhamedanischer Pilger als mit muhamedanischer Theosophie zusammenhängend und aus dem Alexandrinismus entsprungen erklärt. Die Responsorien der Pilger enthalten nämlich den Refrain Jehua d. h. ״O Er". Mit ״Er" wird in den Schulen muhamedanischer Mystiker Gott bezeichnet, der als das zeitlich und räumlich absolut unendliche Wesen ohne Namen ist. Da aber Gott nicht Llos pantheistisch als das All, sondern gleichzeitig als eine frei waltende Persönlichkeit aufgefaßt wird, so wird Gott auch als das ״Ich" bezeichnet. ״Ich bin Er und Er ist Ich": so lautet der Ausspruch hierüber. In der alexandrinischen Philosophie soll die Wurzel für diese Lheosophische Auffassung und Bezeichnung zu suchen sein. Es wird aber unbestimmt gelassen, ob den Muhamedanern diese Begriffe durch die Juden übermittelt worden find, oder ob sie selbstständig aus alexandrinischen Quellen geschöpft haben. Wir erlauben uns, dieser Erklärung eine andere gegenüberzustellen. Der talmudische Bericht sagt (M. Succ. 4,5): R. Jehuda habe 1m אני statt des sonst üblichen ',אנא ד für die Hosiana-Gefünge des Hüttenfestes eingeführt. «M ׳ f jh ■