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Jüdische Volkszeitung · 1874-12-08 · 49 (8.12.1874) · p. [Seite]

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
49 (8.12.1874)
Date
1874-12-08
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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י £ Indisch e Volkszeitung. doclkenKckrijt j>m! ^m\k fo§ |ortscltritt| in ^emeinäe mul |cl1ulß, Synagoge mul ^eben. Kestekkuancn nehmen alle Postanstalten und Buchhandlungen au. Preis uierteljöhrlich 171/2 Agr. Herausgegeben von I. Klingenstein in Ingelheim. Inserate sind an Heinrich Fischer L Co. in Leipzig zu senden. Preis der 3 gesp. Zeile 2 Agr. No. 49. Leipzig, den 8. Necemlier. 1874. Inhalt: Leitartikel: Unser Recht und unsere Pflicht. II. — Der jüdische Gottes name. Correspondenzen: Fürth, Vom Rhein, Aus Mittelfranken. Rundschau: Wiesbaden, Berlin, Fürth, Koschmin, Oldenburg. Wien, Paris, St. Petersburg, Maastricht. Literarisches: Beiträge zur jüdischen Alterthumskunde. — Sammlung gemeinverständlicher wissenschaftlicher Vorträge. — Deutsche Zeit- und Streitfragen. Vermischtes. Achama: Einnahme im November 1874. Anzeigen. lln(cr Hccfit und unsere 11. ״Wer mir ihn einen Juden nennt, dem sage ich: es ist nicht wahr, er gehört nicht zu den Gesinnungsgenossen von Moses Medelssohn!"*) So sagt ein Nichtjude! Einen Gesinnungsgenossen Moses Mendelssohns! Wie leicht das gesagt ist. Geht doch hin und fraget die, so sich ״orthodox" nennen; die sich und nur sich allein für die allein rechtgläubigen Juden erklären, ob sie Moses Mendelssohn, gesegneten Andenkens, in Wahrheit als den ihrigen anerkennen, ob sie es nicht beklagen, daß es einen Mendelssohn gegeben; ob sie ihn nicht heute noch eben so als Ketzer erklären, wie weiland ihre Vorgänger in polnisch-jüdischen Kaftanen, die sich schaarenwsise vor des Weisen Thür in Berlin aufstellten und geduldig warteten, bis er heraus kam, um — vor ihm auszuspucken! Fragt die Gesinnungsgenossen dieser deutsch-jüdischen Publicisten, dieser Culturfeinde, ob sie nicht heute noch die Schriften Moses Mendelssohn's in Bann thun und verbrennen würden, wie es dazumal und auch mit den Schriften Maimonides' geschehen. Nichts Neues unter der Sonne! — — Und wenn sie es selbst aus Heuchelei nicht thun dürfen, um sich in den Augen der bürgerlichen Gesammtheit der Gegenwart nicht als das hinzustellen, was sie doch wirklich sind, — so thun es ihre polnischen und ungarischen Genossen und Helfershelfer, die sogenannten großen Rabbinen, die Helden des Wunderglaubens in unserer Zeit, die ״Gedole hador"> welche unterschreiben, wenn ein Protest, eine Bannbulle erlassen wird von den gelehrten Gesinnungsgenossen in Deutschland gegen die bösen Reformer! Wir könnten Beweise bringen, daß die jüdische Orthodoxie nicht minder cultur- und bildungsfeindlich ist, als ihre ultramontanen und muckerischen, pietistischen Gesinnungsgenossen, Die schwarzen Ritter und schwarzen Knappen, Sie führen im Schild das gleiche Wappen — Und führen derselben Fahne Lappen Denn — gleiche Brüder, gleiche Kappen. — Aber — wir fürchten das Chillulhaschem. Es ist uns immer tief schmerzlich, wenn unser Kampf hinausgetragen wird in die Welt; wenn wir das Zugeständnis machen müssen, daß unsere herrliche, vernünftige, reine Gotteslehre von eben solchen selbst- und herrschsüchtigen Pfaffen ebenso verunstaltet wird, wie sie von unseren übrigen Vaterlands- und Zeitgenossen jetzt bekämpft werden. Wir möchten es gern läugnen; aber — wer glaubt daran? Wer läßt sich täuschen? Es sind dieselben Absichten und — fast auch dieselben Mittel. Nur Eines! Hunderte, ja Tausende unserer Stammesgenossen haben sich ernsten sogenannten profanen Studien aller Art gewidmet. Es ist eine einfache Consequenz, die wir den Gegnern freierer Richtung im Judenthume vorlegen können: wie viele dieser Studirten, dieser Aerzte, Juristen, Philosophen und Philologen, dieser wahrhaft gebildeten Kaufleute haben sich den orthodoxen Separatgenossenschaften angeschlossen? Wie viele gehören der Orthodoxie an? Vielleicht nicht ein Einziger! Also ist Bildung und Eure- Orthodoxie durchaus unvereinbarlich! Wohl, sie sind, wie man sagt, indifferent geworden — sie haben sich, leider! in ihrer großen Mehrheit überhaupt vom Judenthum losgesagt. Sie gehören nur noch der Form nach zur Gemeinde, zur jüdischen Gesammtheit. Aber — was ist der Grund dieser traurigen Thatsache? Solltet Ihr darüber nicht Nachdenken, nicht die traurige Consequenz ziehen, daß das orthodoxe Judenthum und Bildüng, gediegene Bildung unvereinbare Gegensätze sind? Weil eben die ganze Gestaltung des synagogalen Lebens ihrem Bildungsstandpunkte, dem Ideale dieser Männer nicht adäquat war; weil sie sich innerlich und äußerlich durch eine anscheinend unübersteigliche Kluft von dem getrennt fühlten, was öffentlich noch als Judenthum, als das Wesen des Judenthums erklärt wird, gegolten hat und verfochten wird, haben sie sich abgeschlossen, sind sie indifferent geworden. Die Pietät, das unleugbar in jedem Menschen vorhandene religiöse Bedürfniß würde sie im andern Falle uns erhalten haben. Und weil sie uns Andern, die Rabbiner und Lehrer, die wir die Bildung der Zeit auch in uns ausgenommen haben und durch Beruf und Denkweise demselben zu dienen nicht aufhören können, uns nicht abschließen wollen, in einem ewigen und unaufhörigen Kampf — nicht um Lebens- und Glaubensvr. Franz Kramer, Despotismus und Volkskraft Seite 30.

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