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Jüdische Volkszeitung · 1874-12-01 · 48 (1.12.1874) · p. Seite 380

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
48 (1.12.1874)
Date
1874-12-01
Page
Seite 380 (sequence 2)
Language
German
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380 / satz gegenüber zu verfechten, weil dies Princip so ganz und gar lebensunfähig ist, weil sie selbst wissen, daß es sich um ganz andere Dinge handelt, um einen Kampf, Zu dem ihre Waffen nicht taugen, verlieren sie sich als Nachzügler im Hintertreffen, nnd machen als Schlachthyänen das längst verlassene Feld unsicher — gegen Freund und gegen Feind. Sind das die rechten Conservativen, die zu erhalten streben, was nicht zu erhalten ist und die dadurch denjenigen den Kampf erschweren, die im Vordertreffen stehen, den eigentlichen Streitpunct ins Auge fassen und mit klarem Blick dem Ziele zustrebcn, das ihnen heilig ist und wohl auch den Hintermännern heilig sein müßte? Wer nicht blind ist, der muß es wahrnehmen durch alle Erscheinungen der Gegenwart hindurch, daß der Kampf sich längst schon recht eigentlich dreht um die äußersten Grenzpuncte, oder vielmehr um den scheidenden Mittelpunct, den Kern des Ganzen zwischen den beiden Heerlagern der Denkenden der Gegenwart: Um naturalistische und supranaturalistische Weltanschauung, um Glauben und Unglauben, um geoffenbarte Religion und ihrem Gegensätze, — dem Aufgeben aller Religion; das sind jetzt die schwerwiegenden Fragen, die gestellt werden von allen Seiten. Wir, die Reformer, wir vertheidigen unsere Gotteslehre, unseren Unsterblichkeitsglauben, unsere jüdischen Grundlehren, die Wurzel, und Ihr, Ihr sucht die verdorrten, die abgefallenen, die verwesten Blätter auf und wollt, daß wir — wenn unser Beruf uns das Lehren zur Pflicht macht, — sie nun ebenfalls erhalten, schützen, auslesen, wieder anheften, mit frischem Safte versehen und sagen sollen: Sehet, das ist der Lebensbaum des Judenthums; so sieht er aus. Auch während des Winters, ja immer muß dieser Baum, das Judenthum, diese Blätter tragen, er muß sie immerfort tragen, ganz dieselben Blätter — und während Ihr von uns das verlangt, stehen neben und hinter und vor uns die kräftigen Arbeiter mit den großen Aexten, die den Baum an der Wurzel umzuhauen oder mit der Wurzel ausrotten, zersägen und verbrennen wollen im Feuer des Unglaubens, — und wir haben ihnen zu wehren mit ganzer Kraft! Und Ihr, Ihr nöthigt uns, während deffen mit Euch um die verdorrten Blätter streiten! Und gar viele von Euch kümmert nicht der Baum, sondern nur die Blätter! Wißt Ihr denn nicht, oder wollt Ihr nicht wissen, daß der Baum frischen Schmuck, frische Blätter für die abgefallenen bekommen wird, wenn er lebenskräftig ist, wenn wir seine Wurzel erhalten, daß das Abfallen in der Natur liegt und schon öfters dagewesen — auch beim Lebensbaum Judenthum, und daß er kräftiger werden wird immer wieder eben mit dem neuen Schmucke, den frischen Blättern? Wollt Ihr uns, die wir die Geschichte des Judenthums mindestens eben so gut kennen, als Ihr, weiß machen, diese Blätter, die Ihr erhalten wollt, wären von Anfang dagewesen? Ihr wißt es eben so gut, als wir: der Lebensbaum des Judenthums hat schon öfters seine Blätter gewechselt; er hat schon manchen alten Schmuck verloren, manchen neuen erhalten; es ist ihm schon mancher Frühling, Sommer, Herbst und Winter erschienen — in der Weltgeschichte zählen Lebenscpochen nach Jahrhunderten — und die neuesten von Euch so sehr gepflegten Blätter sind zumeist kaum ein Jahrtausend alt. Mit Euren Sophismen könnt Ihr blöde Geister und Kurzsichtige irre leiten. Aber der Geschlchtskenner, auch der oberflächlichste, wird Euch sagen: das Judenthum hat sich äußerlich verändert mit der Weltgeschichte Lauf. Es war ein Anderes als Jsraelitenthum, von Mojes bis zur Zerstörung des ersten Tempels, ein anderes zur Zeit des zweiten Tempels und der Entstehung des Talmuds, ein anderes nach dem Abschluß desselben und bis Zu Maimonides, ein anderes vor und nach der Edition des Schulchan-Aruch. Insbesondere hat der Synagogen-Cultus eine stetige Umbildung erfahren. In seinem Kern ist es sich dennoch stets gleich geblieben, aber auch die Auffassung dieses Kernes ist eine verschiedenartige gewesen in den verschiedenen Jahrhunderten und die Form hat sich stets umgebildet, je nach dem Einflüsse der Mitwelt auf das Judenthum. Es hat stets Fühlung gehabt mit der Außenwelt und nur in einigen der traurigsten Zeiten grundsätzlich die Wissenschaft der Gesammtheit von sich gewiesen und perhorrescirt. Die größten Geister des Judenthums jedoch, die bewegenden und maßgebenden haben stets sich auch mit der Wissenschaft im Allgemeinen beschäftigt, haben das Judenthum, seine Lehre und seine Gebote selbst, wenn auch nach immanenten doch in der Logik und Philosophie, in der Mathematik und Astronomie begründet, — d. h. nach Wissenschaftlichen Grundsätzen gepflegt und ausgebildet. Und — was folgt daraus für unsere Zeit? Wir und unsere Vorgänger in diesem Jahrhundert haben weder den sogenannten Abfall verschuldet noch sind wir die ersten Schöpfer der Ideen der Reform gewesen. Die Weltgeschichte und die Geschichte des Judenthums weisen nach, daß Reformen Naturnothwendigkeiten sind und sich als solche erfüllen. Als die Judenheit eintrat in das politische und sociale Leben des vorigen, d. h. des classischen Jahrhunderts der Humanität, als es sich zu betheiligen ansing in Wissenschaft und Kunst, — da maß es zuerst sein religiöses Leben mit dem neuen Maße, das •e§ kennen gelernt hatte von seinen Zeitgenossen. Die Judenheit allüberall war es — nicht zuvörderst die Lehrer und die Rabbiner, die das Unbehagen fühlten, welche das verfinsterte Judenthum mit sich brachte. Und während Hunderte und Tausende aus Mangel an religiösem Wissen — und diesen Mangel haben die alten Lehrer verschuldet, die ihren Schülern an Geistesbildung im Allgemeinen nicht ebenbürtig waren — absielen, ganz verloren gingen für Judenheit und Judenthum, verlangten Andere, daß das Judenthum abwerfe sein mit der Zeit gewordenes und mit der Zeit auch mürbe und fadenscheinig gewordenes Gewand und daß es sich versöhne mit der Wissenschaft, mit dem Geiste der Bildung, die ihnen geworden, mit dem Geiste der Zeit. Sie haben den Boden für die Reformen geebnet, sie haben sie — die Reform — veranlaßt, gefordert und gefördert. Sie verlangten von den Rabbinern und Lehrern, daß diese ihnen sich ebenbürtig machen an Wissenschaft und Bildung ihnen gleich werden und sich ihnen zugesellen. Das geschah. Das Leben fordert die Reform mit Ungestüm. Kann man also sagen: ' Die Reform-Rabbiner haben es gethan, aus eigener Jnitiative, ohne Veranlassung und Grund? Wir lassen heute die Pflicht ganz außer Auge, die uns die redlich gewonnene Ueberzeugung, der Dienst der Wahrheit auferlegt. Wir nehmen mit den Gegnern an, daß die Reformen schädlich waren — so sehr uns dieses Zugestündniß, wenn auch nur als Hypothese, widerstrebt. Wir wollen nur sagen, daß der Vorwurf der Orthodoxie auch nach dieser Richtung vollständigst erfunden, eine bewußte Lüge ist. Nicht Geiger und ferne Genossen, weder die Rabbinerversammlungcn noch die Synoden, weder die Rabbiner noch die Lehrer haben die Reform und die Umbildung des Judenthums und des jüdischen Lebens gebracht. Sie — die Aenderungen im Leben, im Cultus, in der religiösen Auffassung des Judenthums, sind eine naturgemäße Folge des neuen Lebens der Bildung, der Wissenschaft. Und nun wagt es, dre Bildung der Zeit, fl . ו

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