Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 48 (1.12.1874)
- Date
- 1874-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Indische Volkszeitilllg.;|ocknsclmft fui! j|rtund$ fa§ j|ortsclmtt$ in Gemeinde und ^cjiultz, ^WNgog^ und ^eben!!ml Ktftelkuagen nehmen alle Postanstalte» und Buchhandlungen an. Preis vierleljälirlich 17^/2 Zgr. X0. 48. Herausgegeben von I. Kkingenfteia in Ingelheim. Leipzig, den l. Deeember. Aaserate sind an Heinrich Fischer & Co. in Leipzig zu senden. Preis der 3 -esp. Jette 2 Sgr. 1874. Inhalt: Leitartikel: Unser Recht und unsere Pflicht. Correspondenzen: Ingelheim. Nürnberg, Wiesbaden, Aus Unterfranken, Wien, St. Petersburg. Rundschau: Fürth, Von der Rhön, Wien, Prag, Brody, Frankreich, Padua, Florenz, Stockholm, New-Orleans, Smyrna. Literarisches: נתינה לגו־ Feuilleton: Bei einem Getauften (Schluß). Anzeigen. Unser Keckt und unsere Vstiekt. 1. Nochmals soll uns der so plötzlich über uns gekommene Tod eines großen Führers auf dem Gebiete der religiösen Reform Veranlassung bieten zu einigen ernsten allgemeinen Betrachtungen. EL ist nur ein Ausdruck, nur ein Gedanke, der sich in den Aeußerungen unserer Gegner, der Männer des Stillstands oder vielmehr des Rückschritts auf dem religiösen Gebiete innerhalb des Judenthums wiederholt sindet, den wir, ohne gerade eine Person oder eine Coterie zu nennen, berücksichtigen wollen. Es sind nicht die Schmähungen und Verunglimpfungen, die zu wiederholen wir uns als eine Sünde anrechnen würden. Es ist uns damit, wie es in der guten alten Zeit, wir legen den Nachdruck geflissentlich auf das Wort der guten — den jüdischen Schriftkundigen mit einer Blasphemie war, die sie nicht zu wiederholen wagten; sie sagten statt dessen stets das Gegentheil, wie wir schon in der Thora sehr oft sehen.*) Wir übergehen das mit Still- ,.schweigen, was, lächerlich genug, selbst gegen das Wissen und die Bestrebungen Geiger's vorgebracht wurde. Die Geschichte wird darüber und über das Wirken der Männer überhaupt, welche in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts eine Reform und damit die Regenerirung des Judenthums anstrebten, zu Gericht sitzen. Und wenn wir es auch nicht erleben — unsere Enkel werden es erleben — sie werden selbst schon Richter sein über uns und über unsere Gegner. Sie werden Licht und Schatten vertheilen, gerecht, ohne Ansehen der Person. Es ist, sagen wir, nur ein Gedanke, der sich in der verschiedensten Fassung wiederholte, über den wir uns aussprechen wollen. Er ist nicht persönlich, er betrifft uns Alle! — Man sagt: ״Ihr, Ihr Rabbiner und Prediger und Lehrer, die Ihr die Reformen einsührtet und begünstig- •) וברכו אלהים בלבבם «. a. St.! tet, Ihr habt den neuen, sündigen Geist erzeugt und gepflegt, Ihr habt den Abfall gelehrt und verschuldet, Ihr wart als die Wächter bestellt und habt nicht gewacht; Ihr solltet das Alte, Hergebrachte lehren und habt das Gegentheil gethan. Ihr solltet einstehen für das uralte, jüdische Gesetz und habt selbst dagegen gesprochen und geschrieben und gehandelt. Wehe, wehe über Euch, die Ihr die Führer sein solltet und seid die Verführer geworden. Ihr tragt die Schuld und habt die Seelen all der Tausende zu verantworten, die vom Stamme Israel und doch nicht mehr handeln nach dem Gesetze Israels, wie Söhne Israels." Es ist ein harter, tiefeinschneidmder, ja ein schrecklicher Vorwurf, den man uns da macht, und, wäre er begründet, so wäre er das vernichtendste Urtheil über unser gesammtes Wirken. Jst's aber Wahrheit? Ist die Voraussetzung begründet? Haben wir — die Lehrer und Rabbiner — den Abfall vom Gesetze Israels, dem hochheiligen, erzeugt und verschuldet? Wer so spricht, wie es oben angedeutet ist, verschließt absichtlich die Augen vor Allem, was innerhalb des jüngsten Jahrhunderts vorgegangen innerhalb und außerhalb des Judenthums. — Wir, die wenigen Rabbiner und Lehrer, welche die Reform nicht allein in ihren Herzen trugen, sondern sie auch lehrten und in ihrem Leben bethätigten, sollten alle die großen Umwälzungen in Sitte und Leben angeregt oder verschuldet haben, die zu Tage getreten sind? Sie, d. h. diese Reformen, sollten sogar weiter hinaus bis zu den sich jetzt einander gegenüber stehenden Extremen auch nur eine einschneidende Wirksamkeit auf die sich aus- und abschließenden Richtungen veranlaßt haben, die sie — die Lehrer der Reform — ebenso sehr zu beklagen haben und beklagen, wie die Orthodoxen? Glauben diese im Emste, daß etwa die Fragen des Cultus, die innerhalb einer und der anderen jüdischen Gemeinde so viel Staub aufwirbeln, diese Speisegesetze und dergl. die Grenzen des Kampfes bezeichnen, welchen dieses Jahrhundert vom vorigen überkommen hat? Sie glauben es selbst nicht, insofern sie Mitkämpfer sind, die Klopffechter für die Unantastbarkeit des Schulchan-Aruch, für die Unantastbarkeit des überkommenen Cultus, aller Traditionen und Mißbräuche, der minutiösen Speise- und Sabbathgesetze; sie glauben selbst nicht, daß sie im Emste, für die Dauer, mit diesem Material die Zügel des Zeitgeistes, d. h. die im Wege unserer religiösen, socialen, wissenschaftlichen Entwicklung liegenden Gegensätze halten könnten. Weil sie j aber im eigentlichen Kampfe zurückstehen müssen, weil ihnen! hierfür das Zeug fehlt; weil sie unfähig sind, das Princip,!das sie zu haben vorgeben, dem eigentlich schneidenden Gegen-