Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 47 (24.11.1874)
- Date
- 1874-11-24
- Page
- Seite 376 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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376 — \\ d? i,! te; 11 berger k. k. Strafgericht eine Commission auf den Thatort, um den Bestand zu erheben; die Commission gelangte dorthin und ließ die Zwei Leichen zum Behufs der gerichtlichen Section nach dem obgedachten, in der nächsten Nähe liegenden Städtchen Kulikow bringen. Nach geschehener OLduction und Unterfertigung des Protocolles auch von Seiten der hierbei zugezogenen Vorsteher der jüdischen und christlichen Gemeinde fragte der k. k. Criminalrath, wo man die Leichen zu beerdigen habe. Der dabeistehende orthodoxe jüdische Vorsteher, Namens Naftali Jossel Türk, sagte: ״Was fragen Sie, Herr Nath? Da ist unweit unser jüdischer Friedhof, soll man sie zusammen in Einer Gruft beerdigen". Dieser Vorschlag wurde von der ganzen Commission beifällig ausgenommen, und weder von der jüdischen noch von der christlichen Gemeinde wurde ein Einwand erhoben. So ruhen die beiden Getödteten noch bis zur Stunde gemeinschaftlich in Einem Grabe. Zu der Höhe der Anschauung, zu welcher ein orthodoxer Jude sich im Jahre 1840 — freilich in einem besonderen Falle — erhoben hat, vermochte mehr als drei Decennien später die Wiener Judengemeinde sich nicht emporzuschwingen. Sapienti sat! Lemberg, 31 October. Ein Abonnent." Noch dürfte übrigens bemerkenswerth sein, mit welchen Worten die ״N. Fr. Pr." die Discussion über diesen Gegenstand schließt; sie sagt unterm 4. November: ״Der Central-Friedhof ist semer Bestimmung übergeben. Der Streit ist thatsächlich gelöst, wenn auch noch einiger Nachhall sich vernehmbar machen wird. Wir haben jüngst mit einem offenen, rückhaltlosen Worte in die Discussion über die Friedhof-Frage eingegriffen. Dieses Wort hat vielfache Reclamationen hervorgerufen, von welchen eine auch in diesem Blatte ihre Stätte suchte und fand. Wir haben bei dieser Gelegenheit an der Haltung unserer jüdischen Mitbürger in der Fried- Hof-Frage eine Kritik geübt, welche in den betroffenen Kreisen Widerspruch erregte. Stets sachlichen Gründen zugänglich, halten wir das Gewicht derselben für nicht geringer, wenn sie von jüdischer Seite geltend gemacht werden, gewiß aber auch darum nicht für größer. Deshalb möchten wir uns vor Allem die Bemerkung gestatten, daß die Nerven unserer jüdischen Mitbürger denn doch zu seixsitiv sind. Die Juden Wiens, eine Bürgerschaar voll ausgezeichneter Intelligenz, ist gewohnt, an Allem schneidige, mehr oder minder Zutreffende Kritik zu üben; über dieser avitischen Beschäftigung haben sie aber gänzlich vergessen, daß sie selbst gleichfalls ein Object der Kritik sein können. Diese letztere wirkte daher in unserem Falle mit der Macht der Ueberraschung, welche natürlich der Unbefangenheit nicht zu statten kam. Die Juden sind nicht intolerant: das war der Gegenruf gekränkter Ehre, während wir doch wahrlich nicht behauptet hatten, daß die Juden intolerant seien. Wir freuen uns übrigens, die duldsamen jüdischen Lehren über die Bestattung besonders constatirt zu sehen, und erklären uns vollauf empfänglich für den sinnigen Gedanken, daß der Boden der Erde dadurch geweiht werde, daß er einen Menschen zur Grabstätte diene. Aber wäre dieser zarte Gedanke nicht durch einen allen Bewohnern Wiens gemeinsamen Friedhof am besten verkörpert worden? Doch lassen wir unsere jüdischen Gegner, welche sich wohl durch das thatsächliche Ergebniß des Friedhofsstreites werden beruhigt haben, und werfen wir einen Blick auf den gegenwärtigen Stand der Friedhof-Frage. Wenn wir jüngst den Juden ein ernstes Wort sagten, so haben wir gleichzeitig auch dem Gemeinderathe gegenüber mit unserer Meinung nicht zurückgehalten rc." Wir sehen also, wo die Sache sich verfahren hatte und freuen uns übrigens des Endes des ״Streites um den ewigen Frieden". Ans Nnmänieu enthält die ״Neue Freie Presse" nachfolgendes ״Eingesandt". Uns scheint das Unrecht auf beiden Seiten. Mit der Thätigkeit Peixotto's scheint man etwas Charlatanerie treiben zu wollen, und hiergegen wieder nationalrumänische Juden sich bei ihrer Regierung auf Kosten ihrer Glaubensbrüder schön zu thun. Doch, warten wir Näheres ab. Wahr ist, daß in den verschiedenen englischen und amenkanischen Blättern, neuestens wieder in ״Jewish Times", die Wirksamkeit Peixotto's mit einem Glorienschein umgeben wird, der in nüchternen Blättern darum unschön erscheint, weil ein praktischer Erfolg von Peixotto's Wirksamkeit noch nicht sichtbar ist. Das ״Eingesandt" lautet: ״Herr Redacteur! Im Abendblatte Ihres geschätzten Journals vom 14. d. M. gaben Sie eine Stelle aus dem Schreiben wieder, welches wir unlängst im Verein mit einigen hiesigen Notabeln an die ״Pressa" richteten, und machtm dabei die Bemerkung, daß dasselbe ״stark an bestellte Arbeit mahnt und daß wir, die wohlhabendsten Juden, unser Geschick mit größerer Fassung tragen können, als die vielen Tausende, welche jüngst durch rigorose Maßregeln an den Bettelstab gebracht wurden." Wäre der Leitartikel der ״Pressa", welcher uns zu jenem Schritte veranlaßte, Ihrer Beachtung nicht entgangen, so würden Sie sicherlich unser Schreiben von einem andern Gesichtspunkte aus aufgefaßt und ein ganz anderes Urtheil darüber gefällt haben. Es sei uns daher gestattet, den Sachverhalt klarzustellen. Wie das englische ״Jewish Chronicle" und nach ihm andere vielgelesene Blätter, so verkündete neulich auch der amerikanische ״Messager Jsraelite" urbi et orbi, daß es den energischen Remonstrationen des hiesigen amerikanischen Consuls, Herrn B. F. Peixotto, gelungen sei, die Suspension des von den Kammern votirten und vom Fürsten sanctionirten Spirituosengesetzes zu erwirken. Er fordert sodann die amerikanischen Israeliten zu Subscriptionen für Herrn Peixotto, unfern ״Protector, Erretter und Messias", auf und macht Europa den Vorschlag, Rumänien unter das Joch irgend einer Großmacht zu bringen. Die ״Pressa", welche Sie das Organ des hiesigen Auswärtigen Amtes nennen, nahm nun in einem Leitartikel mit feiner Ironie Herrn Peixotto gegen die ״Verleumdungen" des Newyorker Blattes in Schutz, daß ihm Thaten imputire, an welche er nicht gedacht habe, noch auch gedacht haben könne, indem Herr Peixotto absolut nichts für die rumänischen Juden gethan habe, noch auch etwas für sie thun könne. In demselben Leitartikel erkennt die ״Pressa" den Patriotismus der hiesigen Juden, ״deren Lage allerdings eine schwierige" sei, an und verspricht, daß die Judenfrage in Rumänien durch das Land selbst im Geiste unseres Jahrhunderts gelöst werden wird. Eine solche Lösung unserer Frage würde sicherlich von allen Menschenfreunden und gewiß in erster Reihe auch von Ihnen, Herr Redacteur, mit Freuden begrüßt werden, und wir hielten uns daher für verpflichtet, einerseits der officiösen ״Pressa" dafür zu danken, daß sie unserem Patriotismus Gerechtigkeit widerfahren ließ, und andererseits von den uns öffentlich gegebenen Versprechungen Act zu nehmen. Dies sind die einzig wahren Motive unseres Schrittes. Achtungsvoll Adolph Weinberg. F. A. Fokschanenu. A. Büchner. Bukarest, 28. October 1874.