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Jüdische Volkszeitung · 1874-11-24 · 47 (24.11.1874) · p. Seite 375

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
47 (24.11.1874)
Date
1874-11-24
Page
Seite 375 (sequence 5)
Language
German
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375 לד die Geheimnisse, die er der geheimnißvollen Sphynx im Nilthal entriß, er verkündet das Alles der wissenschaftlichen Welt auf dem Katheder zu Göttingen, dessen Universität ihn zu ihren Lehrkräften zählt. Von Nah und Fern eilt man 'zu den Vorlesungen des gefeierten Hieroglyphen-Entzifferers und der größte Saal der Göttinger Hochschule vermag nicht die Zu- Hörerschaft zu fasten. Und dieser Saal öffnet sich nur in drei Jahren einmal — wenn Brugsch von den Pyramiden zum Katheder zurück kehrt. Er führt den Namen ״Brugsch-Saal". Brugsch hat eben in diesem Saal seine neuesten Forschungen dargelegt und rückkehrend zu neuer Entdeckerarbeit auf den Ruinenfeldern Egyptens, hielt er gestern bei uns Rast, um die Leseabende der ״Concordia" mit seinem Vortrag zu eröffnen. Nur in knappster Kürze vermögen wir an dieser Stelle den Inhalt dieses geistvollen Vortrags zu scizziren. Ewig nah und ewig fern liegt uns der Gegenstand desselben. Nah durch die Erinnerung an die Kindheit, die in uns fortlebt, fern in der an die äußerste Grenze historischen Erinnerns zurückreichenden Zeit, durch die Ferne des Schauplatzes des Ereignisses. Die Israeliten in Egypten und ihr Auszug aus Egypten — das war das Thema des Vortrages. Die Bibelforscher und Bibelausleger standen bis jetzt vor drei unlösbaren Fragen. Wer war der Pharao, unter welchem das Ereigniß stattfand? Wann trug es sich zu? Wo sind die Städte Rams es und Pithon, wo die andern Orte,die im Exodus anläßlich desselben genannt sind? Brugsch beantwortet diese Fragen,indem er Papyrusrollen liest, die die Museen zu London, Leyden und Neapel bewahren und deren Hieroglyphen bis jetzt unentzifferbar waren. Der Pharao, der die Kinder Israels zur Frohnarbeit zwang, war König Ramses II., der Große, dem die Griechen den Ehrennahmen Sesostris gaben. Er ließ die Stadt Ramses, die Veste Pithon und andere Plätze durch Frohnarbeiter erbauen. Zerbrechliche Papyrusrollen, die die Jahrtausende überdauerten, geben ausführlich Bericht über den Bau, über die Behandlung der Arbeiter, über das Aussehen dieser Städte und über ihre Lage. Ramses lag im Delta, Ausgrabungen, die der Khedive machen ließ, förderten besten Trümmerreste zu Tage. Unter dem Nachfolger Sesostris fand der Auszug statt. Auf einem Ritt durch Cairo fand Brugsch unter Schutt und Getrümmer einen altegyptischen Säulenschaft, dessen Hieroglypheninschrift lautet: ״Im 5. Jahre, im 3. Monat des Sommers wurde dem König angezeigt, daß das fremde Volk Ewri fortgezogen ist." Das war approximativ um 1300 v. Ehr. Geb. Die Straße, die Egypten mit dem Osten verband, ist auf vielen Denkmälern gezeichnet. Die an ihr liegenden Orte stimmen mit den Etappen überein, welche die Bibel im Exodus verzeichnet. Papyrusrollen, welche . Berichte über die Verfolgung von Verbrechern enthalten, geben " in genauer Uebereinstimmuug mit der Bibel die Entfernungen derselben an. Die Straße führte am ״Jam-Suf", dem Schilffee, vorüber. Ein ererbter Jrrthum hielt das rothe Meer für diesen. In Wahrheit war es eine lange, schmale und tiefe Seekettc, die südlich nahe an den Golf von Suez reichte. Strabo und Diodor berichten von ihr und von der gefährlichen Furth Ha-Chiron, griechisch Baraktra, die durch Sandwehen das Wasser verhüllt. ״Viele Heere, berichtet Strabo, gingen hier im Laufe der Geschichte zu Grunde," und Diodor berichtet das Versinken eines Theiles des Heeres des Artaxerxes an dieser Stelle, die durch Springfluthen noch heute gefährlich ist. Hier fand der Uebergang der Juden, der Untergang der Egypter statt, hier findet das Wunder seine natürliche Erklärung. Zahlreich und überzeugend waren die Belege, die Brugsch für seine Forschung brachte, klar, fließend, baar jeder rhetorischen Floskel, fesselnd allein durch den Gegenstand und die schöne Form der Darstellung war der Vortrag, dem ein zahlreiches, distinguirtes und aufmerksames Publikum folgte und für den es am Schluffe mit lebhaften Beifallskundgebungen dankte." Wien, im November. Die Centralfriedhofsfragc. ist wohl jetzt definitiv abgeschlossen, wirbelte aber nichtsdestoweniger früher, in den letzten Wochen, viel Staub auf. Die liberale ״N. Fr. Pr.", die jetzt materiell in die Hand des Barons von Hirsch, welcher der Alliance isr. universelle für ihre türkischen Schulen eine Million Francs gegeben, übergegangen ist, er hat die meisten Actien dieses Weltblattes aufgekauft, — sprach von ״Intoleranz der Juden". Das konnten sich unsere in dieser Beziehung sehr sentiven Wiener Glaubensbrüder nicht gefallen lassen und es regnete Entgegnungen in allen Blättern und in jeder Art und Form. Wir hätten ganz einfach ant- Worten können: Wenn Ihr Euch anheischig macht, die von unserem Gefühle eingegebenen und zum Religionsgesetz gewordenen Veranstaltungen zu treffen; wenn Ihr die Gräber nie zerstören und profaniren, die Gebeine nicht in die Katakomben werfen, auf den Gräbem keine christlichen Symbole aufstellen wollt, — so wollen wir den Centralsriedhof ungetheilt lassen. Wir können uns einfach einen konfessionslosen Friedhof gefallen lassen, weil der Natur nach unser Friedhof eigentlich eonfessionslos ist; denn unsere religiösen Gebräuche auf dem Friedhofe tragen kein eigentlich confessionelles Gepräge, sind übrigens mehr auf die Lebendigen als auf die Todten berechnet. Wir segnen kein Grab ein, wir haben kein Symbol des Glaubens, denn ״wir sollen uns kein Bildniß und kein Gleichniß machen" und können daher auf unsere Gräber kein solches aufstellen. Unsere Gebete auf den Gräbern sind Worte des Trostes und der Ergebung in den Willen Gottes. Sie tragen den Charakter des Bekenntniffes an einen Gott, der der Vater der Lebendigen und der Todten — sonst nichts! Es wird in allen Zeiten Fälle gegeben haben, wie der unten aus der ״N. F-P." mitgetheilte und das Beerdigen von Christen auf dem jüdischen Friedhofe kann grundsätzlich nicht beanstandet werden. Auch dem orthodoxesten Rabbinen ist es noch nicht eingefallen, Jemand wegen seiner religiösen Führung oder Richtung das ״jüdische Grab", d. h. das Grab auf dem jüdischen Friedhofe, zu versagen. Wir können uns daher über die gegen uns vorgebrachten Anklagen völlig beruhigen und es muß den Christen wohl auffallend sein, daß in dieser Frage alle religiösen Richtungen einig zusammen gehen. Jst's ja kaum eine jüdische Frage! Es ist hier nur die Pietät und Humanität, welche das Judenthum vertritt. Von diesem Gesichtspunkte aus ist auch das, was die ״N. Fr. Pr." unten unter dem Titel ״Ein interconfessionelles Grab" schreibt, gegenstandslos; heute wie alle Zeit würde in jeder jüdischen Gemeine ebenso gehandelt werden. ״Ein interconfessionelles Grab. Herr Redacteur! Der Artikel ״Der Krieg um den Friedhof" in Nr. 3654 Ihres geschätzten Blattes vom 27. October ist in den besseren hiesigen jüdischen Kreisen gehörig gewürdigt und mit Beftiedigung gelesen worden, da die Exclusivität der Wiener Juden durch sich selbst, sowohl bei dem Nothschild'schen Spitale als in der Friedhof-Frage, hier sehr unangenehm berührte. Bei dieser Gelegenheit würde eine Reminiscenz aus dem Jahre 1840 nicht am Unrechten Platze sein. In gedachtem Jahre wurden in einem Dorfwirthshause, eine halbe Stunde hinter Kulikow — ein kleines, zwei Stunden von Lemberg gelegenes Städtchen — ein Jude und ein Christ in einer Nacht ermordet. Gleich darauf delegirte das Lem-

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