Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 47 (24.11.1874)
- Date
- 1874-11-24
- Page
- Seite 373 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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373 Frankfurt a. M-, 12. Nov. 1872. In der Gemeinde Frankfurt, die bei dem Leichenbegängnisse Geiger's in Berlin durch den Rabbiner und drei Mitglieder des Vorstandes vertreten mar, wurde das Hinscheiden des Verewigten in allen Kreisen der Bevölkerung, da Geiger der Stadt Frankfurt entstammte und daselbst einige Jahre als Rabbiner segensreich wirkte, tief betrauert. Es zeigte sich so recht erst, wie die Intelligenz der hiesigen jüdischen Gemeinde ihren gewesenen Führer so richtig zu würdigen verstanden hat. Als Herr Rabbiner Di׳. Brüll das erste Mal nach dem Hinscheiden Geiger's am 7. November die Kanzel betrat, lenkte er die Aufmerksamkeit der versammelten Gemeinde auf den erschütternden Trauerfall, der die Judenheit betroffen und schilderte in ergreifender Weise Geiger's bahnbrechende Wirksamkeit für die Neugestaltung des Judenthums in Wissenschaft und Leben. Aus dem engen Rahmen dieser Gedächtnißrede trat das geistige Bild des Verewigten lichtvoll hervor. Anlehnend an Jes. 40, 7—9. schilderte der Redner die Richtung Geiger's zur Zeit seines Auftretens beiläufig mit den Worten: ״Als damals an die Führer in Israel die Stimmen der Zeit mahnend herantraten und auch Meinungen sich kundgaben, es sei das Wesen des Judenthums nur dürres Gras, sein Glanz nur eine welkende Blume des Feldes, die den Stürmen einer neuen Geistesbewegung nicht gewachsen sei, da hat er muthig und offen das rechte Wort gesprochen, aus den Gründen einer wahren, geläuterten, auf tiefer Einsicht und auf reichem Wiffen beruhenden Uebezeugung den erlösenden Ruf verkündet: Was da Gras ist, mag dorren, was nur Blume ist, mag welken, das Wort unseres Gottes aber wird ewiglich bestehen, die Lehre der Wahrheit nie und nimmer untergehen." Den Inhalt des verlesenen Thora-Abschnittes ,(פ, עמלק) berührend, hob der Redner hervor, wie Geiger, wenn der nimmermüde Amalek sich zum Angriffe gegen Israel wandte, gleich Mose seine Hand muthig erhob, seine Feder zum Schwerte machte, das die Angriffe auf die Ehre und Lehre des Judenthums siegreich abwehrte. Gegen Schluß stellte der Redner Geiger's wissenschaftliche Leistungen dar und faßte dieselben kurz in den Worten zusammen, daß der Verewigte bald in dem Urquell der Bibel tief sich versenkte, bald auf dem Meere des Talmuds sicher dahinsegelte, da in die tiefen Schachten der Forschung Hinabstieg, um köstliches Gold der Erkenntniß ans Licht zu fördern, dort in den lieblichen Gärten der Dichtung umherwandelte um aus den Beeten, die unsere Mustersänger Isaak ben Reüben, Jehuda Halevi, Salomo ben Gabirol, Immanuel aus Fermo und Andere gepflanzt, duftige Blumen zu pflücken. Und daß neben den Namen unserer größten und gefeiertsten Männer, neben Hillel, Jochanan ben Saccai, Saadia ben Joseph, Mose ben Maimon, Asarja dei Rosst, Moses Mendelssohn von den Denktafeln der Geschichte in leuchtenden Zügen in unverlöschbaren Spuren bis in die Ferne der Zeiten hervorstrahlen wird der Name Abraham Geiger. Ueber Geiger's Ahnen kann ich Ihnen Einzelnes mittheilen, was vielleicht nur äußerst Wenigen bekannt sein dürfte. Vier seiner Vorfahren waren Rabbinats-Assessoren (דיינים) in Frankfurt a. M- Sein Großvater R. Leser Wallau lebt noch in der Erinnerung alter Frankfurter Israeliten. Die andern drei lernt man aus dem in Homburg v. d. Höhe im Jahre 1738 gedruckten Werke ״Kerem Schelomoh" (כרם שלמה) kennen, dessen Verfasser R. Salomo Geiger ist, gleichnamig mir dem noch lebenden greisen Bruder des verewigten Abraham Geiger. Obiger Rabbi Salomo, wie dessen Vater Rabbi Abraham Geiger, den wir als Abraham I. bezeichnen, waren in der ersten Hälfte des 18.Jahrhunderts Mitglieder des Frankfurter Rabbinates. Es ist bezeichnend, daß R. Salomo in der Vorrede des oben erwähnten Werkes sich gegen Anfechtungen von Heuchlern verwahren muß. Nach Fol. 48d. des Werkes Kerem Schelomoh hieß der Großvater Rabbi Abrahams I. Rabb. Salomo Rothschild — vielleicht auch ein Urahne der Barone v. Rothschild — welcher als Gaon bezeichnet wird, ein Titel, den man damals nicht jedem unwissenden polnischen Winkelrabbiner, oder heuchlendem deutschen Romantiker, der seinen leeren Kopf mit einem großen Käppchen deckt, zu geben pflegte. Wahrlich, posstrlich nimmt sich das Gekrächze des großen Käppchenhelden Lehmann in Mainz aus, der Geiger talmudische Kenntnisse abspricht, während er selbst auch nur bei einem Talmudisten niederen Grades kaum eine leichte Prüfung im Talmud bestehen könnte. Als Gegenbild zu den nichtswürdigen Schmähungen des zur Schande aller Doctoren diplomika Silberman in Lyck (Hammaggid) sei hier auf den Nekrolog Gurland in der von dem rühmlichst bekannten Mathematiker Slonimsky revigirten Zeitschrift Hazephirah (הצפירה) verwiesen, in der Geiger's Verdienste nach ihrer vollen Bedeutung gewürdigt und hervorgehoben werden. Tabelle der Familie Geiger (Gelehrte). I. Salomo Rothschild, Rabbinats-Assessor in Frankfurt. I. Abraham Geiger, Rabbinats-Assessor in Frankfurt. II. Salomo Geiger, Rabbinats-Assessor in Frankfurt. I. Leser Wallau, Rabbinats-Assessor in Frankfurt. _ Michel Geiger, Vorsänger in Frankfurt. Rabbinats-Assessor III. Salomo Geiger. II. Dr. Abraham Geiger. II. Lazarus Geiger. ״Dr. Berthold Geiger. Dr. Ludwig Geigev