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Jüdische Volkszeitung · 1874-11-24 · 47 (24.11.1874) · p. Seite 372

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
47 (24.11.1874)
Date
1874-11-24
Page
Seite 372 (sequence 2)
Language
German
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372 Geiger's und in einer Gemeinde gehalten worden, in welcher der Verstorbene beinahe ein Vierteljahrhundert gewirkt hatte, in einer Gemeinde und Stadt, die dazu noch zu den ersten unseres Vaterlandes gehört. Es sollte eigentlich nicht erforderlich sein, so begann der Redner, Geiger öffentlich einen Nachruf zu halten in Breslau, wo er so lange und gerade in den Tagen seiner höchsten geistigen Schärfe gewirkt, hier, wo er ja mit vielen in der Gemeinde durch ein inniges Freundschastsverhältniß verbunden gewesen sei. Doch wir oder Andere machen für uns oft die Erfahrung, daß wir gerade über unsere nächsten Bekannten uns nur ein einseitiges Urtheil bilden; und der Fehler, den wir damit begehen, wird um so größer, je bedeutender der von uns Beurtheilte ist. Geiger aber ist nach jeder Richtung hin ein bedeutender Mann gewesen, als Mann der Wissenschaft und als der des praktischen Amtes. Es gäbe gerade in Breslau Viele, die an ihm beinahe nur, wenn nicht ganz ausschließlich, Letzteres würdigen wollen. Freilich, er hat als praktischer Theologe Großes geleistet und für die Breslauer Judenheit ganz vorzüglich: Er ließ in seinen Predigten der Gemeinde die uralte Religion im Lichte seiner, unserer Tage leuchten, er erwarb sich hier ein hohes Verdienst durch Umgestaltung des Religionsunterrichtes und des Cultus. Und dann, wie oft zeigte er sich nicht als ein Retter der Bedrängten, wie sehr zeichnete er sich nicht aus durch sein geselliges Talent, das ihm die Herzen aller derer gewinnen mußte, die er seines Umganges für würdig befand. Doch wer nur das an Geiger schätzt, -so fuhr der Redner fort, kennt nicht den ganzen Mann, nur einen geringen Theil seiner Bedeutung. Das, was ihn ganz ausnahmsweise be- . deutend machte, das ist sein emsiges Forschen in der Wissenschüft. Wenn es heißt: lau halimmud ickor ello hamaasse, so muß derjenige, der, wie Geiger, das Erkennen mit dem Ausfuhren, das Wissen mit dem Thun verbindet, unsere größte Bewunderung verdienen. Und dann, wer wollte wohl zweifeln, daß, wenn Geiger nicht so tief eingedrungen wäre in seinen Gegenstand, die Wirkung seiner Worte eine so gewaltige gewesen wäre! Auch seinen Reden läßt sich die Wahrheit der Behauptung entlehnen, daß Jeder über das immer am Besten und Ueberzeugendsten reden könne, von dessen Wahrheit er selber am tiefften durchdrungen ist. Ferner, wie hätte wohl Geiger mit solcher Entschiedenheit den Kampf für Neuschöpfungen auf dem Gebiete des jüdischen Cultus führen können, wenn ihm nicht das eiftige Forschen nach dem Wesen der jüdischen Religion, das eingehende Studium des Judenthums und seiner Geschichte — das sichere Bewußtsein verschafft hätte, er habe nicht zu fürchten, daß seine Neuerungen nicht mehr zur rechten Geltung kommen würden, daß er einem abgestordenen und nicht vielmehr einem lebensfähigen Baume seine Pflege zuwende! So ist Geiger's Tod erschütternd für Alle, die einen bedeutenden Geist zu schätzen wissen, nicht blos für seine Parteiganger. Diesem Theile des Vortrages folgte nun eine Biographie Geiger's, aus der wir an dieser Stelle nur Einzelnes reproduciren wollen. Die Jugend Geiger's fällt, so führte der Redner aus, in die Zeit, da die bürgerliche Stellung der Juden in Preußen sich zum Besseren änderte und so auch in dem Inneren des Judenthums sich ein neues Leben entwickelte. Und so sehen wir auch hier, daß wenn der Mensch seine besondere geistige , Begabung an sich als ein Geschenk der Gottheit zu betrachten hat, er auch die Zeit und Art, wo sie zur Entwickelung und »Geltung kommt, als eine göttliche Fügung zn betrachten hat. Es war eine Zeit, in der Zunz noch jede minimale Verbesserung des jüdischen Cultus, jede noch so unbedeutende deutsche Predigt auf einer jüdischen Kanzel gewiffermaßen einen Triumph nennen zu müssen glaubte. Wiesbaden, wo ja Geiger zuerst seine amtliche Thätigkeit entwickelte und auch seine Zeitschrift begründete, bezeichnete der Redner mehr als eine theoretische Schule des Verstorbenen für sein späteres Wirken, das für größere Gemeinden bestimmt war. Und unter diesen war für einen so epochemachenden Theologen, wie Geiger war, gerade Breslau eine recht geeignete Stätte. Auch die Gemeinden in Hamburg, Kopenhagen hatten zur Zeit berühmte und tüchtige Fortschrittsmänner an ihrer Spitze; aber schon die Lage dieser Städte war zum Theil nicht dazu angethan, den Neuerungen, die auf dem Gebiete des jüdischen Cultus in diesen Gemeinden vor sich gingen, weitere Verbreitung finden zu lassen. Für Geiger's Wirken war Breslau mit seinen für das Judenthum begeisterten Gemeindevorstehern der rechte Boden, um so mehr in einer Zeit, wo noch nicht die Politik in dem Maße wie heute das öffentilche Interesse absorbirte. Und in der That späterhin, als an die Stelle dieses enthusiastischen Jdealismus Decennien kühlen Realismus eintraten, da kam auch Geiger manchmal ein Zweifel an, ob sein Wirken von Erfolg sein werde. Jndeß bald kehrte in ihm wieder die feste Zuverficht zurück auf den Sieg seiner bessern Ansicht, die bessere Sache. Und so finden wir ihn denn auch wieder in voller Thätigkeit auf der Leipziger Synode, in jener Versammlung, welche der wohlverdiente Lazarus mit den. denkwürdigen Worten eröffnete: ״Wir wollen nicht zu denen gehören, welche die Zeiger der Uhr nach rückwärts drehen, aber auch nicht zu denjenigen, welche ihn immer nach vorwärts rücken, ist es ja bekannt, daß die Uhr während des Rückens nicht geht." Nach kurzen Angaben über Geiger's literarische Thätigkeit schloß der Redner mit dem Hinweise auf die Worte, mit denen Geiger seine erste Predigt hier begann: ״Das eine Geschlecht schwindet, es kommt das andere, aber die Erde bleibt ewig bestehen." Und welche Worte schließen sich diesen unmittelbar an: ״Ehe noch die Sonne des einen Erleuchteten untergeht, bricht eine andere an." Das ist unser Wunsch. Die Rede, die ich so nach ihrem Hauptinhalte hier mitgetheilt habe, bietet also auch an sich viel interessante Momente dar. Aller weiteren Reflexionen, die zum Theil ganz nahe liegen, enthalte ich mich und will nur noch das Eine bemerken, daß es mir auffiel, die Thätigkeit des Verblichenen in Berlin, besonders an der Hochschule, und das, was Geiger in der Vertretung des Judenthums gegen Angriffe von Außen her geleistet hat, so ganz übergangen zu finden. Erst in den jüngsten Tagen brachte die von Paul Lindau in Berlin herausgegebene Wochenschrift ״Die Gegenwart" einen Nachruf Geiger's aus der Hand seines Freundes und Landsmannes Berthold Auerbach, in dem auch, was Geiger nach der eben berührten Richtung hin gethan, seine Würdigung findet. Und wem ist nicht z. B. erinnerlich, mit welcher Entschiedenheit Geiger erst in den jüngsten Jahren gegen jenen oberkirchenräthlichen Erlaß, der den Uebertritt vom Christenthume zum Judenthume betraf, aufgetreten ist! Wir schließen unsere heutige Correspondenz, indem wir nur noch hinzufügen, daß der Trauergottesdienst in unserer Synagoge nach Necitation des Maskir-Gebetes seitens des Rabbiners durch einen Choral einen würdigen Abschluß fand, — wir schließen mit den Worten, die Geiger am Ende jener obenerwähnten Entgegnung ausgerufen: ״Du aber Israel, das du eben deinen streitbarsten Kämpfer verloren, stehe auf deiner Wacht!" * * *

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