Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 46 (17.11.1874)
- Date
- 1874-11-17
- Page
- Seite 369 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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wemg der llmftanb Bei, daß die jüdischen Ehen sehr häufig sogar ohne Zuziehung der von der Krone eingesetzten Rabbiner geschloffen wurden. — Die ״Börse" meldet, daß das Recht der Juden, sich überall im russischen Reich niederzulassen, erweitert werden soll. Bisher hatten die Juden, abgesehen von den ihnen speciell eingeräumten Bezirken, nur dann uneingeschränkt das Recht, sich, wo sie wollten, niederzulassen, wenn sie Kaufleute oder Gewerbetreibende waren oder den Cursus einer höheren Lehranstalt absolvirt hatten. Jetzt soll dieses Recht auf alle Juden, welche eine beliebige Lehranstalt durchgemacht haben und darüber ein Attestat aufweisen können, ausgedehnt werden. England. Englands im October. Eine Birminghamer Lady fühlte so inniges Mitleid mit den ״armen, verblendeten Juden", die, wie sie schreibt, ihre ״vierzehntägigen Ostern" lang nichts als ״Branntwein, harten Zwieback und Petersilie" genießen dürfen, daß sie der Judenbekehrungsgesellschaft ein reiches Geschenk übersendet und für den endlichen Erfolg der Bekehrungs-Anstrengungen eifrige Gebete zum Himmel sendet. — Was der arme Himmel Alles anhören muß! Ein polnischer Jude schreibt der ״Jewish World", daß sich so eben in seiner Nähe eine Gesellschaft nothleidender, aber gewissenloser Juden gebildet Hütte, welche beabsichtigt, diesen Winter sich nach London zu ״schnorren", dort sich bei der Judenbekehrungsgesellschaft vorzustellen, dieselbe so gut als möglich zu ״scheeren" und dann nach ihrer Heimat zurückzukehren, um auch einmal recht vollen, freudigen ״Peßach" zu feiern. — Wer verdient mehr Tadel: der schnorrende, auf guten Peßach speculirende Jude oder die sich ״scheeren" lassende, auf Seelen speculirende christliche Gesellschaft? Holland. Amsterdam. Der König von Italien hat den Herren Henrixues und Polak in Haag für ihre in der Ackerbauausstellung zu Florenz geleisteten Dienste zu Ordensrittern der Krone von Italien gemacht. — Ebenso hat sich ein Glaubensgenösse, Louis Mulder, als Auszeichnung bei der zweiten Expedition nach Atchin den Williamsorden vom König von Holland erworben. (Jew. Ehr.) Rumänien. Bukarest. Das ״Wiener Fremdenblatt" berichtet, daß der italienische Consul in Bukarest sich solange weigere, Unter- Handlungen wegen eines italienisch-rumänischen Handelsverträges anzuknüpfen, so lange die Juden in Rumänien der Bürgerrechte beraubt seien. Dieselbe Erklärung hat auch der amerikanische Consul, der berühmte Anwalt der Juden dort, gemacht. Dieses erfreuliche Verhalten zweier Großstaaten dem trotzigen Rumänien gegenüber verdient nicht nur die Anerkennung aller Juden, sondern auch den Dank aller Feinde der Unterdrückung und Knechtung. Nur durch solchen politischen Druck, durch Entziehung materieller Vortheile, wird sich das halsstarrige kleineLändchen beugen lassen. Hoffentlich werden die anderen Staaten Europas dem Vorgänge Italiens folgen und dadurch zu erkennen geben, daß man in der civilisirten Welt nicht ruhig mit ansehe, wie ein uncivilisirtes Land einen großen Theil seiner Bevölkerung aus religiösem Haß mit Füßen trete und ihn seiner Freiheit beraube und ferner dem Lande zu beweisen, in welchem Jrrthume es sich befindet, wenn es von der Bevölkerung der Juden sein Glück und sein Heil abhängig mache. Feuilketoru Bei einem Getauften. Eine Erinnerung aus meinem Leben. (Fortsetzung statt Schluß.) Ich ging nach der Heimath und holte mir dort meine Entlassung aus dem b.... schen Staatsverbande. Er hatte recht prophezeit — der h.... sche Staatsbeamte. In dem Lande, in welchem Jahre darüber hinweggingen, ehe ein ausländischer Jude ausgenommen werden konnte, bekam ich meine ״eventuelle", die Annahme in H.voraussetzende Entlassung beim ersten Besuch des betreffenden Beamten. ״Eventuell" natürlich! denn man konnte mich doch nicht heimathslos machen. Und es schien dem b.... schen Beamten wohl sehr zweifelhaft, daß man in H. einem armen Juden das Staatsbürgerrecht ertheilen würde, den man in B. loszuwerden froh war; — Die Zeiten haben sich doch auch dort geändert, und —- wir mit ihnen! Am kommenden Sonntag trat ich erleichterten Herzens und ftohen Muthes die Rückreise nach der H.... schen Refidenz an. Ich hatte am Mutterherzen gelegen; andere liebe Augen gesehen, Freunde und Freundinnen begrüßt, — die Heimath ist doch schön, so lange man etwas Liebes dort hat und — vor Allem — eine Mutter! Heiliges Mutterherz! Ich wanderte also zu Fuß über hohe Berge und durch herrliche Thäler etwa 16 Stunden und kam Montag Nachmittag so um 3 Uhr ungefähr vor dem Hause meines Vorgesetzten an. Eben wollte ich um die Ecke biegen, als mir ein bekannter College begegnete. ״Du willst zu H....? Ich war eben dort! Ist heute verreist". Ich stand bestürzt. Ich hatte mir Alles so bestimmt ausgedacht und nun — ״verreist". Schon wollte ich umkehren. Da fielen mir die Worte des Herrn bei, die er mir beim Abschiede gesagt. ׳ Jetzt erst glaubte ich, einen geheimen Sinn darin zu finden, eine persönliche Beziehung in denselben zu erkennen. Ich sagte zu dem Collegen: ״So will ich meine Papiere abgeben." Ich ging dem Hause zu, in den 2. Stock, in welchem der Herr wohnte und zog die Klingel vor der Flurthüre. Eine Magd öffnete. ״Ich möchte Herrn. sprechen". — Die Magd schaute mich sehr aufmerksam, fast durchdringend an. ״Ihr Name?" — Ich nannte denselben. ״Treten Sie ein!" Sie führte mich zuerst über einen langen Gang und dann durch eine Reihe glänzend ausgestatteter Zimmer. Dann öffnete sie leise eineThüre und sprach wieder: ״Treten Sie hier ein". Ich trat ein und — blieb fast wie gebannt stehen! Kaum getraute ich zu grüßen. Ich glaubte in der Stube eines wohlhabenden Bewohners der Frankfurter Judengasse aus der alten Zeit zu sein. Die hohen Lederstühle, das Getäfel, der eigenthümliche runde Spiegel, hier ein sehr großer polirter und verzierter Schrank, dem man es ansah, daß er unten die Kostbarkeiten der Frau, das Silbergerüthe und Actenstücke der Familie, oben die Bücher — Tefillos, Chumesch und Machsorim — enthielt; dort ein Wandgesims, auf welchem allerlei blaugerändertes urld geblümtes Steingut aufgestellt war, in der Ecke ein schwarzgeblümtes altes Sopha und über demselben zwei lebensgroß gemalte Oelbilder, einen Mann und eine Frau darstellend; edle Gesichter mit echt jüdischen Zügen, in altmodischer doch feiner Tracht; ich sehe noch die Hemdkrause — da^ Jabot des Mannes und die tiefhereingehende Haube der Frau. Und das Merkwürdigste — eine