Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 46 (17.11.1874)
- Date
- 1874-11-17
- Page
- Seite 368 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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368 ־1f I k r 'וע¬ י'י / einen Stachel zurück läßt, der den Bruder vom Bruder, den Freund vom Freund trennt, weder dieErde zu einem bewohnten Garten macht, noch mit dem Propheten zu reden, das Herz der Eltern mit dem der Kinder aussöhnt. Wäre das die Wirkung des feuerigen Gesetzes אש דת von Sinai? Orthodox, — Neumodisch, — der alten Schul, -— der neuen Synagoge angehörend. — Genügt es nicht mehr Mensch, Jsraelite Zu heißen, die Wahrheit in der Wahrheit zu fordern? Man zankt, klagt, beschwert sich, verrennt sich in Nörgeleien und verletzende Witze! Wenn es so fortgeht, muß der wahre Menschenfreund mit geläuterten Begriffen von diesem Getriebe mit Widerwillen sich abwenden und sich sagen: daß wir zu den betrogenen Betrügern gehören, daß der rechte Ring verloren gegangen ist. Kaum ist eine neue Synagoge mit dem Ausrufe: היכל ה/ היכל דד vollendet, so ist auch der Streit entbrannt, die Gemüther erhitzen sich mit einem Feuereifer für den Herrn Zebaoth?! Schließlich aber handelt es sich nur darum, ob man singe: ״bewahrt das Feuer und das Licht, oder verwahrt das Feuer und das Licht". Ist die Welt im Kindischwerden? Die Bemühungen, unpassende Locale zu Gebetstätten verwendet zu sehen, schrieb jüngst Herr Dr. Philippson, sind erfolglos. Sie werden es auch bleiben, so lange in der jüdischen Masse selbst das Bewußtsein solcher Unanständigkeit wach ist. So berichtet ״Jewish World" vom 16. September, daß im nördlichen Stadt-District von London, Canonbury in der Nähe der Synagoge ein Minjan — wohl nicht aus Bequemlichkeitsgründen allein von einem Gentleman und einer Anzahl seiner Freunde — inaugurirt worden ist. Es wird hinzugefügt, daß es das dritte dieser Art in dem genannten Stadtviertel ist, und daß deswegen viel rumort wird, da dadurch die Diitricts-Synagoge mehr oder weniger in den Schatten gestellt wurde. Dieselben Vorgänge vernimmt man auch von Wien, Berlin u. s. w. und nun gehört auch Nürnberg dazu, seitdem die neue Synagoge mit dem neuen Gebetbuche ״Gottesdienst des Herzens" und der umgestalteten Liturgie eröffnet worden ist. Es ist für einen Correspondenten mißliche Sache, Meinungsverschiedenheiten und divergirende Ansichten in religiösen Dingen näher zu erörtern. Mehr als irgendwo ist da der Jsraelite rechthaberisch, tadelsüchtig und zankgierig. — Die hiesigen orthodoxen Gemeinde-Mitglieder, welche sich unter dem Namen ״Adath Jisrael" constituirt haben, besuchen die neue Synagoge nicht und halten ihren Gottesdienst in einem Privatlocale ab. Wir unterschätzen die Gewissensfreiheit mit ihren Consequenzen nicht und lassen daher Jedem seine eigene welt-religiöse Anschauung. Die Vorgänge in Nürnberg sind im Ganzen gerade so wie anderwärts. Man thut gerade, als ob neben der alten und neuen Synagoge auch ein alter und neuer Gott anherwandle', vernämlicht den Siddur mit der Religion selber, bedenkt nicht, daß die Gebete Israels ein Product der Zeiten und Erlebnisie sind, die einem immerwährenden Wechsel unterworfen bleiben, und daß der evidente Lehrbegriff und Lehrinhalt der israelitischen Religion durch solche Wandlungen des Herzensausdruckes, des Abodath Schebaleb, gar nicht alterirt werden. Dian vergißt, daß ein anderwärts vorgeschobener Grund hier in Nürnberg nicht einmal zutreffend ist: Nürnberg ist eine neue קהלה, die ihren Minhag erst schafft, und kein hergebrachter Minhag ist zerstört. Sie gleicht darin den amerikanischen Gemeinden, bk den Minhag America adoptirten. Man wendet allerdings ein, die alte Gebetordnung (an vielen Orten — Gebetunordnung), sei ein Stück Geschichte, ein an ererbtes Gut von den Vätern, in ihren innern Bezügen durch die Pietät und das ehrwürdige Alter doppelt heilig. Hat aber die Jetztzeit keinerlei Berechtigung? Sollten wir, wo es Zeit und Umstände erheischen, uns nicht auf das bekannte: עת לעשות לה' הפרו הורהך [ berufen, wenn es der Ehre Gottes wegen geschieht, die Lehre; (und es handelt sich da nicht um die Lehre) umgestalten, d. i.!ישן מפני חדש תוציאו das Alte vor dem Neuen wegschaffen ' dürfen? — Warum verschließt man sich offenkundigen Geschichts-Thatsachen, wie uns das Beispiel der Schamaiten und Hilleliten zeigt, von denen es heißt: א׳ע׳פ׳ הללו אוסרין והללו מתירין לא נמנעו ב״ש מלישא נשית מב״ה אלו ואלו דברי אלקים חיים Obwohl in ihrer Schulmeinung verschieden, standen sie sich im Ganzen nicht ferne, denn beider Worte waren der Ausdruck des lebendigen Gottes. Daß die sogenannte Bancoth, provisorische Opferstätten, zu Gilgal, Gibeon, Nob und Sila cessiirten, sobald das Beth-Olomim — Das Centralheiligthum in Zion — geschaffen war, mag unter Anderem beweisen, daß die immer mehr überhandnehmenden und beliebt gewordenen Conventikel ursprünglich keine Berechtigung fanden. Selbst der Schulchan-Aruch Abs. 154 spricht sich nicht sehr glimpflich in dieser Beziehung aus: בתים וחצרות שמתקבצים בהם להתפלל באקראי אין בחם שום קרושה ״Gottesdienstliche Zusammenkünfte zufälliger Art können keinerlei Keduscha (religiöse Weihe) für sich in Anspruch nehmen." Nicht minder unerquicklich ist es mit der scrupulosen Aufficht gegenüber dem gesammten Synagogen-Dienstpersonale, wie sie das neuorthodoxe Judenthum ausübt. Da gehört einmal Heiligthuerei vor Allem zum Metier. Wer nicht seinen Creditbrief von Würzburg präsentiren kann, ist mindest zweifelhaft". Die Ehrlichen mit durchschimmernder Freisinnigkeit werden den Apikorsim gleichgehalten. Nur orthodoxe Candidaten im engern Sinne finden Einlaß. ״Mit solcher in nichts gerechtfertigter Exclusivität" schickt sich die orthodoxe Partei an, ihre Zelte in Jakob aufzubauen. Ob es ihr gelingt? Moden, Seuchen und Systeme haben mir einander gemein, von einem Centralherde sich nach der Peripherie auszubreiten, welche sie gewöhnlich dann erst erreichen, wenn sie bereits im Mittelpunkte des Erlöschens sind. B—n. H u n cl f di 0 u. Deutschland. Berlin. Als einen neuen Fortschritt auf dem academischen Gebiete haben wir hervorzuheben, daß jüngst ein Jude, der Professor der Medicin Dr. Husch in Berlin, von seiner Facultät zum diesjährigen Decan gewählt wurde. Es ist dies das erste Beispiel seiner Art. Prof. Hirsch ist auch Mitglied der vom Staate eingesetzten deutschen Cholera- Commission. Rnftlaud. St. Petersburg. In Rußland soll für die jüdische Bevölkerung eine Art obligatorische Civilehe eingeführt werden. Es sind weniger Rechtsanschauungen, welche zu diesem Schritte veranlassen, als administrative Rücksichten. Man will hierdurch eine strengere Controls über die Erfüllung der allgemeinen Wehrpflicht von Seite der Angehörigen dieser Confession herbeiführen. Bisher konnte man nie mit Genauigkeit die Ziffer der jüdischen russischen Bevölkerung feststellen, weil die Juden zu den verschiedensten Mitteln griffen, um nicht in die Nevisionslisten eingetragen zu werden. Hierzu trug nicht iß