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Jüdische Volkszeitung · 1874-11-17 · 46 (17.11.1874) · p. Seite 370

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
46 (17.11.1874)
Date
1874-11-17
Page
Seite 370 (sequence 8)
Language
German
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370 achtzackige messingene Sabbathlampe in der Mitte des Zimmers hängend und daran ein brennendes Licht, worauf ein messingenes Schwergewicht lag, am Hellen Mittage. Auf dem Sopha saß der mir bekannte Herr des Hauses neben einem älteren Herrn; und vor ihnen auf zwei von den hohen Stühlen ein Mädchen mit einem wahren Engelsangesicht, wie ich noch keines glaubte gesehen zu haben, das mir damals jungen Springinsfeld augenblicklich mehr als die gestrengen Herren das Herz erzittern machte und mir jetzt noch vorschwebt; und ein ganz altes eisgraues Männlein mit einem starren, steifen, wachsbleichen Diplomatengesichte. Ich bewegte mich nicht von der Stelle, während der Hausherr mir freundlich zunickte. Bei meinem Eintritte erhob sich eben die Gesellschaft. Der Greis und das Engelsangesicht verneigten sich freundlich und verschwanden in einer Nebenthüre, während der andere dem Herrn des Hauses zum Abschiede die Hand bot, indem er mir vernehmlich sagte: ״Also, vergessen Sie nicht Kaf (den 20ten) Jiar — am 25ten Mai". ״Ich werde kommen, Sie wissen es, ich vergesse es sicher nicht. Leben Sie wohl!" Ich stand allein mit meinem ״neuen Freunde"; ich wagte aber kein Wort zu sprechen. Ich konnte keinen Laut hervorbringen. ״Dieser Herr, der eben weggeht ist D.. dessen Name Ihnen sicher nicht unbekannt geblieben ist. Der Alte, der vorhin mit seiner Tochter hinweggegangen, ist mein Bruder, der in S.wohnt und jährlich an diesem Tage — ebenso wie Herr D.. mich in diesem Zimmer besucht. Vor einer Stunde ist auch Herr L.fortgegangen, der Ihnen vielleicht auch bekannt ist. — Sie sehen, ich feiere den Jahrzeittag meines seligen Vaters. An dem Tage, wo wir die Erinnerung an unsere Eltern begehen, besuchen wir uns gegenseitig, D. und L. und ich — die geschmaddeten (getauften) Würdenträger unseres Landes...." — sagte Herr ... mit einem wehmüthigen Lächeln, das das tiefste, ungeheuchelte Weh mehr als Weinen bekundete. Ich wollte einige Worte stammeln. ״Nein, sagen Sie nichts,Sie haben ein gutes, unverdorbenes jüdischesGemüth und ich vertraue Ihnen, darum bestellte ich Sie auf heute, wo ich sonst für Niemand zu sprechen bin. Ich wollte heute nur — Jude sein. L.scherzt wohl stets über unsere Sentimentalität, er glaubt gar Nichts-und doch kann selbst er die Erinnerung nicht aus dem Herzen reißen. Er lacht über seinen eigenen Schmerz. Und nun gar D. Sehen Sie, der ist noch heute Jude von ganzem Herzen! Er hat Einflüssen nachgegeben, die er nicht bewältigm konnte, als er sich taufen ließ; seine Frau wollte es; er sollte eine hohe Stellung im Staate haben und hat sie; — glücklich ist er nicht. Seine Reue ist ein Schwert in seinem Herzen, ein Stachel, der ihn nie ruhen läßt. Er hat seine Taufe seiner Familie lange verheimlicht, hat die Trauertage um seinen Vater wie ein orthodoxer Jude gehalten. Man könnte ihn für abergläubisch, für einen Baal nichusch״) halten, den Mann, mit dem strengen Rechtssinn, den großen Rechtsgelehrten. Und wir? Das dort sind meines Vaters, meiner Mutter Bilder, dies die häusliche Einrichtung meiner Eltern — in diesem Zimmer empfange ich meine jüdischen Freunde am Jahrzeittage, hier bin ich Jude. Sonst betrete ich's nur selten; nur dann, wenn jüdische Erinnerungen mein Herz erzittern machen. —■ — Warum wir uns tauften, mein Bruder und ich? Mein Vater war ein frommer, ausopferungsfähiger Jude. Vielleicht wird die jüdische Geschichte ihm einmal Gerechtigkeit wiederfahren lassen für das, was er für die Juden gethan.**) Aber sein Geschäft ließ ihm nicht Zeit, unsere religiöse Erziehung zu leiten. Wir wuchsen ohne die Erkenntniß auf, welche heutzutage das Judenthum seinen denkenden Bekennern zu bieten vermag. _ (Schluß folgt.) *) An wunderbare Einflüsse glaubend. **) Ist geschehen! Das neueste jüdische Geschichtswerk erwähnt seiner mit Auszeichnung. Druckfehlerberichtigung. Ein altes Lied und Leid der Redacteure und Correspondenten, die, wie wir, weit vom Druckorte entfernt sind. Wir hoffen, daß unsere geehrten Leser derartiges entschuldigen, das Richtige treffen, Ungereimtheiten entziffern. Wir berichtigen deshalb nur, wenn es unsere geehrten Freunde und Correspondenten ausdrücklich wünschen. Gelegentlich nur wollen wir also heute bemerken, daß in unserer ״Ver- Währung" in No 44 im 1. Satze das Schlußprädikat ״aufgenommmen" fehlt. In dem Artikel ״Abr. Geiger" steht Herren der Reform für Heroen. Im Art. ״Altes und Neues" rc. Z. 4 die Juden statt den. Art. ״Tauber-Bischossheim" Zeile 5 muß es heißen statt zu errichten, zu berathen: Zeile 14statt Folgende, Folgendes: Absatz 2, Zeile 3. statt an dem v. Austritt, den v. Austritt: Absatz 4, Zeile 2 statt nicht mehr, nicht eher. Anderes berichtigen unsere gesch. Leser selbst. > Verlag von Otto Meissner m Hamburg. Gedichtsammlung* zu Declamations-Uebungen für die reifere Jugend. Von 1)1־. M. Katzenstein. Preis 1 Thaler. Die ansgewählten Dichtungen haben keinen confessionellen Character und eignen sich durch Dorm und Inhalt vortrefflich zum Vortrag. Leipziger Schul-Zeichenstifte ״ ״ Farben ״ ״ Zeichenpapier ״ ״ Zeichenetuis empfiehlt C. Mating Sammler, Leipzig, Petersstraße, Hotel de Russie. Einziges Faekorgan! Allgemeine WÄMW Organ für die Interessen -er gesammte» Rauchwaaren-Jndustrie. Im Verein mit Fachmännern herausgegeben von g«gtav Preis vierteljährlich 1 Thlr. Diese seit Anfang d. I. im Verläge des Unterzeichneten im Umfang von 8 Seiten wöchentlich erscheinende Zeitschrift ist die einzige, welche die vielseitigen Interessen des Kürschnergewerbes nach allen Seiten hin vertritt. Außer Fachartikeln, geschrieben von bewährten Berufsgenossen, bringt sie die Markts berichte aller großen Handelsplätze, bespricht die ins Leben zu rufenden ges nossenschaftlichen Bereinigungen im Kürschnerei-Gewerbe und enthält naturs wissenschaftliche und geschichtliche Aufsätze. Mit Monat Juli d. I. hat das dritte Quartal begonnen und lade hiermit zum Abonnement ergebenst ein. Leipzig. Gnftav Schnlze. Dur grll. An die verehrl. Rektionen der Zeitschriften, welche mit uns in Change stehen, die wiederholte Bitte, bei der Zusendung durch Post immer an die Hedaction der Jüdischen Volkszeitnng zu ißct-Ingeffteim in ülieinfiefen adressiren zu wollen, worauf dann die Expedition unseres Blattes auf dieselbe Weise regelmäßig und pünktlich erfolgt. Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: I. Klingenstein in Ingelheim. — Verlag und Druck von Heinrich Fischer <LCo. in Leipzig.

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