Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 46 (17.11.1874)
- Date
- 1874-11-17
- Page
- Seite 366 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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■ ־■*- 366 — H J \\ t in Ml f j| l! i für ihre Pflicht erachten; die Pflicht der städtischen Behörden ist die Erfüllung unseres Gesuches.' Wir sprechen es unumwunden aus, daß wir persönlich die Bestimmungen des §. 12 Abs. 3 auch nicht vertheidigen möchten, einmal, weil wir die Beziehung des Elementarunterrichtes zum Glauben des Lehrers nicht einzusehen vermögen. Oder gibt es vielleicht ein besonderes katholisches und ein anderes protestantisches und ein noch anderes isroelitischesLesen, Schreiben, Rechnen, Singen, Geographie, Naturlehre rc. rc.? Und dann glauben wir, daß, von dem eigentlichen Religionsdienste abgesehen, der richtige Gesichtspunkt bei der Anstellung eines Beamten nicht die Rücksicht auf seine Confession ist; lediglich die Fähigkeit und Tüchtigkeit des Candidaten gebe den Ausschlag. Allein, so lange es Bestimmungen gibt, wie der öfter erwähnte §. 12 Abs. 3, welche für die anderen Bekenntnisse ein bestimmtes Verhältniß der Confession des Lehrers zu der Confession der Schüler gesetzlich vorschreibt, so lange werden wir nicht ermüden, für das Judenthum Gleichberechtigung zu fordern. Und wir sind überzeugt, daß die Väter unserer Stadt mit ihrem bekannten Rechts>inn dieses unser gerechtes Ansuchen gewähren werden. Gehorsam B. Ullmann z. Z. Vorsitzender. (In nächster Nummer Weiteres.) Iu ®ftawiMaft. Vor zwei Jahren brachte unsere Zeitschrift eine Anregung, die eine herrliche Frucht trug. Das Chanukkahbuch von vr. Emil Lehmann ist ein Erzeugniß jüdischen Geistes, das lange nicht die Beachtung fand, die es verdiente. Wir wollen hier nicht auf das zurückkommen, was wir bereits im vorigen Jahre sagten. Wir wollen nur Eines andeuten: Diejenigen, welche den neuen Geist im alten Judenthume schmähen, verläumden und gewissermaßen als unjüdisch verfolgen, sollen einmal versuchen, etwas Aehnliches fertig zu bringen. Die ganze Innigkeit und Gefühlswärme des jüdischen Herzens, die ganze Beharrlichkeit und Treue des jüdischen Geistes, der ganze jüdische Character spiegelt sich in diesem Buche wieder. Es ist eine lautere Begeisterung für die ererbte jüdische Lehre, eine tiefe und volle Hingebung für den jüdischen Beruf, die ganze unvergleichliche Poesie des Judenthums, all' das tiefe Weh und all' die jubelnde Freude, die sich in diesen Dichtungen ausspricht. Ihr Orthodoxen, es sind, wie Ihr sagt, keine Juden, die das gedichtet haben. Es sind nach Euren Worten Neologe, Apikorsim, Kofrim, Minim, — Gottesläugner, Sünder in Israel, — die das gefühlt, geschrieben und gesungen. Sagt's einmal einem Sachverständigen, daß diese Dichtungen von Männern herrührten, welchen Ihr das wahre Judenthum, das Bekenntniß mit Herz und Geist absprechet, sie werden Euch da am sichersten als das erkennen, was Ihr zum allergrößten Theile wirklich seid; als absichtliche Verdreher und Heuchler, oder als —Nichtwissen So dichtet man nur mit dem Herzen; wenn man diese Feste, diesen Freitagabend, diese großen geschichtlichen Ereignisse, dieses Jahrzeitlicht, diesen Purimjubel nicht fühlt, tief innen im Herzen trägt als Heiligthum, kann man so nicht sprechen und schreiben. Wir wollen nicht, daß Ihr auch so deutsch dichten sollt; daß könnt Ihr nicht. Versucht's aber doch einmal hebräisch —oder gelingt Euch auch das nicht mehr? Ei, Ihr seid conservativ, weil Ihr stabil seid, und stabil, weil Ihr stagnirt, und Ihr stagnirt, weil Ihr das Wissen verachtet. — Daher Eure Impotenz auch auf dem Gebiete, das Ihr zu stützen und zu fördern vorgebt. Nur vorgebt! Euer Wissen und Wollen, Euere Thora und Eure Wissenschaft des Judenthums beschränken sich auf Schimpfen mit einigen hebräischen Floskeln und Redensarten, die Ihr im Kehricht aufgelesen und auf einige äugenverdrehende Phrasen, die die Armen im Geiste irre leiten. Woher dieser Zorn? So werden unsere Leser fragen; sie werden ihn an dieser Stelle mindestens unpassend, vielleicht ungerechtfertigt und unbegreiflich finden. Das ist jedoch nicht der Fall. Unser Zorn ist auch hier berechtigt, wenn wir bedenken, das die bestgemeinten Absichten nicht zur Ausführung kommen können, weil wir eben trt einen Pfuhl des Fanatismus gerathen sind, der Alles, Alles stocken läßt. ' Das Chanukkabuch Lehmann's hat einen zweiten Jahrgang nicht erreicht. Es liegt sogar noch ein großer Theil der ersten Auflage auf Lager. Wie gering ist doch oic Zahl von Juden, welche jüdische Bücher kaufen! Sie wollen, wie sie sagen, das Gezänk nicht; sie gehen dem Zwiste aus dem Wege. — Wir — wir müssen aber streiten. Die Zeitschrift muß die Tagesfragen besprechen und da die Ereignisie von Menschen gemacht werden, so läßt sich's eben in der jüdischen, wie in jeder andern Journalistik nicht abmachen, ohne daß wir zuweilen den Gegnern, die das Princip des relativen oder absoluten Rückschritts verfechten, kräftig zu Leibe gehen. Wir sagen es ungescheut: wer zahme Objectivität sucht, der bleibe von unserem Blatte. Wir hassen die Gemeinheit und wir werden diese, wie bisher, stets unserem Blatte ferne zu halten wissen. Aber ein kräftiges, derbes Wort reinigt die Lust und verscheucht zuweilen selbst das Ungeziefer, das lautes Sprechen nicht ertragen kann Die Religion ist eben, daß Gott erbarm, zur — Parteisache geworden und muß in den Zeitschriften in dieser Weise verhandelt werden, frisch und frei!! — Wenn also die Journalistik kämpft, müssen es darum nicht auch die Bücher. Und das Chanukkahbuch ist kein Kampfesbuch, keine polemische Schrift; im Gegentheil, es ist ein poetisches Werk durch und durch. Dennoch — ja nichtsdestoweniger ist man auch gegen dies Buch losgezogen, hat es als unjüdisch verlästert — nicht in den orthodoxen Blättern der ausgesprochenen fanatischen Richtung — wir wissen kaum, ob diese das Buch, für das ihnen ja jedes Verständniß fehlt, besprochen haben; aber in den Kreisen der Wandelsterne! Hier hat man dem Buche eins zu versetzen versucht, hat dies und das getadelt. Und doch sollte in . diesen Kreisen Verständniß für den poetischen Gehalt und Werth dieser Dichtungen vorhanden sein, denn — sie können und wollen wir ja nicht den Impotenten zurechnen. Es sind ja unter den Männern dieser Richtung gerade die ״Gemüths- und Gefühlspädagogen", die die jüdische Wissenschaft zu pflegen, als ihre Pflicht anerkennen. Daß man im ״unparteiischen Organe" das Chanukkahbuch ״übersehen" hat, wird Niemand wundern, der die Verhältnisse kennt und den Character auch im geschriebenen Worte findet oder vermißt. — Ist nun auch kein zweiter Jahrgang des Chanukkahbuches erschienen, so wollen wir unsere geehrten Leser und Freunde mit um so größerem Nachdruck auf den ersten aufmerksam machen, dessen Inhalt ja nicht veraltet, nie, so lange es fühlende Herzen gibt unter unseren Glaubensgenossen. Es ist keine Parteischrift, wenn die Halborthodoxie auch hie und da einen mißfälligen Ausdruck herausgelesen hat. Es ist ein wahres Volks- und Hausbuch, eine Verklärung des Lebens, der Lehre, der Feste der Juden. Es ist kein Buch S