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Jüdische Volkszeitung · 1874-11-10 · 45 (10.11.1874) · p. Seite 359

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
45 (10.11.1874)
Date
1874-11-10
Page
Seite 359 (sequence 5)
Language
German
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359 Geiger's, zwei Söhnen und zwei Töchtern. Geiger war Wittwer; seine Frau ist ihm bereits vor 14 Jahren in die Ewigkeit vorangeeilt. Nachdem der Sängerchor der jüdischen Gemeinde in Begleitung von Orgelmusik das Gebet: ״Der Mensch, wie Gras sind seine Tage" rc. gesungen, hielt Herr Rabbiner Dr. Aub eine lies ergreifende Leichenrede. Der Redner gedachte all der Vorzüge und Verdienste des Verblichenen, der ein Fürst im Reiche der Wissenschaft, ein unermüdlicher, unerschrockener Vorkämpfer auf dem Gebiete des Glaubens und der Wahrheit, ein Tröster der Gebeugten, ein Helfer der Nothleidenden und nicht minder ein treuer, liebender Gatte und bis zu seinem letzten Athemzuge ein liebevoller Vater und wahrer Freund seiner Freunde gewesen. Wesentlich dem Verewigten habe das Judenthum seine gegenwärtige Stellung in Staat und Gesellschaft zu verdanken. Er habe hienieden ausgekämpft und möge nun einziehen in die friedlichen Gefilde der Ewigkeit, wo Frieden und Freude herrsche. Deshalb sei nicht er, sondern wir alle, die wir ihn verloren, zu beweinen." — In ähnlicher Weise äußerte sich Herr Prediger Dr. Goldschmidt (Leipzig). Nach dem Gesänge: ״Was vom Staub, geht heim zum Staube" rc., wurde der Sarg in den Leichenwagen geleitet, der ihn nach dem in der Schönhauser Mee gelegenen jüdischen Friedhof führte. An der Seite des Leichenwagens schritten zwei Gemeinde-Aelteste, vier Repräsentanten und zwei Vorsteher der Beerdigungsanstalt. Hinter dem Leichenwagen gingen zunächst die Leidtragenden, alsdann die Mitglieder des Rabbinats, des Gemeindevorstandes, der auswärtigen Deputationen rc., der Repräsentanten-Versammlung, sowie die Vorsteher der Gemeindeinstitute. Denselben schlossen sich die Lehrer und Schüler der hiesigen jüdischen Gemeindeanstalten und demnächst die überaus zahlreichen übrigen Theil- Nehmer des Leichenbegängnisses, die in der Synagoge bei weitem keinen Platz fanden, und eine endlose Wagenreihe an. In der vollständig mit Trauerflor verhangenen Leichenhalle des Friedhofes wurde der Sarg wieder aufgestellt und nach dem allgemeinen Gebet: ״O Herr, wie erhaben sind Deine Werke, alle Deine Wege sind gerecht" rc. hielt noch Herr Rabb.- Assessor Dr. Ungerleider eine dritte Leichenrede. Er bemerkte u. A., der Verstorbene habe noch vor kurzer Zeit in einer Leichenrede geäußert: ״Nur derjenige ist zu beweinen, der heimgegangen, ohne eine Spur seines Lebens und Wirkens zu hinterlassen." Abraham Geiger habe gewirkt, drum sei er auch nie gestorben, sondern werde immer leben. — Hierauf wurde der Sarg zum Grabe geleitet und mit dem Gebet: ״Der Herr hat es gegeben" rc. wurde die irdische Hülle Geiger's der Erde übergeben. Breslau, Ende October. Unsere Stadt hat in den jüngsten Wochen ganz besonders erfahren, wie sehr unsere Zeit mit Versammlungen aller Art gesegnet ist. Abgesehen von den socialdemokratischen Versammlungen, deren wir wöchentlich mehrere aufzuweisen haben, tagte vor einigen Monaten hier die allgemeine deutsche Lehrerversammlung, über die Sie ja, was die Leser Ihrer Zeitung etwa interessiren konnte, berichteten. In den Tagen vom 18—24 September waren in den Mauern Breslaus die deutschen Naturforscher versammelt, die, abgesehen davon, daß sie sich ja lediglich mit rein Wissenschaftlichen Fragen beschäftigten, einen viel zu freien und erhabenen Standpunkt einnahmen, als daß Angelegenheiten confessionellen Charakters unter ihnen überhaupt auch nur eine Erwähnung gefunden hatten, wenn nicht etwa die Rede des berühmten Virchow über die modernen Wunder der katholischen Kirche hierher zu rechnen sind. Wir mußten da freilich auch an den elenden Schwindel, der das Städtchen Graetz noch in der jüngsten Zeit zum Zielpukte jüdischer Wallfahrer machte, denken. Doch äs inortuls 1611 u181 dsns. Diese fatale Geschichte hat ja endlich durch den Tod des ״guten Jüd" ihre beste Lösung, weil ihr Ende gefunden. Mit dem gestrigen Tage wurde die ״Versammlung schlesischer Katholiken" geschlossen, die für die Tage vom 18 21 October hier besonders zur Berathung der kirchenpolitischen Streitigkeiten zusammengetreten war. Es ist für uns Juden speciell weniger, als wir von vornherein erwartet halten, abgefallen. Aber freilich eine kleine boshafte Anspielung wenigstens konnte man füglich nicht unterlassen. Bei der Besprechung des Einflusses der liberalen Presse auf die Nährung des sich gegen alles Kirchliche immer mehr geltend machenden Hasses wurde darauf hingedeutet, dies dürfe einen ja nicht Wunder nehmen, schon deswegen, weil eine gewisse Sorte der Vertreter der liberalen Presse Leute wären, deren Namen gewöhnlich auf sohn endige. Wir hatten eben, wir wollen sagen etwas Besseres erwartet. Aber man wollte ja gerade in dieser Versammlung ausdrücklich und nach jeder Richtung hin zeigen, von welcher Loyalität man durchdrungen sei und wie sehr man der Unterdrückte, nicht der Unterdrückende oder auch nur der Unterdrücken-Wollende sei. Freilich fällt auch diesen Leuten Consequenz im Handeln sehr schwer; sonst hätten sie einmal jene kleinliche und kindische Anspielung sich ersparen können und zweitens mußte es die Schlesische Volkszeitung, die Hauptvertreterin der schlesischen Ultramontanen, unterlassen, Juden und Judenthum, wenn sie sonst irgend dazu Gelegenheit findet, mit gemeiner Gehässigkeit zu begeifern. Breslau, 15. Oct. Auch für einen Theil der Juden scheint der Eröffnungstag für die Thätigkeit der Civilstandsbeamten als ein ersehnter angebrochen zu sein. Wir findet: hier in der Zeit vom 1. bis incl. 9. October 4 Mischehen zwischen Bekennern der jüdischen und christlichen Religion verzeichnet. Darunter drei zwischen Christen und Jüdinnen und eine zwischen einem Juden und einer Christin. Beachtenswerth ist, daß die Christen, resp. Christin sämmtlich der evangelischen Confession angehören. Aus Oberschlesien, 20. October. Die Mittheilung, die ich den Lesern der ״Jüd. Volkszeitung" machen will, läßt uns wieder einmal so recht erkennen, wie sehr unsere höheren Behörden, die eigentlichen Regierungsbehörden, von religiöser Intoleranz befangen find. In unserem Nachbarstädtchen Kr. wurde der von der dortigen Bevölkerung hochgeachtete Arzt Dr. L. zum Mitgliede der städtischen Schuldeputation gewählt. Jndeß die Bestätigung seitens der Regierung zu Oppeln blieb aus, indem folgender Grund geltend gemacht wurde: Da Kr. keine jüdische Schule, sondern nur Lehranstalten christlichconfessionellen Charakters hat, ist das Vorhandensein jüdischer Mitglieder in der Schul- Deputation unnöthig. Man möchte, wenn man sich diese Begründung ansieht, wirklich nicht glauben, daß sie Männer mit höherer Bildung und dem 19. Jahrhundert angehörig, zu Autoren hat. Denn stellen wir uns auf den einzig berechtigten Standpunkt, wie ihn in den meisten Fällen schon gerade unsere städtischen Be- Hörden, welche die Bevölkerung als Ganzes repräsentiren, einnehmen, nämlich daß bei der Uebertragung eines Amtes nicht nach dem: Was glaubt der Mensch? sondern nach dem: Was ist der Mensch? geftagt wird, so müssen wir doch gewiß jenen Bescheid, insofern wir religiöse Intoleranz als einen zu unberechtigten, dem Zeitgeiste widersprechenden Wahn zurückweisen,

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