Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 45 (10.11.1874)
- Date
- 1874-11-10
- Page
- Seite 358 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9588641-9578923-9579325--880-9579329- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
358 * ziemlich vollständige Berichte, die ich Ihnen hier beilege. Ueber einen Leitartikel, den die ״Volkszeitung" ihm widmet, behalte ich mir vor, ein andermal zu berichten: Die ״Vossische Zeitung" schreibt: Die Trauerfeier für den verstorbenen Rabbiner der hiesigen jüdischen Gemeinde Dr. Abraham Geiger, welche am 26. October stattfand, hatte die große Synagoge mit Teilnehmern überfüllt. Bis auf den zweiten Frauenchor hinauf erblickte man Kopf an Kopf. Altar und Kanzel waren schwarz verhängt, die großen Armleuchter zu beiden Seiten schwarz umflort, der ganze Altarraum in einen Wald von Orangenbäumen, Oleandern und Lorbeeren verwandelt, vor dem der schwarz ausgeschlagene, mit Lorbeerkränzen und Palmenzweigen bedeckte Sarg stand. In dem reservirten Theil des Gotteshauses hatten der Vorstand der Gemeinde und die Repräsentanten, Deputationen der Gemeinden zu Breslau und Frankfurt, wo der Verstorbene früher gewirkt, sowie eine Anzahl Amts-Genossen desselben Platz genommen. Ein hebräischer Chorgesang: ״Der Mensch, wie Gras sind seine Tage, wie des Feldes Blume blüht er", eröffnete die Trauerfeier. Die Gedächtnißrede hielt der engere Amtsgenosse Geiger's, Rabbiner Dr. Aub. Der hochgeachtete, heißgeliebte Rabbiner, Prediger und Lehrer der Gemeinde ist todt, der ihr Herz belebte und erwärmte, der ihr Gemüth begeisterte. Der Mund ist geschlossen, der mit gewaltiger Kraft die Lehren der Weisheit verkündete. Als die Kunde seines plötzlichen Todes erscholl, da war jedesHerz tief gebeugt und das ganze Haus Israel trauerte mit. Unmöglich sei es, ihn treu zu schildern in seiner ganzen Lebensgröße. Als Abner, der große Feldherr Saul's gefallen war, da rief David aus: ״Ihr wißt es, daß ein Gewaltiger, ein Fürst in Israel gefallen ist!" Ein solcher Kämpfer war Abraham Geiger auf dem Felde des Glaubens und der Wahrheit. Von seinem Munde ging ein Strom aus, wie der von Eden, der sich in vier Hauptströme theilte. So zeigte er in vierfacher Richtung seinen Geist, seine Wissenschüft. Zunächst verehren wir in ihm den scharfsinnigen, tiefen Forscher in der heiligen Schrift. Dann wandte er seinen Blick den Lehren des Talmud zu, unter denen er sichtete und prüfte, was wahrhaften Gehalt habe. Sodann richtete er seinen Blick in die Geschichte des Judenthums bis in die tiefste Vorzeit hinein. Endlich wirkte er durch seine hohe Kenntniß der mit der heiligen Sprache des alten Testaments verwandten Dialecte. Sein Ruf ist für alle Zeiten gesichert. Und noch eines Punktes in seinem Leben müssen wir gedenken. Noch jung trat er schon mit dem Beweise für die Nothwendigkeit einer Hochschule für jüdische Wissenschaft auf. Seine Idee hat erst spät, erst hier in Berlin Erfüllung gefunden. Zwei Jahre nur war ihm vergönnt, an der Anstalt zu wirken, aber schon waren die schönsten Früchte seines Wirkens sichtbar. Den letzten Bericht über die Hochschule hat er noch mit jugendlicher Frische in seiner Zeitschrift erstattet. Mit Beharrlichkeit und festem Muth arbeitete Geiger an einer Hebung des Judenthums. In der bescheidenen Gemeinde, in der er zuerst wirkte, sah er, daß ein Mann dieses nicht vermöge; er verband sich daher mit Amtsbrüdern zur Arbeit durch Schrift und Wort auf dieses Ziel hin. — In 4 Gemeinden hat Geiger gewirkt und überall setzte er sich ein Denkmal in den Herzen der Gemeindeglieder. Aus unserer Mitte ist er allzu schnell gerufen worden, aber die Gerechten, wenn sie gleich todt sind, leben doch fort. Und er wird nicht blos in unseren Herzen, sondern in der Mitte aller Gemeinden fortleben, und selbst die Lehrer derselben wissen, welchen Dank sie ihm schulden. — Auf ihn findet das Wort des 1. Psalmes Anwendung: ״Heil dem Manne, der nicht wandelt nach dem Rath der Frevler, noch sitzet, da die Spötter fitzen." Mit aller Kraft trat er denen entgegen, die das Judenthum aufheben wollten, noch mehr jenen Ueberbildeten, denen die Religion eine Thorheit ist. Bis zum letzten Tage noch hat er gearbeitet und geforscht, und so steht er da, wie ein Baum gepflanzt an Wasserbächen, der Frucht gibt zu seiner Zeit. Die Saat, die seine Hand ausgestreut hat, wird Wurzel fassen in jedem Herzen. Er war stets bereit. Hülfe zu leisten in der Noch, beizustehen den Unterdrückten. Groß war seine Liebe, seine Hingebung an seine Familie. Der ihm vorangegangenen Gattin gedachte er jeden Tag in seinem Tischgebet. — Als Freund war Geiger treu; das Band der Freundschaft zwischen dem Redner (Dr. Aub) und ihm, vor fast 4 Jahrzehnten geknüpft, ward durch die Jahre immer fester. Der schönste Wunsch ward ihm erfüllt, als Geiger hierher berufen wurde, und nun sei der, mit dem er durch das Leben zu wandeln gedachte, ihm plötzlich entrissen. — Mit dem uralten Segensspruch: ״Der Herr segne Dich und behüte Dich!" schloß Dr. Aub seine tief empfundenen Gedächtnißworte. — Alsdann betrat Dr. Goldschmidt aus Leipzig die Kanzel, um das Gedächtniß Geiger's als einer seiner Jünger und ältesten Freunde zu ehren. Israel sei einer bedeutenden Persönlichkeit ärmer geworden und es ginge den Freunden Geiger's, wie denen Hiobs, die sprachlos waren, als sie das große Unglück desselben sahen. Ein Stern sei untergegangen, eine Krone gesunken, ein Schwert zerbrochen, ein Hoherpriester gestorben. Den Kern des Judenthums habe er von der Spreu zu sondern gewußt und schon als junger Mann in seiner Antrittsrede zu Breslau das Programm von dem aufgestellt, was er später durchgeführt habe. — Der Choral: ״Was vom Staub', geht heim zum Staube", beschloß die Feier. Der Sarg wurde von Aeltesten und Repräsentanten zu dem in der Vorhalle harrenden Leichenwagen getragen und hierauf setzte sich der stattliche Trauer-Conduct in folgender Ordnung nach dem jüdischen Friedhofe in Bewegung: Zur Seite des Wagens gingen 2 Gemeinde-Aeltesten, 4 Repräsentanten und zwei Vorsteher der Beerdigungs-Anstalten; hinter ihnen folgten die Mitglieder des Rabbinats, des Gemeinde-Vorstandes, der Repräsentanten-Versammlung, sowie die Vorsteher der Gemeinde-Institute. Diesen schlossen sich die Lehrer und Schüler der Gemeinde-Lehranstalten, sowie das übrige Trauergefolge an. Unter den übligen Ceremonien erfolgte die Beisetzung der irdischen Hülle des Dahingeschiedenen auf dem Friedhofs an der Schönhauser Allee. Der Berliner ״Börsen-Courier" schreibt: Eine seltene Trauerfeier war es, die gestern Vormittag gegen 11 Uhr in der großen Synagoge ihren Anfang nahm. Aus weiter Ferne waren Freunde und Verehrer des so plötzlich verstorbenen Rabbiners Dr. Abraham Geiger herbeigeeilt, um demselben das letzte Geleit zu geben. So war u. A. eine Deputation aus Breslau, woselbst der Verblichene 24 Jahre, eine andere Deputation ans seiner Vaterstadt Frankfurt a. M-, wo er ebenfalls längere Zeit als Rabbiner gewirkt, erschienen. In der zahlreichen Trauerversammlung, die sowohl in den unteren Räumen, als auch auf den Emporen, Kopf an Kopf stand, bemerkte man von bekannten politischen Persönlichkeiten nur den Abgeordneten Dr. Lasker. Der Umstand, daß es bei den Israeliten nicht Sitte ist, specielle Einladungen zu Trauerfeierlichkeiten zu erlassen, dürfte wohl der Grund des in Anbetracht der Bedeutung des Verstorbenen allerdings befremdlichen Factums sein, daß weder eine Deputation des Magistrats, noch der Stadtverordneten erschienen war. Unterhalb des Altars erhob sich inmitten von Palmen der auf's schönste geschmückte Sarg, zunächst uwg ^׳n. von den vier Kindern Dr. j, / 7,. /