Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 45 (10.11.1874)
- Date
- 1874-11-10
- Page
- Seite 357 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- Tunis 2× ep/1048155
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Zu Teblba bei Tunis sind in Abwesenheit der Eltern zwei junge israelitische Mädchen ihrer Heimath entrissen worden, unter dem Vorwände, sie wären freiwillig zum Islam übergetreten. Der Minister der Justiz hat im Namen des Bay erklärt, die Sache ginge nur den Kadi, die muselmännische Obrigkeit des Ortes, an, und hat sich sogar geweigert, die Mädchen nach Tunis kommen zu lassen, um sie selbst zu hören. Der Ausschuß in Tunis hat sich nun vorerst an den Premier-Minister des Bay gewandt. Die Regierung von Tunis macht neue Anstrengungen, um eine Anzahl Israeliten, die als ftanzösische Bürger oder Schutzbefohlene in die Listen des dortigen Consulats eingeschrieben sind, als ihre Unterthanen zu reclamiren. Bereits früher hat dieselbe den Rabbinen diesbezügliche Erklärungen mit Gewalt entrissen. Der Ausschuß in Tunis bittet den Centralausschuß zu Paris, sich mit dieser Frage zu beschäftigen, und es werden Schritte gethan, diesem Ansinnen zu entsprechen. Auf der jedes Jahr in Canäa auf der Insel Candia statthabenden General-Versammlung des Landes, bisher nur aus Türken und Griechen gebildet, wird von jetzt an auch den Israeliten Sitz und Stimme eingeräumt. Herr Aba Dalmedico, Mitglied des Allianz-Ausschusses, ist zum Deputirten erwählt. Zu Tiria bei Smyrna geriethen ein Muselmann und ein Israelit in Streit, in welchem der erstere getödtet, der letztere schwer verwundet wurde. Das Gericht hat zwölf Israeliten ergreifen, in Ketten legen und einsperren lassen, um sie nach der Hauptstadt zu senden. Sehr erfreulich sind die Berichte des Cölner Ausschusses in Bezug auf die russischen Waisen, welche derselbe zur Erziehung übernommen. Zu den bisherigen 62 kamen 12 neue hinzu. Vierzehn sind von israel. Gemeinden oder Privaten adoptirt worden; zwei gingen zu ihren Verwandten 'nach Amerika, zwölf kehrten nach Rußland zurück, theils ihrer Militärpflicht zu genügen, theils das erlernte Handwerk dort zu betreiben. Es bleiben dem Ausschüsse noch: ein Photo» graph, ein Cigarrenarbeiter, ein Buchbinder, ein Schuhmacher, ein Sattler, zwei Schullehrer-Zöglinge, ein Zögling für das höhere Lehrfach und ein Gymnasiast. Trotz der vermehrten Ausgaben bedarf der Ausschuß nicht nur keines Zuschuffes des Central-Ausschusses von Paris, sondern kann demselben sogar einen Beitrag zu den allgemeinen Ausgaben der Allianz übersenden. — Der Central-Ausschuß stattet dem Rabbiner vr. Schwarz und seinen Collegen Dank für ihre erfolgreichen Bemühungen ab. Neues Elend für viele unserer russischen Glaubensgenossen wird ein Ukas bringen, den der Kaiser auf Vorschlag des Finanzministers unterzeichnet hat, und der den Israeliten, wie in Rumänien, allen Handel, en gros und en detail mit Spiritousen verbietet. Freilich hat das Branntweintrinken in Rußland einen Umfang genommen, der die Bevölkerung geisttg, körperlich und finanziell zu ruiniren droht; aber wird diese Maßregel dem Einhalt thun können? Da ein altes noch nicht abgeschafftes Gesetz den auf dem Lande wohnenden Juden den Erwerb alles Grundeigenthums verbietet und ihnen somit den Ackerbau verschließt, so wird das neue Gesetz sie aus gewissen Distticten ganz vertreiben und ihr Elend in denjenigen Bezirken vermehren, wo sie bereits in Massen angehäuft sind. Es ist schwer, eine solche Maßregel des sonst so humanen Kaisers zu begreifen. In der Ackerbauschule zu Jaffa hat man Maßregeln getroffen, um den religiösen Vorschriften in Bezug .auf״Schemitta", das siebente ׳'kuhejahr für Grund und Boden, Genüge zu leisten. (Was würden die heutzutage ermtttelten Naturgesetze der Volksnmthschaft dazu sagen?) Ein deutscher Ausschuß hat sich vom Verein losgesagt, weil, nach dem Berichte eines deutschen Journals, der Oberrabbiner bei Einweihung der Pariser Synagoge von Revan che gesprochen hätte. — Der Centralausschuß drückt sein Bedauern darüber aus, daß dieser Ausschuß durch einen ganz falschen Bericht irre geleitet wurde, da auf der Kanzel der neum Synagage nur Worte des Friedens und der Einigkeit gesprochen worden seien. Außerdem sieht er mit Leidwesen der Sache der Allianz Dinge beigemischt, die ihr ganz und gar fremd sind. Wollen unsere Leser nun außerdem noch mehr Neues und Interessantes aus dem October-Berichte? Damit sie für alle Zukunft die Magerkeit unserer Auszüge entschuldigen, geben wir ihnen diesmal ausnahmsweise eine kleine Blumenlese der weiteren Nachrichten, aus welcher sich jeder Leser nach Herzenslust ihm Beliebiges auswählen mag: Seite 1 erfahren wir, daß es Herrn Bezirksrabbinner vr. Adolph Salvendi in Dürkhein an der Haardt gelungen ist, der Alliance wieder 1 Ein Mitglied zuzuführen. Seite 2 enthält das Verzeichniß der Ausschüsse, welche Zahlungen geleistet; Seite 3 und 4 Namen der Mitglieder und Gemeinden, welche dem Verein Geschenke gemacht haben. Sette 5 Titel der Bücher, der Vereins-Bibliothek geschenkt. In der Schule zu Bagdad werden die vom Ausschuß gesandten illustrirten Blätter mit großem Interesse gelesen. In Schumla wird in der neu gegründeten Töchterschule auch die Geometrie gelehrt. In Konstantinopel ist Alles recht theuer und der Herr Rabbiner Obadia Misriel gibt in der Schule den hebräischen Unterricht. Für eine in Damaskus zu reorganisirende Schule brauchte man 5000 Fr. per Jahr; hat aber nur Fr. 3000. In Jaffa sind die Ochsen theuer und der Gärtner Herr Beaudrier klagt, daß die Würmer (!) sein Kraut essen und daß das Unkraut stets gejätet, immer wieder von Neuem wächst (S. 10 und 11). Die Schulprüfung in Canäa hat den besten Eindruck gemacht. In Mogador hat man ein Schulhaus, aber keinen Lehrer. Der Lehrer von Saffi hat 11 Schüler, darunter 6 Christen. Wenn der Ausschuß seinen kleinen Gehalt vermehren wollte, könnte er mehr Schüler aufnehmen. Die Schwierigkeit eine Lehrerin zu finden, schreckt in Smyrna von weitern Schritten für Errichtung einer Mädchenschule ab- In Tanger soll, wie der österreichische Consul meldet, der Unterricht des Lehrers vortrefflich sein, aber die Reinlichkeit der Herren Schüler sollte Einiges zu wünschen übrig lassen. Die Prüfung in Rustschuck — doch halt! ich glaube, unsere Leser haben die Ueberzeugung gewonnen, daß wir gut daran thun, uns auf unfern bisherigen Auszug aus den Berichten zu beschränken. Eorresponckenz. Berlin, 28 Oct. Noch unter dem frischen Eindruck, den der Tod und die Beerdigung Geiger's auf mich gemacht, schreibe ich Ihnen nur wenige Worte. Ich werde Ihnen später eine Charakteristik der Lehrerwirksamkeit Geiger's geben, um Ihnen zu zeigen, was die Hörer der Hochschule, diese vor Allen, verloren. Geiger starb plötzlich an einem Gehirnschlage, nachdem er noch den Abend vorher in trauter Geselligkeit verlebt. ־ Das macht den Schmerz so dumpf und peinlich. Die Berliner Blätter bringen über die Beerdigungsfeierlichkeit