Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 45 (10.11.1874)
- Date
- 1874-11-10
- Page
- Seite 356 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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auch die Möglichkeit geboten werden, zu erkennen, was gethan werden tnufj, um Alle an den Segnungen der Cultur theilhaftig zu machen. Frankreich und England haben den Anfang gemacht mit den orientalischen Ländern; uns, den deutschen Juden liegt Westrußland näher. Schon vor fünf Jahren schrieben wir dem Centraleomits der Alliance in diesem Sinne. Wir sagten, daß den westrussischen Juden, oder sagen wir besser dem polnisch-jüdischen Stamme die Mithülfe der ausländischen Judenheit eben so nöthig ist, wie den orientalischen; daß sie vielleicht nur leichter, einfacher zu bieten ist, weil wir hier allerdings reiche Vorbildungen, Keime der Cultur schon finden. Warum aber sollte es mehr Pflicht sein, für die orientalischen Juden zu sorgen, als für die polnischen? Das einzusehen fällt uns schwer. Ist uns jener jüdische Stamm verwandter? Ist der Erfolg dort sicherer? — Jedenfalls können wir mit Sicherheit annehmen, daß im russischen Reiche die Cultur im Steigen ist. Ist das auch im Orient der Fall? Wir kommen daher am Schluffe zum Anfänge zurück. Es ist ein Fehler in der Organisation der Alliance. Solange man diesen Fehler nicht anerkennt, wird sie ihre große und Herrliche Aufgabe, die äußere Darstellung der Einheit im Judenthum und die gemeinsame Arbeit für das Wohlergehen, den Culturfortschritt unseres Stammes nicht erfüllen können. Um Mißdeutungen zu begegnen, als seien unsere Bestrebungen in dieser Richtung eine Folge der unerhörten und ungesühnten Beleidigung, die die Alliance uns persönlich und in uns der Sache der freien Richtung im Judenthum angethan, setzen wir hierher die Worte, welche wir den Sonderbestrebungen einer jetzt hochloyalen und bevorzugten Clique zu einer Zeit entgegenhielten, wo das Frontmachen und Schimpfen gegen Frankreich und die Deutschthümelei in unserem Vaterlande naturgemäß am stärksten blühte, und alle feigen Seelen dem deutschen Chauvinismus huldigten, im December 1870*). Wir sagten damals; ״Wenn, was wir zugestehen müssen, die übergroße Centralisation, welche in französischen Verhältniffen liegt, störend und den deutschen Juden mit der Zeit widerstrebend sein sollte, so müssen wir später, — aber nicht jetzt, nur nicht in diesem Augenblick an eine Theilung der Gewalten, an eine theilweise Umgestaltung der Organisation denken und es wird uns das zweifelsohne gelingen; wir werden dafür Mittel und Wege finden." Damals arbeitete man von einer gewissen Seite an der Auflösung der Verbindung der Alliance und dergl. Es war das sonderbare Schlagwort gefallen: Noblesse oblige! Jetzt find dieselben Männer freilich anderer Gesinnung geworden, weil sie — im Rathe sitzen. An der Organisation aber hat sich nicht das Mindeste seit jener Zeit geändert. Es geht doch nichts über die Consequenzü Die Reorganisation würde der Sache nützen und sie würde sicherlich auch durchgeführt werden, wenn nicht eigennützige, persönliche Gründe dazwischen lägen, die sie verhindern. Darf aber die große Idee der Alliance und ihre heilige Aufgabe unter solchen Verhältniffen leiden? Wenn unter einem gemeinsamen Centraleomits, das nach wie vor seinen Sitz in Paris hätte, selbstständige Hauptcomites in allen Ländern wären, so würden der Alliance in Wien der anglo Jewish association in London als integrirenden Bestandtheilen der gemeinsamen Alliance je eine Cultur-Aufgabe in einem entfernten Lande zugewiesen werden, die sie selbstständig — aber doch im Geiste und im Aufträge des Ganzen erfüllen würden. Jetzt gehen jene beiden Verbindungen ihre gesonderten Wege! In gleicher Lage wäre Deutschland, dem die westtussische Angelegenheit vor allen anderen naheliegt und das sie zu erfüllen im Stande wäre und auch er- Men müßte, weil es für die Entwickelung vieler deutscher Religionsgemeinden selbst fast eine Lebensfrage ist, den polnischen Alp abzuwerfen. Die polnischen Schnorrer sind ein Dorn in unserem Fleische! Ohne Hinwegräumung der pol- — nischen Misere und des Jerusalemer Schwindels gibts für uns kein Heil! Das ist unsere und aller Bessergesinnten Ueberzeugung! — Darum ist unsere nächste Aufgabe in dieser Richtung die Reorganisation der Allianc auf den Grundlagen, welche die Berliner Conferenz vom December 1872 geschaffen. Die ganze Entwicklung des Volkslebens in unserer Zeit bezeichnet uns diese Richtung — Selbstverwaltung neben Kräftigung bes Bewußtseins der Einheit. Wir wissen, . daß unser Wort für jetzt ungehört verhallen wird. Das schadet nichts, wir erfüllen die Aufgabe der Preffe, Samen zu streuen in die Furche der Zukunft. Aber damit, daß man uns nicht hört — ist auch der Alliance zur Zeit jener großartige kräftige Aufschwung entzogen, welcher ihr beschieden war. Man vergleiche die Fortschritte derselben in den Jahren 1868—1870 mit denjenigen von 1873—1874. Es werden wohl auch in Deutschland hier und dort, heute 1 und morgen 10 und 100 Mttglieder gewonnen. Aber Energie, Leben, Hingebung und Begeisterung ist nicht dabei. Verlässige Verhältnisse und Mitglieder sind das nicht. Es liegt in der menschlichen Natur und insbesondere im jüdischen Gemüthe, daß wahre Begeisterung und andauernde Hingebung nur da gefunden werden, wo selbstthätige, persönliche Theilnahme möglich ist. 6 Francs zahlen und einen Bericht lesen*) — macht sicherlich nicht warm. Wärme erzeugt nur eine Thäüg-E keit, an der wir uns persönlich betheiligen können und deren Zweck uns vor Augen liegt, die uns gleichsam selbst ins Leben geht. Ideal mag das nicht sein, aber — naturgemäß und wahr ist's dennoch!-— ־ . Danach bemesse man die Zukunft der Alliance isr. universelle und ihre Aufgabe. Und haben wir auch nicht für die Gegenwart gesprochen, die Zukunft wird uns recht geben. - Nachdem wir den obigen Leitartikel geschrieben hatten, erhalten wir von unserem Berichterstatter für die Alliance aus dem Octoberberichte Nachfolgendes, was wir zur Vervollständigung unserer obigen Darstellung hier anfügen: * * Wieder liegt ein Monatsbericht — October — der Gesellschaft vor uns und wieder suchen wir mit gewissenhaftester Pünktlichkeit nach jeder Mittheilung, die geeignet sein könnte, das Interesse unserer Leser zu erwecken. Wir suchen nicht das aus, was uns interessant scheint, da Ansichten und In- . teresse verschieden sind, würden wir uns dadurch der Gefahr aussetzen, Mittheilungen zu unterlassen, für welche Andere sich fjj interessiren — aber nein! wir entnehmen den Berichten Ä Alkes, was irgend einem größern Kreise als dem zunächst betteffenden wisienswerth sein kann — aber auch dieses ist M heute wieder nur wenig. | *) Lesen? Als wir in Berlin Herrn I. P. gegenüber saßen, gestand dieser uns zu, daß nur die wenigsten Mitglieder die Berichte M erhielten und diese in den Kisten, mit denen wir sie ihn sandten, W noch zum Aheil verpackt waren. Wer will das lesen? — f *) JSr. Lehrer, Nr. 49, Jg. 1870, S. 196.