Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 45 (10.11.1874)
- Date
- 1874-11-10
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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JnLische Volkszeitnng. ||ückn8clmfi jn\\ freunde deK j|0rt8clmtt$ in Gemeinde und j|cklß, ^Mgoge und ^ekn. nehmen alle Postanstalten und Buchhandlungen an. Preis virrtrijiihrlich 17^/z Lzr. Herausgegeben von I. Kkingenftein in Ingelheim. Inserats sind an Heinrich Fischer & Co. in Leipzig zu senden. Preis -er 3 gesp. Jeile 8 Lgr. No. 45. Leipzig, den 10. November. 1874. Inhalt: Leitartikel: Alliance isr. universelle. (Schluß.) Correspondenzen: Berlin, Breslau, Aus Oberschlesien, Magdebürg, Mainz, Gießen, Aus Baden, Kuppenheim, Wien. Rundschau: Berlin, Wien, London, Mailand. Anzeigen. Alliance israEte universelle. (Schluß aus Nr. 43.) Ueber die westrussische Angelegenheit spricht der jüngste Bericht, wie folgt:*) ״Die Berliner Conferenz vom 21. und 22. April a. c. ״hat sich mit der traurigen Lage der westrussischen Israeliten ״und den Mitteln zu ihrer Abhülfe beschäftigt. Dieselbe ״erkannte einstimmig an, daß die vom Auslande gebotenen ״Mittel der Wohlthätigkeit absolut unzureichend sind und daß —״das Heil von Innen (?) kommen muß, von den russischen ״Israeliten selbst, und insbesondere aus den Schulen und ״dem Fortschritt im Unterricht. Zu diesem Zwecke sollen die ״russischen Israeliten in einem an sie zu richtenden Circular- ״schreiben aufgefor^srt werden, fortan nachdrücklicher, als es ״bisher geschehen, mit den hebräischen Studien das Studium ״der Landessprache und Geschichte, sowie diejenigen wissen- ״schaftlichen Kenntnisse zu verbinden, welche in der modernen ״Gesellschaft unerläßlich geworden finb, ebenso Handwerker- ״und Gewerbeschulen zu gründen, um tüchtige Meister auszu- ״bilden, die im Innern Rußlands sich niederlassen könnten ״und nach und nach auf demselben Wege und mit denselben ״Mitteln Andere ihrer Glaubensbrüder nach sich ziehen würden. ״Die Conferenz hat außerdem die Ueberzeugung ausgesprochen, ״daß die Bemühungen der russischen Israeliten zur Ver- ״besserung ihrer materiellen und geistigen Lage von der ״kaiserlichen Staatsregierung mit der lebhaftesten Sympathie ״werden begrüßt werden, und daß Sr. Kaiser!. Majestät, die ״für alle ihre Unterthanen ohne Unterschied des Cultus so ״voll Wohlwollens und von den edelsten Gefühlen beseelt ist, ״unzweifelhaft diese Bestrebungen unserer Glaubensgenossen ״unterstützen werde, die auf diese Weise ihrem Vaterlande, ״sei es in der Armee, sei es im Handel und Industrie, ״größere Dienste leisten und mit noch größerem Erfolge als ״bisher zum Gedeihen desselben werden beitragen können; die- ״selben sind stets ausgezeichnete und treue Unterthanen ge- ) Wir geben dies nach der vom Comitö Liegnitz uns zugegangenm Übersetzung des Allianceberichts. Das französische Original liegt uns nicht vor. ״wesen, und die neuen Beweise von Wohlwollen, die man ״ihnen gewähren wird, werden in ihnen die Liebe zu ihrem ״Kaiser und die Gefühle tiefer Dankbarkeit gegen ihn stärken." Wir kennen die Mitglieder jener Conferenz nicht, und wissen nicht, ob sie speciell Delegirte der Alliance waren. Es ist wohl Einzelnes auch in unsere Kreise, selbst in unsere Zeitschrift gedrungen, aber doch nur sehr Unvollkommenes. Das wird jetzt Alles ״entre nous“ abgemacht. Wir glaub en jedoch, daß diejenigen, welche den westrussischen Juden Helfen wollen, ihnen für diese schönen Worte und den guten Rath wenig Dank wissen werden. Man hat bei uns in Süddeutschland ein sehr gutes und treffendes Spriichwort für derartige Sympathiebeweise, welches heißt: ״Ich danke für den guten Rath (die עצה) — baar Geld aber brauche ich!" Dies Wort ist uns lebhaft beigefallen, als wir diese lange Epistel mit Eifer studierten — an eine Adresse, die dafür gar kein Interesse und kein Verständniß hat und an die sie wahrscheinlich nicht einmal gelangen kann. Soll das der schließliche Erfolg der Studien, Erörterungen und Verhandlungen der Comites und Conserenzen sein, welche seit Jahren über diese hochwichtige Frage gepflogen worden sind? Man hat den polnischen Juden so lange gesagt: wir können und wollen Euch helfen, man hat ein Grenzcomits eingesetzt, man hat Berlin, Königsberg und Hamburg, die größten und bedeutendsten jüdischen Gemeinden Deutschlands und vielleicht die reichsten jüdischen Gemeinden der Welt dafür intereffirt — und jetzt sagt man: wir können und vermögen Nichts; und verbindet das noch mit Worten, die bei den feinen russischen Spümasen zu Verdächtigungen und Verläumdungen der Juden recht wohl Veranlassung geben könnten? Damit wäre also die Sache abgethan, das Grenz-Comits thatsächlich lahm gelegt — und nun kommt man und will — nun, was will man denn? Die Allianz ist eine erhabene Idee, die als Idee allein schon in sich eine große Bedeutung hat. Sie ist eine Institution, die die Möglichkeit ihres Werdens und Bestehens in der neuen Zeit, in den großen Errungenschaften des Menschengeistes hat. Vor hundert, ja vor fünfzig Jahren wäre die Alliance israslite universelle ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Wir haben uns nicht gekannt; wir wußten nichts von den Juden entfernter Länder — wie konnten wir uns verbinden zur Erfüllung einer großen Culturaufgabe? Jetzt, in unserer Zeit, in welcher über die ganze cultivirte Erde das Netz der Eisenbahn und der Telegraphie ausgespannt ist, tritt die Möglichkeit an uns heran, die Stammesbrüder und -Schwestem in den entferntesten Welttheilen kennen zu lernen, ihren Culturzustand zu prüfen. Dadurch muß