Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 44 (3.11.1874)
- Date
- 1874-11-03
- Page
- Seite 352 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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3ß2 — unermeßliche große Mission auszuüben hätten. Zum Schlüsse sprach auch der Schulinspector Dr. Charge — ein katholischer Geistlicher — sehr beherzigenswerthe Worte. Cottstauz. Dem ״Schw. Merkur" wird von hier aus berichtet: ״Vicar Glasstett er in Meersburg lehrte die Schulkinder einen schmutzigen Spottvers auf einen israelitischen Fabrikanten daselbst. Als Letzterer klagte, verbot der Vicar, unterstützt von der Lehrschwester Clara Rudigier, den Kindern davon Zu sprechen und vermochte letztere fast insgesammt zu falschen Zeugenaussagen vor dem Schöffengericht in Ueberlingen. Da auch die Lehrschwester, welche hätte Aufschluß geben können, trotz ihrer handgelübdlichen Verpflichtung falsche Aussage machte, wurde der Vicar freigesprochen. In Zweiter Instanz jedoch bekam er zehn Tage Haft, da einige Kinder reumüthige Geständnisse machten. Es wurde nun Anklage gegen die Lehrschwester wegen falscher Versicherung an Eidesstatt erhoben. Die dreistündige Verhandlung führte zu einer Schuldigerklärung und Verurtheilung der Angeklagten zu einer zweimonatlichen Gefängnißstrafe. Das Zeugenverhör gewährte traurige Einblicke in die gewissenlose Beeinflussung der Kinder durch Personen, die das Gebot: ״Du sollst kein falsches Zeugniß reden" vor Allem Hochhalten sollten. Auf dem Gerichtstische lag ein schönes Gebetbuch mit Goldschnitt, welches der Vicar der elfjährigen Hauptzeugin als Lohn für ihre falsche Aussage versprochen und nach vollbrachter Leistung wirklich geschenkt hatte. Solche Zustände bedürfen keines Commentars." Thorn. Vor einigen Tagen verschied hier der auf dem Gebiete der jüdischen Literatur wohl gekannte Rabbi Hirsch Kalischer, Verfasser mehrerer bedeutender hebräischer Werke. Berlin, 19. Okt. Gestern ist das neue Kommunalschulhaus Gipsstr. 24, nachdem der Winterkursus am 12. d. M. begonnen hatte׳, feierlich eingeweiht worden. Die Aula erwies sich als zu klein, als daß sämmtliche Schüler den! Akt hätten beiwohnen können; anwesend waren nur die beiden ersten Knaben- und Mädchenklassen, welche die Gesänge ausführten. Schule wurde an diesem Tage nicht gehalten. Oesterreichisch-Ungarische Monarchie. Wien. Kürzlich fand im israelitischen Blindeninstitute aus der hohen Warte die erste öffentliche Jahresprüfung statt, welcher zahlreiche Verwandte der Zöglinge, die Lehrer der kaiserlichen und der Landes-Blindenanstalt, ferner Stefan Freiherr v. Schey, Baron Moritz Königswarter, die Gemeinderäthe Mauthner und Dr. L. A. Frankl, der japanesische Gesandte Watanabe sammt Gemahlin, die Mitglieder des Curatoriums der Anstalt u. m. A. bewohnten. Nach 11 Uhr wurde die Prüfung begonnen. Die Prüfungserfolge zeigten, daß der sittliche Anschauungs-Unterricht mit dem naturhistorischen gleichen Werth hat. Mit einer Vollkommenheit, welche Vollfinnigen nicht selten abgeht, beschrieben die Zöglinge in klarer Sprache Thiere, Pflanzen; das verständnißvolle Declamiren, das Rechnen, Schreiben, Lesen, Clavier- und Violinübungen, das Münzcnzählen und Unterscheiden derselben erregten die Bewunderung der Anwesenden. Mit der Absingung der Volkshymne schloß die Feier, worauf die anwesenden Gäste das Gebäude besichtigten. In einem an den Prüfungssaal stoßenden Zimmer waren Flecht-, Strick-, Netz- und Thonarbeiten der Knaben und Mädchen ausgestellt. Hier standen große und kleine von den Blinden geflochtene Körbe, alle Arten Bürsten u. v. A. Das von den Kindern durch die Arbeiten verdiente Gelb wird auf Sparcassenbücher angelegt. So hat, wie die ausgestellten Bücher zeigten, ein Kind im Monate 2—3 fl. erspart. Unserem Berichte sei noch hinzugefügt, daß die Anstalt, die jetzt von 21 Kindern besucht >vird, sich des lebhaftesten Interesses im In- und Auslande erfreut; so hat der um die Anstalt sehr verdiente Dr. L- A. Frankl ein Schreiben aus Jeddo (Japan) erhalten, in welchem nach den gemachten Erfahrungen gefragt wird, und der japanesische Gesandte fauftc hier mehrere Lehrmittel für die in Jeddo zu errichtende Blindenanstalt. Wien, 12. October. (Rothschild'sche Stiftungen). Die von der Familie Rothschild für Wien gewidmeten 350,000 fl. sind in folgender Weise ihrer Bestimmung zugeführt worden: Es wird zuerst eine Stiftung von 150,000 fl. Nominal- Kapital Oesterreichischer Papier-Rente errichtet, die den Namen des verewigten Freiherrn Anselm v. Rotdschild tragen wird, und bleibt es noch späteren Berathungen Vorbehalten, welchem Zwecke deren Ertrag zugeführt werden soll. Der Effektivwerth beträgt jetzt 108,000 fl. und laufen die Zinsen seit dem 1. September a. c. zu Gunsten dieser Stiftung. Folgende Spenden sind spcciell Zwecken jener Wohlthätigkeits-Anstalten und -Vereine, welche in der Wiener israelitischen Cultusgemeinde bestehen, gewidmet. Dem Rothschild-Spital in Währing 20,000 fl., dein Taubstummen-Jnstitut 10,000 fl., dem Waisenverein 10,000 fl., der ״Alliance" 6000 fl., der Chewra Kadischa 5000 fl., der Armenanstalt 5000 fl., der Speise-Anstalt 5000 fl., dem Frauenverein 5000 fl., dem Blinden-Jnstitut 4000 fl., der Kinderbewahr-Anstalt 4000 fl., dem Theresien-Kreuzerverein 4000 fl., dem Spital in Kierling 2000 fl., dem Studentenverein 2000 fl., dem Handwerkerverein 2000 fl., der Talmud-Thora 2000 fl., dem Mädchen-Unterstützungs-Verein 1000 fl., der Volksküche in der Leopoldstadt 1000 fl., der Mannheimer-Stiftung 1000 fl., den Handlungskranken 1000 fl., dem Beth Hamidrasch 1000 fl. und dein Versorgungshause 1000 fl. Ein Betrag von 20,000 fl. ist am 31. August, und zwar 12,000 fl. an die christlichen und 8000 fl. an die jüdischen Armen Wiens, bereits vertheilt worden. Die restirenden 222,000 fl. werden 68 verschiedenen wohlthätigen Instituten und Vereinen Oesterreichs zugeführt. Türkei. Konstantinopel Rabbi Jacob d'Avigdor, früher und aus viele Jahre Oberrabbiner der Türkei, starb am ersten Neujahrstag und ward am zweiten begraben. Seinem Leichenbegängnisse folgte eine unabsehbare Menge Leute und mehrere Abtheilungen Soldaten. Er war vom Sultan mit dem Madjidie-Orden 1. Classe decorirt worden. (Jew. Chr.) Mterari^cües. Mekize Nirdamim. Bekanntlich führt ein Verein jüdischer Literaturfreunde zur Herausgabe alter hebräischer Schriftwerke, sowohl unedirter wie im Buchhandel vergriffener, diesen Namen ״M. N", d. h. ״Erwecker der Schlafenden". Der Begründer und Leiter desselben ist Rabbiner Silbermann in Lyck, das Comito besteht außer ihm aus Montefiore, Albert Cohen und Dr. Löwe (Brighton). Der neueste (fünfte) Jahrgang ist erschienen und liefert: 1) die Fortsetzung von ״Pachad Jizchak" Buchstabe x(Schluß), 2 (Anfang), ק (Anfang),^ (ganz). Es enthält dieses Werk bekanntlich die berühmte Real-Encyklopädie (talmudisch-rabbinisch) des Isaak Lamperonti; 2)