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Jüdische Volkszeitung · 1874-11-03 · 44 (3.11.1874) · p. Seite 349

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
44 (3.11.1874)
Date
1874-11-03
Page
Seite 349 (sequence 3)
Language
German
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dessen größtmöglichste Verbreitung. Allein, wir möchten nur,! daß bei Beurtheilung der Juden und des Judenthums gerade! insbesondere unsere und der Wahrheit Freunde noch so Man-! ches beachten, was immer noch nicht richtig betont und erkannt wird. Zuvor aber setzen wir das erste Kapitel des betreffenden! Büchleins hierher; es ist bezeichnend für den Geist des Gan-! zen!-- — ״Einführung: Es war im Jahre 1743.! Seit drei Jahren herrschte, der Preußenkönig Friedrich, den^ die dankbare Nachwelt später den Großen nannte; mit seiner! Thronbesteigung war das Zeitalter der Aufklärung angej brachen. j Aber es verhielt sich um jene Zeit mit der Aufkläruug! wie mit dem Aufgange der Sonne in einem waldigen, von; tiefen Schluchten und Thälern durchzogenen Gebirgslande. j Während die Spitzen der Berge in Gold, Silber und! Purpur leuchten, während im krystallenen Höhensee der klare! Himmel sich abspiegelt, und auf den hochgelegenen Matten; Millionen von Diamantentropfen, Halme, Blüthen und Zweige! schmücken, ist es noch finster in den kalten Tiefen, aus denen! düstre Nebel wallend und wogend Hervorbrechen, als wollten! sie den jungen Tag wieder in Nacht wandeln.! Dies auf jene Zeit angewandt, können wir sagen: Neben! Hellem Glanz der Erkenntniß herrschten noch finstre Vor-! urtheile in vielen Köpfen, auch in solchen, die schon von dem; neuen Geiste berührt und die von dem Glauben erfülltj waren, sie seien vollkommen aufgeklärt. Giebt es doch auch! in der Menschen Häupter Schluchten und Höhen, die dem! Lichte schwer, bisweilen erst spät, mitunter gar nicht zugänglich sind. Die herrschende Meinung über das Judenthum war einer der dicksten Nebel jener Zeit. Das Uebelste wak, daß die Juden selbst das Ihre nach Möglichkeit thaten, diesen Nebel festzuhalten. Der traurige Zustand, in welchem die Juden schmachteten, darf mit Recht als eine neue ägyptische Gefangenschaft bezeichnet werden; auch für das damalige Volk der Juden war! ein Moses nöthig, der sie in das Kanaan besserer Zustände! führte. I Und Gottt sandte ihnen in Moses Mendelssohn den! Helfer, Retter und Führer, der als solcher freilich nicht sofort! von der Mehrheit des Volkes anerkannt ward. Mit ihm, dem Trefflichen, der zu kämpfen hatte nicht nur mit dem .Unverstände der Fremdlinge, sondern auch (ähn-; lich wie einst sein großer Vorgänger) mit dem Unverstände! des eigenen Volkes, und der endlich von errungener Höhe beseligten Auges das Land der Gleichberechtigung (״von Ferne"— setzen wir hinzu. Red.) schaute, werden wir uns in dieser Schrift zu beschäftigen haben."-— Wer möchte so wohlgemeinten Worten nicht freudigen, Herzens zustimmen? Und doch können wir gerade um des-! willen nicht umhin, einem Gedanken zu widersprechen, der sich; öfter aussprlcht in dieser Schrift, der den Anschauungen selbst derjenigen entspricht, die es wirklich wohl mit uns meinen und uns öfters von unseren wärmsten Freunden entgegenge-! halten wird: ״Die Juden wurden nicht allein ausgeschlossen, sondern sie haben sich auch selbst ausgeschlossen. Sie haben ihr Elend mit verschuldet, sie haben allezeit ihren Messias gekreuzigt." Und doch entspricht das nicht der Geschichte. Die so sprechen, kennen das Volk nicht. Aber Ferdinand Schmidt kennt es wohl? Nun denn! Ist es jetzt wohl überall Licht geworden in den Geistern? Herrscht jetzt die Aufklärung, von der Ferdinand Schmidt mit Recht sagt, sie habe in: Jahre 1743 ihren Aufgang begonnen? Jetzt, nach 130 Jahren, unter Allen — unter Christen? Wenn das diejenigen glauben, welche sich in gebildeten Kreisen bewegen, so mögen sie sich jetzt, gerade in unserer Gegenwart, nur auf einige Wochen hierher an den herrlichen Nheinstrom begeben, der den vaterländischen Dichtern so oft den Stoff zu ihren patriotischen Poesien lieferte, an diesen deutschesten aller Ströme, der ״ruhig sein kann, weil er von den wackeren Söhnen Germaniens bewacht wird"; in diese gesegneten Fluren, die gerade in diesem Jahre von der Fülle des Segens, vom herrlichsten Wein fast überschüttet wurden. Schwarz, dunkel wie finsterste Nacht ist es rings umher! Wer jetzt etwa in eines dieser herrlichen rheinhessischen Dörfer kommt, die so rein, so hell, so romantisch schön daliegen — und er trifft's etwa gerade zur Wahlperiode für einen Gemeinderath oder Bürgermeister — wie würde er erschrecken wegen der dicken, dicken Finsterniß, wegen des Fanatismus, der unberechenbaren Dummheit, des Aberglaubens, der Rohheit und Gemeinheit eines großen Theils dieser deutschen Staatsbürger, dieser Bauern und Winzer. Ueberall die confessionelle Verschrobenheit, der Zwist, der Hader, der Streit bis auf's Messer! Ueberall in den Gemeinden mit gemischten Confessionen und insbesondere da, wo die Ultramontanen in der Mehrheit sind, tödtlicher Zwist, überall wird nicht die Fähigkeit, die Rechtlichkeit zu dem betreffenden Amte, nicht der Charakter und die Tüchtigkeit beachtet — nur die Rechtgläubigkeit. Man glaubt es kaum, wenn man es nicht gesehen, nicht erlebt hat. Hier in dem einen Orte wohnen 2/3 Katholiken, 1/״ Protestanten. Die Katholiken sind der ärmere Theil des Ortes und bis jetzt lebten sie mit den Protestanten zusammen, lebten friedlich und einig; der Bürgermeister war evangelisch, ebenso ein Theil der Gemeinderäthe. Und jetzt? ״Wer einen Ketzer wählt, ist verflucht"/ das ist die Losung. Und alle, hören Sie, alle Katholiken geheneinmüthig, geleitet vom Geistlichen, zur Urne und wählen einstimmig, ״katholisch!" ״Der Dümmste muß Bürgermeister werden" — das ist die Losung, die die Geistlichkeit ausgibt; und es gelingt — in sehr vielen Orten. Ist das etwa auch selbstverschuldet? Ist diese Dummheit, dieser Aberglaube, diese Verschrobenheit und Starrköpfigkeit, dieser Fanatismus des deutschen Staatsbürgers selbstverschuldet? Und nun — denken wir uns 150 Jahre zurück; denken wir uns den Bürger, den Bauer, den Handwerker, das Proletariat jener Zeit, — waren sie etwa gebildeter, humaner, freisinniger als die damaligen Juden? Liebten sie etwa die Freiheit, die geistige und die äußere? Waren sie etwa frei von Vorurtheil, Aberglauben, Fanatismus? Liebten sie die Künste, die Wissenschaften? Man lese die Geschichte Berlins unter dem ״Großen Kurfürsten", — und Berlin ist die Hauptstadt der Intelligenz! Warum hätten also die Juden auch nur theilweise ihr Elend selbst verschuldet? Sollten sie besser, aufgeklärter sein als ihre christlichen Mitbürger? Wie konnten die Juden besser sein, als sie waren? Wer; die Geschichte des Judenthums mit Aufmerksamkeit liest und; sie vergleicht mit der Weltgeschichte, der wird finden, daß ihre! Bildung stets entsprach dem Bildungsstandpunkte der Gesammt-! heit des Volkes, unter dem sie lebten. Man lese einmal die Ge- . schichte der Juden in Spanien! Ja noch mehr! Sie lernten sämmtlich Hebräisch lesen, Pentateuch übersetzen, Viele den Talmud, die Decisoren, sie lasen theilweise Schriften religonsphilosophischen Inhalts, der Eine mehr, der Andere weniger; Das war doch jedenfalls ein Bildungselement, wie es den Bürgern und

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