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Jüdische Volkszeitung · 1874-11-03 · 44 (3.11.1874) · p. Seite 348

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
44 (3.11.1874)
Date
1874-11-03
Page
Seite 348 (sequence 2)
Language
German
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l! ־־ ׳־׳־׳ ־ ~y׳ ׳ ' ׳.׳ י י 348 schienen ist, begann er hier im Jahre 1835 seine literarische Thätigkeit, indem er mit den damals so zahlreichen und gleich hochstrebenden Gesinnungsgenossen die ״wissenschaftliche Zeitschrift für die jüdische Theologie" begründete. Wenn wir heute die ersten Hefte jener Zeitschrift lesen, so erfüllen sie! uns mit tiefer Wehmuth. Wir erkennen das hohe Streben! jener Männer, ihre glühende Begeisterung für die Hebung; und Regenerirung des Judenthums, ihren Ernst, ihren Feuer-! eifer — und vergleichen damit den Erfolg . . . und unsere j Gegenwart .... 1 In derselben Zeit (1836) trat auch Samson Raphaels Hirsch, jetzt Rabbiner der orthodoxen Religionsgesellschaft zu Frankfurt a. M. mit der Schrift ״Ben Usiel, Briefe über. Judenthum" auf. Zum erstenmal trat hier die Orthodoxie würdig in die Arena, in rein deutscher Sprache, ernst in Wesen, anständig in der Form und — wir dürfen es nicht leugnen, — mit reichem Gedankeninhalt. Dieses Buch war ein Ereigniß. Wäre doch die Orthodoxie auch später dieser Art und Form treu geblieben,— der Kampf würde vielleicht zu einem besseren Ziele geführt haben. Geiger war mit Hirsch früher bekannt und — wenn wir nicht irren — so-! gar befreundet gewesen. Der Anfang der eingehenden Re-; cension dieses Schriftchens in der ״wissenschaftlichen Zeitschrift"; läßt das mindestens glauben. Diese Necension, eingehend,; ruhig, tactvoll und gemäßigt in der Form, aber scharf in der : Begründung, gehört zum Besten, was Geiger je geschrieben. Wir erkennen darin noch die religiöse Wärme, die später in seinen Schriften vielfach vermißt wird. Die ״wissenschaftliche' Zeitschrift" erschien bis Zum Jahre 1839, dann später wieder > von 1842—1845. Im Jahre 1843 wurde Geiger als Rabbiner nach Breslau berufen. Dort entfaltete er eine reiche amtliche Thätigkeit und in diese Zeit fällt auch sein bedeutendstes wissenschaftliches Werk ״Urschrift und Uebersetzung der Bibel". Wie man auch über Einzelnes aus diesem Werke denken mag, so kann doch nicht geleugnet werden, daß es eine solche Fülle neuer Gedanken und tiefer Studien enthält, wie wohl kein zweites Werk der jüdischen Literatur der neuen Zeit. In diese Zeit fallen die großen Bewegungen und Kämpfe innerhalb des Judenthums, — die Rabbiner-Versammlungen, deren eifriges Mitglied er gewesen. In der dritten —Breslau — präsidirte er. Im Jahre 1863 siedelte Geiger nach Frankfurt über. Wir möchten über diese traurige Episode seines Lebens, die den mit der neueren Zeitgeschichte des Jugenthums Bekannten ja sicher noch ftisch in Erinnerung ist, hinweggehen. Man kann in dieser Beziehung seine Handlungsweise beschönigen, aber nimmermehr entschuldigen. Doch —״der Tod versöhnt". Was Geiger da als Mensch verschuldet, — der Rabbiner und der Gelehrte mußten es schwer büßen. In Frankfurt fand Geiger nicht den gesegneten Wirkungskreis, wie er ihn in Breslau verlassen; nicht die Liebe und Anhänglichkeit, wie sie für ein gesegnetes Wirken als Rabbiner unumgänglich nöthig ist. Die früheren Synagogen-Besucher mieden die Stätte, aus der Stein vertrieben worden — und nach wenig Jahren siedelte Geiger nach Berlin über. Dort lehrte er in der Hochschule, — und das war das richtige Arbeitsfeld für ihn, die würdigste und passendste Stätte für einen rastlos schaffenden Geist, wie der Geigers war. Von seinen Schriften erwähnen wir nur noch des unvollendeten Werks ״Das Judenthum und seine Geschichte"; Parschandatha und Divan des Juda Halevi; seine Zeitschrift, von der vor Kurzem erst wieder ein neues Heft erschienen. Ueber seine zahlreichen anderen gelehrten Arbeiten werden wir vielleicht später berichten. Mitten aus seiner schriftstellerischen und lehramtlichen Wirksamkeit wurde er jetzt herausgerissen. Geiger war ein Gelehrter im vollsten Sinne des Wortes. Seine entschiedene Stellung zu den Reformfragen war ebenfalls mehr wissenschaftlicher als populärer Natur. Er wird im wiffenschaftlichen Leben des Judenthums eine Lücke lassen, die zur Zeit noch fast unausfüllbar erscheint. Selbst die Gegner seiner Ansichten, so viele ihrer auch sein mögen, werden dies zugestehen müssen. Sie werden nun geschützt sein vor den scharfen Pfeilen seines Geistes, vor seiner unbeugsamen Dialectik! Wir aber, die wir in religiöser Beziehung mit ihm in gleicher Richtung wandelten, wir sagen: Wer folgt ihm nach im Leben? Wer tritt ein von den Jungen in die Fußtapfen der Alten, in die Wege eines Fürst, Mayer, Löwi, Geiger? Wer kann uns ersetzen diese Herren der Reform, die wir jetzt in kaum 1 x/2 Jahren verloren?- חבל על דאבדי! ולא משתכחין. Das Licht, das sie aussäeten in die Furche der Zeit wird nicht verloren gehen; das ist unser Trost! Und der Name Abraham Geiger wird in der Geschichte des Judenthums ewig leuchten; sein Leben und Wirken wird unseren Zeitgenossen eine Mahnung, der Zukunft Segen sein. Ziehe hin in Frieden! Wir beugen uns in Demuth vor dem Nathschlusse Gottes und preisen die, die der Besten ihrer Zeit genug gethan nnd gelebt haben für alle Zeiten. Aktes und Heues über Süden und Iudenthum und ein richtiges Vokhsbuch Es hat seit Dohm, gesegneten Andenkens, manche Christen gegeben, die sich vom ganzen Herzen der Aufgabe unterzogen, die Vorurtheile ihrer Glaubensgenossen gegen Juden zu verscheuchen und die Juden zu ihren Menschen- und Bürgerrechten zu verhelfen. Allein die meisten dieser Schriften drangen nicht ins Volk; sie blieben auf gewisse Kreise beschränkt, und zwar auf solche, die ein selbständiges Urtheil sich gleichwohl hätten bilden können. Umso dankenswerther finden wir es, daß ein richtiger und echter Volksschriftsteller, wie es deren zur Zeit in Deutschland nur wenige gibt, Ferdinand Schmidt, ein Büchlein geschrieben hat, das sich die Verherrlichung der edelsten. Juden der neuen Zeit und ihren (der neuen Zeit) Begründer Woles Mendelssohn zum Ziele gesetzt. Ferdinand Schmidt, der Jugendlehrer mit dem weiten Herzen und der geübten Feder, war der richtige Mann für diese Aufgabe; durch ihn ist der Beweis geliefert, daß der Reformator des Judenthums es verdiente, auch im Herzen des deutschen Volkes fortzuleben als ein deutscher Volksmann im besten Sinne, der zum Segen Aller lebte und wirkte. So klein das Büchlein ist,*) so wollen wir ihm doch eine größere Besprechung widmen und so manches anknüpfen, was uns bewegt. Nicht als wollten wir damit Schmidt's Schrift kritisiren; das sei ferne von uns. Wir wollen ja *) Verlag von Hugo Kästner in Berlin, Preis 7% Sgr.

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