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Jüdische Volkszeitung · 1874-10-27 · 43 (27.10.1874) · p. Seite 344

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
43 (27.10.1874)
Date
1874-10-27
Page
Seite 344 (sequence 6)
Language
German
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Verschwundene im Traume erschienen mit furchtbar klaf-- ' senden Wunden und habe ihm erzählt, die Juden hätten ihn gemordet und hätten sein Blut nach Jerusalem geschickt, zu welchem Zwecke wissen wir gleichfalls nicht anzugeben. Die Sache wäre zum Lachen, wenn die Juden nur in dem gen. Orte und der nächsten Umgebung des Lebens sicher wären. Man hat sich an den ״Sprawnick", man hat sich an den ״Assessor" um Hilfe gewandt, man hat es sich sogar viel Geld kosten lasten, diese lassen aber trotzdem den Pöbel schalten und walten. Auch der Gouverneur, an den man deswegen geschrieben, hat bis letzt nichts von sich hören lassen, und wie sehr dort die Hilfe noch thut, beweist der Fall, daß man erst vor wenigen Tagen einen jüdischen Grubelnick, der sich herausgewagt, überfallen und ihn derart mißhandelt hat, daß an an' seinem Auflommmen zweifelt. Wenn die russischen Behörden zu solch' barbarischem Unfuge auch schweigen, so wollen wir dagegen doch unsere Stimme erheben und mit uns unsere Genossen von der Presse und zwar so laut und so lange, bis er zu den Ohren der gerechten und einsichtigen russischen Regierung dringt, und von dort aus Ab- Hilfe geschaffen wird. Oesterreichisch-Nngarische Monarchie. Lemberg. Am Versöhnungstage, als der große Tempel iiberfüllt war, erdröhnte von der Frauengallerie plötzlich ein ״Krach", ein Fall, und dichte Staubwolken wirbelten auf — die Bestürzung und Verwirrung droheten groß zu werden, denn man dachte gar an Feuer, indessen gelang es bald einigen Besonnenen, zu erforschen, daß sich von der Gyps- Verkleidung ' am Hauseingange Stücken losgelößt hatten, ohne Jemand zu verletzen. Nach Beendigung ^des Gebetes bestieg Herr Prediger Dr. Löwenstein die Canzel und ermahnte in einer ebenso schöngedachten als vorgetragenen Rede die andächtigen Zuhörer: bei hereinbrechenden Unglückssällen stets die Fassung zu bewahren, das Unglück mit Würde zu ertragen; in Gefahren niemals den Muth zu verlieren, denselben vielmehr beherzt ins Angesicht zu sehen, weil sie schon dadurch allein den größten Theil der Furchtbarkeit verlieren. (Ung. Jsr.) Wien. 13. October. (Raubmord). Einem uns aus Schaff« zugegangenen Berichte entnehmen wir Folgendes: Der Handelsmann Isaak Spitzer verließ am 5. d. seine Heimat, um Geschäftsgänge zu besorgen, und kehrte nicht mehr zurück. Die Angehörigen des Vermißten veranlaßten sofort Recherchen, welche erfolglos blieben; ein Bauer von Kattaunendlich fand am Freitag den Leichnam unter einer Hagebuttenstaude zwischen Kattaun und Langau. Der Bauer erstattete die Anzeige bei dem Bezirksgerichte, welches sofort eine Commission auf die Fundstelle deligirte. Die Commission entdeckte die Fuß- und Blutspuren des Mörders, welche nach vielem Forschen in die ungefähr 300 Klafter entfernte Wohnung des Missethäters führten. Derselbe heißt Johann Reiß, ist 70 Jahre alt, war früher Bauer und hat sein ganzes Vermögen vergeudet. Von dem geraubten Gelds, das von den Verwandten Spitzer's auf ungefähr 40 fl. veranschlagt wird, fand man blos 3 fl. 40 kr. bei dem Mörder. Er leugnete anfangs hartnäckig jede Theilhaberschaft an dem Morde; als jedoch seine Wohnung durchsucht wurde und in der Küche die Gebetriemen Spitzer's sich fanden, konnte er die That nicht weiter in Abrede stellen. Er erzählte, Spitzer hätte ihm eine Schuld von 1 fl. 90 kr. vorenthalten; er habe ihn deshalb angegriffen, und als der Attaquirte um Hilfe schrie, habe er ihn ermordet. Der Leichnam Spitzer's zeigte zwei Wunden, welche die Schläfenschuppe und das Stirnbein brachen; jede einzelne mußte sofort eine Gehirnlähmung und daher den Tod zur Folge haben. Außerdem hatte ihm Reiß eine dritte lebensgefährliche Wunde hinter dem Ohr mit einem stumpfen Instrumente beigebracht. Bei dem Mörder wurden ein Messer und ein Steinschlägel gefunden. Er zeigte keine Spur von Reue, sondern schritt gravitätisch neben den Gendarmen einher, welche ihn nach Geras escortirten. (N. Fr. Pr.) Frankreich. Paris. Beim Beginn des Wintersemesters wurde ein nur für isr. Schüler bestimmtes Gebäude eröffnet. Die neue Schule hat Raum für 645 Schüler. Man wird mit dieser Schule einen Asylsaal für 100 Kinder verbinden. Italien. Verkeil. Der verstorbene Professor Guiseppe Levi, Herausgeber der ״Educ. Jsr." hat verschiedenen jüdischen Wohlthätigkeits-Anstalten 18,000 Lire hinterlassen. Seine Verwandten haben am Tage seines Begräbnisses 400 Cilogr. Brot unter die Armen der verschiedenen Confessionen vertheilt. Die jüdische Zeitung wird vom Rabbi Flaminir Servi unter dem Titel ״Versillo Kraelita" fortgesetzt. Feuikketon. Bilder ans dem altjiidischen Familienleben. Nach Originalgemälden von Professor M. Oppenheim, Photographirt v. I. Schäfer. Frankfurt a. M., Verlag von Heinrich Keller. (Schluß.) Das Purim-Mahl. Es darf immer als ein Unicum, als eine in der Geschichte der Völker einzig dastehende Erscheinung bezeichnet werden, daß bei dem beispiellosen Drucke, welcher die Juden des Mittelalters niederhielt, ihre Stimmung dennoch eine ftohe blieb, ihr Gemüth eine Heiterkeit bewahrte, die sich bis zur Ausgelassenheit steigern konnte. Letzteres finden wir freilich auch bei anderen gedrückten Völkern oder Gesellschaftsclassen; fie wollen ihr Elend auf kurze Zeit vergeffen, im Rausche gleichsam ertränken; darum aber artet auch ihre Lust so oft in lasierhafte Losgebundenheit aus, und um so entsetzlicher ist das Erwachen. Der Jude des Mittelalters, ein durchaus mäßiger und nüchterner Mann, ob er auch bei Festgelagen überaus lustig sein konnte, sank doch nie bis zu jener thierischen Un- Mäßigkeit herab. Religion und Familie bewahrten ihm den Adel einer besseren Natur. Die Religion aber hatte unter den Juden ein allseitig ausgebildetes, höchst eigenthümliches Volksleben gestiftet, und dazu gehörte auch der Purim. Wie sein halber Namensvetter, aber vollständig Antagonist, der ״Jom hakki purim",*) hat sich derselbe bei den Juden auch der Neuzeit sein Alt- Lürgerrecht gewahrt. Der Mensch muß einen Tag haben, der ihn zum ernsten Bewußtsein seiner höchsten Bestimmung bringe, er bedarf aber auch einer Zeit, ״wo er des Lebensarmseligkeit vergeffe und seiner Mühsal nicht mehr eingedenk sei".**) Auch as jüdische Volksthum wollte sein saturnalisches Fest, seinen *) Sühnetag. **) Spr. Salom. 31, 8.

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