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Jüdische Volkszeitung · 1874-10-27 · 43 (27.10.1874) · p. Seite 343

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Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
43 (27.10.1874)
Date
1874-10-27
Page
Seite 343 (sequence 5)
Language
German
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343 und halbe Orthodoxie nicht mit Entschiedenheit dem Aberglauben der ״Fürbitte für Andere, für Lebendige und Tode" entgegentritt; wenn sie nicht betont, daß das Gebet nur die eigene Seele zu erheben vermag, dann — hat sie es auch zu verantworten, wenn der selige Elias Gutmacher bald durch einen anderen Wunderrabbi ersetzt wird. Aus Nttlerfranken, 15. Okt. Die Correspondenz ״aus Bayern, den 6. Okt." stimmt wieder einmal den Klageton an, wie der Religionslehrerstand bei uns in den Staub getreten ist, und der Verfasser ist im vollen Rechte. Wer vom Standpunkte eines gewissenhaften Religionslehrers die Statuten des Achawa-Vereins betrachtet, der kann nicht in Abrede stellen, daß dieselben ebenso streng wissenschaftlich und consequent, als ausschließlich sachlich, daß sie nicht blos negativen oder abwehrenden, sondern auch, und viel mehr noch, positiven, den gerechten Forderungen des vernünftigen Fortschrittes entsprechenden In- Halts seien. Wenn dennoch die jungen ״bebrillten Herren" von Würzburg nicht beitreten dürfen, so mögen jene Personen es auch verantworten, die ihren Einfluß in solcher Weise mißbrauchen. Leider ist es nur zu wahr, unser Stand ist in Individualitäten aufgelöst, das Vereinswesen will einmal nicht gedeihen. Warum dieses? Weil in Bayern ein großer Haufen Kehricht unter den Religionslehrern sich aufgethürmt hat, der wie ein Keil im gesunden Fleische sitzt, der jede Bahn verbarrikadirt und der mit keinem Besen wegzufegen ist. Ein ordentlicher Religionslehrer muß allgemeine pädagogische Bildung ebenso sehr, als spezielle Fachbildung besitzen, das will Alles gründlich erlernt sein, erfordert auch eine längere Uebung; dadurch, daß man einen jungen Mann mit seiner Brille in das Schulzimmer läßt, hat man ihn noch nicht zum brauchbaren Religionslehrer gemacht. Solche Erfahrungen, so betrübend sie an und für sich sind, dürfen dennoch die strebenden Männer unter uns nicht stumpf machen. Diese haben die doppelte Pflicht, fortwährend, und bei jeder Gelegenheit, ihre Collegen zum Zusammenstehen und Zusammenwirken zu mahnen. Das laue Nebeneinandergehen oder gar das schroffe Gegeneinand ersteh en ist unerträglich. Gemeinsame Wunden, gemeinsame Niederlagen müssen doch endlich die Fundamente werden, welche die Verständigung und Einigung fördert. Zum Schlüsse noch die Notiz, daß ich Ihnen in den nächsten Tagen eine Statistik der Religionsschulen Unterfrankens vorlegen werde, da der neue Schematismus von Grübel und Scheer vollendet ist. Bayern, im Okt. Nach der vom Cultusminister Lutz kiirzlich in öffentlicher Sitzung der Abgeordneten zugesagten und nunmehr vorliegenden Uebersicht über das Schulwesen in Bayern gibt es im Königreich 7016 Volksschulen, worunter 124 israelitische und im Ganzen nur 61 gemischte. Die größere Zahl der jüd. Volksschulen wird wohl in der Pfalz sein, wo unter den gemischten ebenfalls einige mit jüdischen Lehrern (5—6) die nach den neuesten Bestimmungen eben nicht ververmehrt werden. Die Gesammtschülerzahl ist 632,599, worunter 5,833 israelitische. In den in Bayern eingeführten Feiertagsschulen sind 208,705 — worunter 1,207 Israeliten. Kuppenheim in Baden, 13 Okt. Heute war unser halbes Städtchen in der Schöffensitzung zu Rastatt. Es wurden dort 2 Fälle von hier verhandelt, deren einen wir seines allgemeineren Interesses wegen mittheilen. Der durch sein gegen den ultramontanen Kalenderfabrikanten Alban Stolz gerichtetes vorzügliches Schriftchen: ״Schacher, Wucher und Handel der Juden" (3. Auflage erschienen), bekannte hiesige isr. Lehrer Levi Wolf war im Juni d. I. wegen Förderung des Bettels vor das großh. Bezirksamt zu Rastatt geladen. Es war ihm nämlich zur Last gelegt, daß er trotz wiederholter polizeilicher Warnung als Verrechner des Unterstützungsvereins für polnische Juden diesen erst dann eine Unterstützung verabreichte, wenn sie zuvor bei den hier wohnenden, nicht zum Verein gehörenden, schriftlich bezeichneten Israeliten zu deren Chikane um eine Unterstützung nachgesucht hatten. Wolf glaubte sich; damals in der amtlichen Vernehmung durch den gr. Referendar Claus grob und ehrenrührig behandelt und verklagte denselben beim großh. Ministerium des Innern. Claus, hierüber zur Rechtfertigung aufgefordert, schilderte in seiner Vertheidigungsschrist Wolfs Auftreten vor dem Bezirksamt als ein ungeeignetes und stellte dessen Angaben in Betreff seines eigenen Verfahrens in Abrede, worauf das Ministerium der Staatsanwaltschaft zu Karlsruhe den Auftrag gab, Wolf wegen Verleumdung seines Beamten zu belangen. Heute war deshalb öffentliche Gerichtsverhandlung. Die Zeugen sprachen zu Gunsten von Claus, jedoch gelang es dem rechtskundigen Vertheidiger, zu bewirken, daß Wolf, statt in die beantragte mehrwöchentliche Gesängnißstrafe, zu lO THalern und in die Untersuchungskosten verfällt wurde. Aus diesem und dem andern Falle, einer Ehrenkränk! mgsklage, ergab sich zugleich, in welcher Feindschaft die hiesigen Jsrealiten mit einander leben. (Chillul Haschem, das Ende vom Liede. Red.) Kunäfckan. Koschmm. Der Sturm im Glas Wasser wirft noch immer Wellen; die Langsamkeit, mit welcher unsere Begräbnißaffaire sich entwickelt, ist kein beruhigendes Oel, sondern beunruhigt die ohnedies schon aufgeregten Gemüther in ihrem Nechtsgefühle. Fast beruhigend wirkte es daher, daß gestern der Kreislandrath Glaeser versuchte (durch welche Beweggründe veranlaßt, ist uns unbekannt), abermals Schritte in dieser Sache zu thun. Derselbe ließ nämlich am Spät- Nachmittage durch einen Gensdarmen den Rabbiner Di׳. Lewin, den Corporations-Vorsteher Fuchs und den Krankenvereins- Vorsteher Scheps zu sich in das hiesige Districts-Commissariat bescheiden. Jndignirt über die Zumuthung, an einem Sabbath und Festtage in das Haus des Mannes vorgefordert zu werden, der erst kurz vorher sich ihnen mit Revolver und Säbel gegenüber gestellt hat, verweigerten die Herren zu erscheinen, zumal, da dem Landrath für die Bürgerschaft hiesiger Stadt das Magistratsbureau und auch eine andere Geschästszeit zur Verfügung steht. Dorthin wären an einem andern Tage die Herren selbst einer mündlichen Einladung per Gensdarmen nachgekommen. Daß die beantragte Untersuchung von Seiten der Staatsanwaltschaft bisher noch nicht eingeleitet ist, scheint darin begründet zu sein, daß der bisherige Staatsanwalt Gaubel in Pleschen als Regierungsrath nach Posen versetzt ist. (Pos. Ztg.) Mewel. Das hiesige ״Memeler Dampfboot" enthält Folgendes; ״Da drüben, jenseits des Grenzgrabens auf russischer Seite, pasären Dinge, die an's Unglaubliche grenzen, für deren Wahrheit wir jedoch die volle Bürgschaft übernehmen. Viele von unseren Lesern können das russische Städtchen Worno; dort ist ein Geistlicher, ob griechisch-, ob römisch-katholisch, wissen wir im Augenblick nicht anzugeben, dem war ein Hausknecht plötzlich verschwunden, über dessen Verbleib Niemand Aufschluß zu geben wußte, nur lag die Vermuthung nahe, daß er, etwa 20 Jahre alt, vor der Levorstehenden Recrutirung Reißaus genommen, wie gegenwärtig, nach Einführung der allgemeinen Wehrpflicht, sehr Viele thun. Der Geistliche erzählt aber seiner Gemeinde, ihm sei der

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