Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 43 (27.10.1874)
- Date
- 1874-10-27
- Page
- Seite 345 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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345 Fastnacht haben. Wählend aber auf die Fastnacht eine Fastenzeit folgt, hat das Judenthum, der holden Jahreszeit entsprechend, den ganzen Monat Adar—den zwölften und letzten des Festjahrs—als einen heiteren Monat bezeichnet*) und den darauffolgenden ersten dazu,den Nisan, welcher das hohe Fett der Freiheit dringt, und dessen schon in der alten Zeit besonders auch die Kinderwelt, der Ferien wegen, sich freuen sollte, wie das liebenswürdige altjüdische Sprüchwort sagt: ״Im Nisen Thut mer die Ruth unter's Kissen: Im Jjer Thut mer se wieder herfüer.**) Wie nun der Talmud — worin wir gar nicht mit ihm harmoniren — das religiöse Leben der Juden, bis in's Kleinlichste, in die Bande des Ceremoniells geschlagen hat, so hat er auch angeordnet, man müsse am Purim lustig fern.***) Nun, das ist ein ״Muß", was man sich gerne gefallen läßt, und auch der neumodigste Jude, der sich vom ernstesten Fasttag längst losgesagt hat, am heitersten Festtag hält er noch treu, weshalb der Talmud mit psychologischem Seherblick Vorhersagen konnte: ״Wenn alle Feste untergehen. Der Purim wird doch fortbestehen."1) Wenn aber die Rabbinen dann ihre gesetzlichen Anordnungen noch soweit ausdehnen zu sollen glaubten, auch den Grad des Räuschleins zu bestimmen, das man an diesem schönsten aller Feste sich trinken müsse, indem sie befehlen: ״Der Mensch ist verpflichtet, sich am Purim so zu bezechen, bis er keinen Unterschied mehr weiß zwischen: verdammt sei Haman, und gesegnet sei Mordechai," so hat sich hierin die jüdische Gesetzestreue schwach erwiesen; denn im Trinken waren die Juden nie stark. Freilich, es gab auch ehrenhafte Ausnahmen. So hatten wir in meinem Heimathorte in Bayern einen wohlgenährten Wanderlehrer, mit einer kräftigen Stentorstimme, — sein Name soll auf die Nachwelt kommen! er hieß ״Rabbi Salomon Bochor" — der täglich, zur Rettung Israels, seine 16 bis 20 Seidel Bier zu trinken für eine Bagatelle hielt. Merkwürdigerweise starb der edle Held am Purim; und ein gottloser Witzling konnte sich nicht enthalten, auf ihn das bekannte jüdische Sprichwort anzuwenden: ״Das ganzeJahr schikkor,l1) und Purim nüchtern!!" — Haben nun die Juden im Trinken keine hohe Glorie erreicht, so hat dafür die jüdische Küche — womit der Rabbi in Heine's ״Disputation" den Mönch kapital niederschlägt — desto höheren Ruhm erworben. Das Essen am Purim, die sogenannte ״Purim-Sudo",111) war daher auch der Glanz- und Culminationspunct des freudigen Tages, worauf wir Kinder uns gar lange vorher zu freuen pflegten; denn man hatte uns das ganze Jahr, wenn wir bei Tische meinten, noch etwas leisten zu können, mit dem üblichen Scherzwort vertröstet: ״iß dich Purim satt!" — Die festliche Mahlzeit wurde, ähnlich wie die ernstere zur Vorbereitung auf den Sühnetag, in der zweiten Hälfte des Nachmittags eingenommen, und zum Nachtisch kamen die Vermummten, die ״Lechem- Geiger",*) die Possenreißer, die Comödienspieler: denn auch die jüdische Welt hatte ihre Harlekins und ihre Maskeraden. *) Talm. Taanith 29. 1. **) Nissen----Nisan. — Jjer--Jjar, Monat nach Nisan: herfüer —hervor. ***) Maimonid Megilla 2.18. t) Talm. Megilla 7, 2, 11) Betrunken, ttt) Mahlzeit. *) Man nannte so. die Tonkünstler, die um's liebe Brod geigten. Vgl. das Bild: ״Die Trauung״. Erklärungen Nr. 6. S. 8׳ Biblische Volksspiele, gewiß nach dem Vorbilds der christlich mittelalterlichen ״Mysterien", wurden ausgeführt, und wird es dem geneigten Leser, welcher auch durch diese Blätter in das altjüdische FamilienundVolksleben eingeführt werden möge, wohl nicht uninteressant sein, einige Bruchstücke wenigstens, die er gewiß in keiner Literaturgeschichte wieder findet, daraus zu vernehmen. — Die ״Aufopferung Isaaks" wurde, natürlich wie in der Bibel ohne Blutvergießen, drastisch aufgeführt. Ein Engel, mit gewaltigen papiernen Flügeln, spielte darin eine Hauptrolle. Er sang ein mysteriöses Lied, dessen Anfang wohl ewig ein heiliges Geheimniß bleiben wird, und das lautete: ״Hom wedom! — Wollt ihr wissen, wer ich bin? — Ich trag meinen Namen in meinen: Sinn, — Mein Name ist verhohlen — Ich bin ein Malach**) mit glühendigen Kohlen!" — Das war sehr schaurig! — Gar rührend aber war das ״Jose pH spiel"; der arme verkaufte Junge fingt am fingirten Grabe seiner Mutter das herzgreifende Lied: ״Liebe Mutter Rochel,***) Sei mir's mochel,1) Und steh auf aus deinem Grab, Und siehe deinen Knab, Wie es ihm geht bawonoß.'H) — Ach und Weh! Wie geht es mir. Ich kann es nimmermehr ausstehn!" — Einen weit mehr heiteren Gegenstand scheinen nun die Purim-Spielleute auf unserem höchst anziehenden Bilde zu behandeln, welches, die Katze mit eingerechnet, uns zwölf interessante Persönlichkeiten vorführt. Die Spielleute links, welche die Aufmerksamkeit der ganzen, gerade abgespeist habenden Tischgesellschaft in hohem Grade in Anspruch nehmen, bieten drei allerliebste Figuren. Der tänzelnde Citherspieler, vom Stamme Juda hat vollkommen Recht, unmaskirt zu erscheinen; denn es wäre Jammerschade, wenn er uns seine holde Physiognomie, die nur Lachen ist, entzogen hätte. Er scheint ein lustiges Lied mit dem vermummten Jüngelchen auszuspielen; diesem aber sind die Blicke aller Tischgenossen ausschließlich zugewendet. Der Künstler hat hier einen feinen Zug aus der altjüdischen Welt hervorgehoben; das ist die allgemeine Liebe zu den Kindern. Das treu gemüthliche Zusammenleben der Juden, ihre brüderlich wechselseitge Theilnahme thut sich hier am Innigsten kund. Ein begabter Knabe war das Schooßkind der Judengasse, ein Liebling Aller, eine frühzeitige Berühmheit fff) Der kluge Knabe aus unserem Bilde, in seiner obligaten Zipfelmütze, wie er mit Sorgfalt seine Maske hält, damit man ihn ja nicht erkenne, während die freundlichen Blicke aller Beschauer sagen: ״Schelm, dich kennen wir schon!" — scheint von dieser Sorte zu sein. — Es ist ungemein originell, wie mannigfaltig unser Meister dasselbe Gefühl der Theilnahme an dem Knaben bei den verschiedenen Personen des Bildes auszudrücken verstanden hat. Neugierig blickt auf den kleinen Schauspieler die familiäre Magd aus der halbgeöffneten Stubenthüre; voll mütterlicher Zärtlichkeit, die belohnende süße Gabe in der Hand, die noble Matrone, die wackere Hausfrau; voll Behaglichkeit der purimgesättigte, schmunzelnde Hausherr, von dem wir noch reden werden; froh der Kinderlust, das über den Tisch herübergeneigte nette *) Engel. **) Rahel. ***) S. v. 0.: ״nimm mir's nicht übel!" 1) Um der Sünden willen. 1״j-) Vgl. das Bild: ״das Verhören".