Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 43 (27.10.1874)
- Date
- 1874-10-27
- Page
- Seite 342 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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342 barsche Sterndeutung und die Zendavesta die molochistischjehovistische Feuerreligion in eine Lichtreligion sich umrvandelte bis auf die Gegenwart, wo ein Lessing und Mendelsohn, Kant und Herder, Schiller und Göthe, Fichte und Schelling, Schlegel und Hegel, Strauß und Feuerbach die Resultate des Alterthums und die Ergebnisse unserer Zeitforschung mit dem Genius ihres Geistes beleuchteten und so die Religion der Zukunft, den freien Humanismus angebahnt haben. Dieses Alles fuhr mir blitzartig durch den Kopf, als ich die Weihworte des Predigers verrrahm, welche er beim Anzünden des ״Ewigen Lichtes" sprach. Hier faitb ich mich wieder zurückversetzt in die Stiftshütte auf dem Wüstenzuge und als ich auch darüber gar sonderbare Betrachtungen anstellte, ertönte wieder lieblicher Gesang von Oben: Psalm 84 ״Wie lieblich sind Deine Wohnungen, Ewiger Zebaoth!" und dann schickten sich meine beiden Ohren an, der Predigt zu lauschen, welche lll2 Stunden das wissenschaftliche Thema behandelte: ״Hat der Gottesdienst noch eine Berechtigung oder warum bauten wir ein Gotteshaus?" Hier zeigte der Redner eine seltene Redefertigkeit, eine Gewandtheit der Sprache, wie sie fast nur dem polnisch-jüdischen Elemente zu eigen ist. In der That, dieser nordische Volksstamm hat die Sprache mehr in seiner Gewalt, als der süddeutsche, ein Hauptgrund, weshalb wir unsere Kanzelredner gewöhnlich von dorther zu beziehen pflegen. Ich habe es Eingangs schon erwähnt, daß die Naturalisten scharfe Geißelhiebe erhielten. Männer wie Strauß und Feuerbach mußten Spießruthen laufen, (ich sah sie im Grabe lächeln). Kant natürlich, der zu seiner Zeit noch nicht recht mit der Farbe herausging, wurde weidlich gelobt. Schiller, der Idealist, riß den Redner zur schwärmerischen Begeisterung hin in den Worten: Diesen Kuß der ganzen Welt! Göthe sogar suchte er in seinen zahmen Genien: Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, hat auch Religion; wer jene beiden nicht besitzt, der habe Religion — gerecht zu werden, freilich mit einer gewissen reservatio mentalis, was hier sehr entschuldbar ist. Denn der junge Göthe war, als er diese Worte schrieb, noch Pantheist im echten Jugendfeuer. Erst im Alter sprach er in seinen Maximen und Reflexionen die Worte aus: Ich glaube an einen Gott und kurz vor seinem Tode wird er mystisch, wie der zweite Theil seines Faust beweist. Wir wollen hier nicht rechten über die religiösen Anschauungen unserer großen Denker und Dichter. Theologen dürfen am allerwenigsten es wagen, an geweihter Stelle einen Stein nach solchen Männern zu werfen, welche die Wahrheiten, die sie aus den verwegensten Tiefen des Weltalls mühsam herausgearbeitet und sonder Scheu vor den Augen der Oeffentlichkeit bekannten, oft unter den schwersten Kämpfen und mit Hintansetzung aller selbstischen Interessen. Wir, die wir nur armselige Schwimmer sind auf der Oberfläche der von solchen großen Geistern durchforschten Meere der Wissenschaft, wir dürfen uns nicht das Recht anmaßen, Männer, welche sich nicht mehr auf der Basis einer alten, rückständigen Weltanschauung zu bewegen vermochten, weil ihr Geist tiefer hineingeschaut als der unsrige in das ewige Getriebe der Unendlichkeit, vor das Forum eines Publikums zu ziehen, das mit Ausnähme des Beamtenstandes und weniger Gelehrten in seiner Majorität nur aus Laien bestand׳ Daß ein Geistlicher, welcher Konfession er auch angehöre, selbst der freisinnigsten jüdischen (mit Ausnahme der freireligiösen christlichen) Gemeinde ״der Ewigkeit der Materie" nicht das Wort reden könne, ist eine selbstverständliche Sache, und wenn er auch diese Ansicht in sich trägt (für welche sich auch übrigens im Alten Testament Anhaltspunkte finden lassen), so darf er sie nicht laut werden lassen, er würde sich ja in eine Klemme begeben, die mit seiner amtlichen Stellung als Diener Gottes unvereinbar wäre. Ein materialistischer Rabbiner wäre gleichbedeutend mit der Quadratur des Enkels und was dergleichen Widersprüche mehr sind. Für denjenigen, welcher vor der Predigt nicht die Ueberzeugung eines lebendigen Gottes in sich trug, der hat ihn auch durch dieselbe nicht erlangt. Das Dasein Gottes läßt sich überhaupt nicht demonstriren — es ist Sache des blinden Glaubens und prägt sich verschieden aus, je nach der Verschiedenheit der Denk- und Gemüthsbeschaffenheit des Einzelnen. Der Eineist Realist, der Andere Idealist; der Eine nimmt die Dinge in sich auf, wie sie an und für sich sind, der Andere ist ein Schwärmer, der Dritte ein Betrüger, der Vierte ein betrogener Betrüger, und ich möchte Seume Recht geben, der da die Welt eintheilt in: Sechs Zehntel Narren, drei Zehntel Schurken und ein Zehntel comme •11 taut. Zum Schlüsse citire ich im Punkte des Gottesglaubens noch die Worte Göthe's: Im Innern ist ein Universum auch, Daher der Völker löblicher Brauch, Daß Jeglicher das Beste, was er kennt. Er Gott, ja seinen Gott benennt. Ihm Himmel und Erde übergiebt. Ihn fürchtet und womöglich liebt. Amen. Correspomlenz. Aus Norddeutschland. Der Rabbi Elias Gutmacher aus Grätz ist todt. Ruhe und Friede seiner Asche! Die Leser dieser Zeitschrift wissen, daß dieser Mann, der bis in sein hohes After eine Zierde des Judenthums war, im letzten Jahre erst den Ruf als Wunderrabbi erhielt. Wir j dürfen darob nicht rechten mit dem Heimgegangenen, der! vor dem Richterstuhle Gottes Rechenschaft zu geben hat für sein Thun. Er mag aus Altersschwäche sich zu Handlungen haben Hinreißen lassen, die der Mann in seiner besseren Zeit, in seiner vollen Lebenskraft selbst bei Anderen nicht geduldet haben würde. Aber mit seiner Umgebung müssen wir rechten, die aus Wahn und Aberglauben sich ein Geschäft machte, die Dummheit und Unwissenheit ausbeutete. Wer wird jetzt das Geschäft fortführen? Wir müssen rechten mit der impotenten Afterorthodoxie, die dies Getriebe duldete und den Mann nicht auf das Verderbliche seines Thuns mit Ernst und Nachdruck aufmerksam machte. Allein, kann sie es auch voll und ganz mit Ernst abweisen? Kann sie sagen, wir sind frei von diesem Aberglauben und Allein, was ihm ähnlich sieht? Bekanntlich hat man von orthodoxer Seite behauptet: den seligen Rabbi treffe kein Vorwurf! Er unterstütze den Aberglauben nicht — er bete nur für diejenigen, die ihn in ihrer Noth aufsuchen. Und das — sei doch nichts Unrechtes, nichts Unjüdisches! — Das ist allerdings ftir die ganze, sowie für die halbe und schwache Orthodoxie eine Falle gewesen. Darüber konnte sie nicht wegkommen. Man sagt, in Berlin seien Hunderte — und dabei selbst solche, welche in anderer Weise durchaus keinen Zusammenhang mehr mit dem Judenthum erkennen lassen, — für welche bei Dr. Hildesheimer und in seiner Jeschibha und selbst— im heiligen Lande ״Schijurim gelernt" werden. Wer solchem Wahne huldigt, der kann nicht zürnen, wenn der Rabbi von Grätz sein Gebet und seine Zauberworte zu guten Preisen verkaufte, wie ja auch in anderen Religionen — Seelenvermittler sind, — welche durch ihre Ceremonien das Speditions-Geschäft in den Himmel auf die lukrativste Wnft betreiben. Wenn die ganze