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Jüdische Volkszeitung · 1874-10-27 · 43 (27.10.1874) · p. Seite 341

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volkszeitung
Volume
1874
Issue
43 (27.10.1874)
Date
1874-10-27
Page
Seite 341 (sequence 3)
Language
German
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341 berührt, — wird nur noch schwach discutirt. Das, was die Berliner Conferenz vom 21. und 22. April ausgesprochen, ist so sehr niederschlagend, daß wir darauf näher eingehen müssen. _ Meine Empfindungen bei äer 8gnngogenweibe in Nürnberg. Von einem Ungenannten. Es war am 8. Sept. d. I., am Tage der Einweihung des israelitischen Tempels in Nürnberg, da zog ich meine schwarzen Feiertagskleider an und meine geliebte Gattin ihr schönstes Kleid von derselben Farbe und so wallten wir Beide mit verschiedenen religiösen Anschauungen dahin, wo ein Tetzel vor 350 Jahren seine Ablaßzettel feil bot zur Beschwindelung der damaligen Christenheit, welche ihr sauer erworbenes Hab und Gut hergab für den heiligen Vater in Rom; denn jene Menschen lebten in dem Glauben (Wahn nennen wir es jetzt), daß dieser für Geld sie lossprechen könne von ihren Sünden, daß sie alsdann ruhig sterben und selig eintreten könnten ins jenseitige Leben. Daß selbst heute noch Tausende von Christen in diesem Wahne leben und sterben, bestätigen leider! noch immer bte. vielen sogenannten Peterspfennige, die kupfernen, silbernen und goldenen Pfennige, welche von allen Theilen der Welt nach Rom wandern. An dieser Stätte nun erhebt sich jetzt der Tempel des Gottes Israel mit seinen orientalisch gekuppelten Zinnen, und führwahr, stolz kann die Stadt Nürnberg sein auf dieses edle Gebäude, auf die erhabenen Lehren, welche darin vorgetragen werden, auf die geläuterte Moral, die hier den Gläubigen zum Bewußtsein gebracht wird. Ich trennte mich von meiner theuren Gattin, weil auch . hier der altjüdische Gebrauch beibehalten worden, die Geschlechter von einander zu trennen und betrat den Sitz Nr. 213, den ich mir zum Präsent machen ließ; denn um aus meiner Tasche 150 Gulden für einen Platz in der Synagoge auszugeben, hielt ich für meine Wenigkeit nicht für so unumgänglich nothwendig. Ich kann es indeß nicht verhehlen, daß der überwältigende Eindruck, den dieses gottgeweihte Haus schon von außen auf mich machte, im Innern erst recht seine imposante Wirkung auf mein architektonisches Gefühl hervorbrachte. Denn bin ich auch gleich ein bischen von der materialistischen Weltanschauung angesteckt, eine Krankheit, die der Herr Prediger scharf mitgenommen mit allem Aufwands seiner immensen Gabe der Beredtsamkeit — ich habe doch ebenso gut ein ästhetisches, vielleicht auch ein moralisches Gefühl in meinem Busen, wie die Herren Idealisten, deren Herz auch nichts anderes ist, als Wv eine Druck - und Säugpumpe; auch ich fühle, wenn das Blut rascher durch die Adern strömt, wie es höher schlägt, wenn ein Gegenstand, der uns Respekt einflößt, zu meinem Bewußtsein gelangt. Als ich meine Augen emporgerichtet zu den goldenen Sternen, die da auf blauem Grunde über meinem Haupte sich zeigten, erkannte ich am untern Rande der Kuppel- Wölbung im Mittelpunkte, des Hauses die erhabenen Worte Jesaja's: So erhaben wie der Himmel über der Erde, so . erhaben sind meine Gedanken über eure Gedanken. Andere edle Sprüche aus den heiligen Schriften der Bibel zieren die Vorderwand am Allerheiligsten, sowie die inneren Säulenwände, wie: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst; erkenne den Gott Deines Vaters und diene ihm; die Lehre des Herrn ist vollkommen, labt die Seele rc. Sinnig ist die Aufschrift über der Pforte inwendig: Gesegnet sei Dein Ausgang, und \ auswendig: Gesegnet seist Du beim Eintreten; ebenso der r" Spruch über der Kcn>,decke: Rede zu den Kindern Israels, welche 4 Worte zugleich die hebräische Jahreszahl der Erbauung des Hauses entziffern. Prachtvoll ist der reich gestickte Vor- Hang, eine Gabe der Frauen. Alles führte mich in einer Reihe von Gedanken zurück in die Zeiten des Königs Salomo, dessen Tempelpracht das Alterthum mit Bewunderung erfüllte. Da schlägt es 10 Uhr von der gegenüberstehenden Spitalkirche, und nach einer erhebenden triomphalen Instrumentalmusik von außen öffnen sich die Flügelthüren und sie treten ein die heiligen Rabbinen von antiker und moderner Zeitrichtung, die aus verschiedenen vaterländischen Orten herbeigeeilt waren, hinter der konfirmandenpflichtigen Schuljugend — und was tragen sie in den Armen? Die heiligen Gesetzesrollen, das Erbe der Väter, in goldgeschmückter Umhüllung. Nun, wir haben nichts dagegen, wenn die Israeliten noch heute sich dieses Kleinods rühmen; denn erst bei den jetzigen archäologischen Forschungen in Aegypten und Assyrien, im Lande der Moabiter, der Babylonier und Phönizier rc, dient die Bibel als schätzbarer Schlüssel zur Enträthselung der Hieroglyphen und Keilinschriften, und dieses vorderasiatische Kulturwerk aus den ältesten Zeiten geschichtlicher Entwicklung der Menschheit verdankt die gebildete Welt unseres Zeitalters dem Judenthum; denn dieses hat mit seiner Nationalität auch sein geoffenbartes Schriftthum durch die Fluthen und Flammen der Jahrtausende getreulich bewahrt und durch die ganze Erdenwelt getragen. — Als die vielen hohen und höchsten Beamten des Kreises und der Stadt, voran der Baumeister Wolf aus Stuttgart, an den ich fast mehr gedacht, als an den Gott meiner Väter, ihre Sitze eingenommen, und Orgel mit Instrumentalbegleitung und dem göttlichen Gesang aus jüdischen und christlichen Menschenkehlen sich vereinigten, um den prachtvollen Festgruß durch die herzerhebenden Räume in hebräischer Sprache dahinbrausen zu lassen — da fühlte sich auch mein Herz auf denFittigen menschlicherRührng emporgetragen. Und als der neue Kantor den Preis des göttlichen Hauses ertönen ließ und hierauf die Dankesworte — das bekannte Schehechianu — sang mit einer wonnevollen Stimme, mit einer Kraft und Lieblichkeit, wie sie nur wenigen auserwählten Sterblichen verliehen ist — da war ich entzückt von künstlerischem Hochgenuß. Dann begann die Prozession, voran die Knaben mit brennenden Kerzen und gefolgt von den Trägern der Thorarollen — dem Worte, das ein Licht ist auf den Pfaden des Lebens; sodann feierliche Verkündigung des göttlichen Namens, des heiligen Einzig-Einigen, Alles mit Gesang und Musik, jüdisch-einfach und doch so katholisch-pompös. Den Culminationspunkt aber bildete nun erst: das Oeffnen der heiligen Lade! Wie von selbst hebt sich der Vorhang, das Allerheiligste wird sichtbar dem sterblichen Auge, und ich glaubte die Schechinah zu schauen — den Ruhesitz des uralten heiligen Vaters meiner Väter, dessen unaussprechlicher Name überhalb des Sanktissimum zu lesen ist: denn ein blendend Feuer umfloß mein Antlitz! — Der alte Glaube, daß Jehova ein verzehrend Feuer, durchschauerte mein Gemüth; denn plötzlich dachte ich an die Stelle im 5. B. M. K. 5 V. 25 und an alle damit in Verbindung stehenden Anschauungen im Alten Testamente, vom Feuer, das vom Himmel stel und das Opfer nebst den beiden Söhnen des Hohepriesters verzehrte u. s. w., bis zur Einweihung des ersten und zweiten Tempels in Jerusalem. Erst als sich die Lade wieder hinter den heiligen Rollen geschlossen und die Töne der Orgel und des Emmerling'schen Oratorienvereins verklungen waren, hatte ich mein wahres Selbst wiedergefunden, ich fühlte mich wie aus einem Traume erwacht. So erlangte ich den geschichtlichen Faden wieder und ich spann die alten Anschauungen weiter bis an die Zeiten, wo durch die Chal-

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