Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 43 (27.10.1874)
- Date
- 1874-10-27
- Page
- Seite 340 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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340 Handwerker; die meisten (20) Gärtner, welche in dem Garten der Anstatt eine für die Anstatt selbst sehr lohnende Beschäftigung finden. Schulunterricht wird an Alle ertheilt, je nach den Verhältnissen und Bedürfnissen. Für einzelne Zweige des Unterrichts und der ökonomischen Leitung sind tüchtige Kräfte gewonnen, für andere wurden zur Zeit der Abfassung des Berichts noch die richtigen Männer gesucht. Merkwürdig ist's, daß dies gerade für den Unterricht im Hebräischen der Fall war; merkwürdig und doch sehr bezeichnend! Man sollte doch glauben, daß die frommen Gelehrten in Jerusalem sich um ein solches heiliges Amt in Masse bewerben würden, wo sie im heiligen Lande und zu dessen Segen, zu dessen Wiederurbarmachung durch Juden, durch gediegenen Religionsunterricht so wesentlich beitragen könnten. Aber — sie können Nichts und wollen Nichts! Unterrichten, gut unterrichten, heißt auch arbeiten. Sie aber können und wollen nicht arbeiten — selbst die Arbeit eines solchen regelmäßigen Unterrichts ist ihnen ein Gräuel, wie die Anstalt selbst, die an Arbeit und Cultur mahnt. Sehr bezeichnend sagt in dieser Richtung Herr Netter am Schlüsse vorliegenden Berichts: ״Gerührt von der Armuth, welche in Palästina so weit verbreitet und andauernd ist, hat die Alliance festgestellt, daß dieselbe größtentheils von der freiwilligen oder gezwungenen (!) Unthätigkeit der Bevölkerung herrührt, einer Unthätigkeit, die obendrein von der unklugen (unintelligenten) Barmherzigkeit erhalten, um nicht zu sagen ermuthigt wird; sie hat festgestellt, daß, wenn man auch alle Ursache hat, mit der Unterstütznng der Greise und Schwachen fortzufahren, man sich doch beeilen muß, die Jugend einem solchen Elende zu entreißen, und daß das einzige Hilfsmittel hierfür die Arbeit ist, und nur die Arbeit, ohne welche es keine Ehre, keine Wohlhabenheit, keine Tugend, keine Familie gibt, die Arbeit, welche uns unsere Religion, die einzige von allen, nach dem Vorbilde des Schöpfers selbst in ihren Geboten vorgeschrieben hat. Wir stimmen Alle darin überein, daß, wenn es gut ist, die Noth zu lindem, es noch besser ist, ihre Wiederkehr zu verhindern: nun, was in Europa wahr ist, sollte für das heilige Land falsch sein können? Und wenn dennoch irgend ein Zweifel an der Nützlichkeit unseres Werkes vorhanden sein sollte, so wird er wohl vollends beseitigt Angesichts aller der Hilferufe, die wir so oft aus Palästina vernehmen und von denen die letzten uns Allen noch, denke ich, in den Ohren klingen." Das sagt ein Mann von so bewährtem Rufe, ein Mann, der Jahre lang in bevorzugter Stellung in Palästina gelebt und also volle Gelegenheit hatte, die Verhältnisse dort kennen zu lernen; er sagt es in einem officiellen Aktenstücke vor der Anglo-Jewish-Association, vor Männern, von welchen mehrere ihn selbst, wie er Eingangs des Berichts erzählt, in Jaffa besucht, die also selbst die dortigen Verhältnisse kennen. Kann es ein sprechenderes Zeugniß geben für Alles das, was wir in Bezug aus die Spenden nach Jerusalem Jahre lang gesagt und geschrieben haben? Ist es wahr, das Wort, welches wir einmal vor vielen Jahren aussprachen: ״Die Spenden nach Jerusalem und die lungernden Tagediebe aus Polen sind ein Fluch für das europäische Judenthum und die Begünstigung dieses frevelhaften fluchwürdigen Schwindels trennt uns, die wir für die Cultur des Judenthums und für die Fortbildnng und Regenerirung desselben einstehen und wirken, weit mehr von den Begünstigern dieses Schwindels als aller Streit um die religiösen Formen?" Sollen wir Beweise von den niederträchtigen Manövers bringen, mit welchen man alle die Männer aus dem Felde zu schlagen sucht, die die Regenerirung der in Unthätigkeit Versunkenen durch Arbeit bezwecken? Als Netter kaum in Jaffa war, wurden durch die europäischen orthodox-jüdischen Blätter Verläumdungen aller Art gegen ihn verbreitet. Es hieß, es sollten alle Gebote des Judenthums durch ihn und in der Anstalt mißachtet werden, der Sabbath würde nicht gehalten; das Hauswesen wäre kein koscheres! Und Alles war — nichts als Lügen und Verläumdung, die längst verschollen und widerlegt worden; jetzt ist man genöthigt, die Ehrenhaftigkeit und edle Gesinnung, die strickte Einhaltung der Religionsgesetze in der Anstalt in denselben Blättern anzuerkennen. Wie ist man mit Ludw. Aug. Frankl verfahren, als er in Jerusalem eine Schule errichten wollte, bis er den Staub der heil. Stadt von den Füßen schüttelte. Welche Ungeheuerlichkeit brachte der Fanatismus der orthodoxen Blätter gegen ihn auf — und welche katzenartig schmeichlerische und speichelleckerische Behandlung erfährt derselbe Mann jetzt, weil der wahrhaft hochsinnige Dichter all das Wüthen des Otterngezüchtes längst vergessen hat und in seiner begeisternden Hingebung für das von ihm gegründete jüdische Blinden-Jnstitut in Wien höfliche Briefe auch an die Redactionen orthodoxer Blätter schreibt. Als Rabbiner Bamberger zu Königsberg dem russisch-polnischen Schnorrerthum durch die Bestrebungen des Grenzcomitss entgegen zu wirken bestrebt war, da wurden wieder Zweifel und Verdächtigungen gegen seine Religiosität laut, die sich abermals alsbald als falsch erwiesen. Das sind alte Geschichten. Und in diesem Augenblicke? Jedermann weiß jetzt, daß der Hungersnothlärm von diesem Frühling ein blinder war; daß im heil. Lande wohl eine schnell vorübergehende, wenn auch ungewöhnliche Steigerung der Fruchtpreise, aber keine Hungersnoth stattgefunden hat. Selbst die Zeitschriften, welche die Hungersnoth gleichsam produeirten, haben sie als längst geschwunden wieder — abdeclarirt. Und nun? — In diesem Augenblicke noch wird für die an der Hungersnoth Leidenden gesammelt, und in der letzten Nummer des Blattes, welches den Hilferuf brachte und die Sammlung für die an der fingirten Hungersnoth Leidenden in Scene setzte, welches vor einigen Monden erklärte, daß die Hungersnoth ein Ende habe — da steht eine lange Spendenliste ״Zur Linderung der Hungersnoth im heiligen Lande." Wie bezeichnet man das? Das Preßgesetz verbietet uns die Sache beim richtigen Namen zu nennen. Hat die Alliance isr. univ. keine Mittel, diesem unseligen Treiben ein Ende zu machen? Entweder — oder. Entweder sie muß es dahin bringen, die palästinensische Frage zu einer ihr allein und ausschließlich zugewiesenen zu machen; sie muß Vorkehrungen treffen, diesem Chillul Haschem unwiderruflich ein Ende zu machen, oder — sie ist zu schwach zur Erfüllung ihrer obersten und heiligsten Aufgabe. Wir haben den schauderhaften Skandal schon so oft beim richtigen Namen genannt, daß wir uns einer weiteren Bezeichnung wohl enthalten können. Für die Alliance ist diese Angelegenheit eine Lebensfrage; fürchtet sie sich vor dem Getöse der Orthodoxie? Das wäre schlimm, schlimmer als — doch wir wollen Persönliches hier nicht einmischen. Die Alliance isr. univ. hat vermöge ihrer Statuten und der auf diese Statuten sich gründenden Propaganda das Recht und die Pflicht, hier einzutreten und — sie muß es thun; ftüher oder später! Es handelt sich um ihren Bestand. Wir wenden uns einer anderen Frage zu. Die westrussiche Angelegenheit, die uns deutsche Juden so nahe