Jüdische Volkszeitung
- Journal
- Jüdische Volkszeitung
- Volume
- 1874
- Issue
- 42 (20.10.1874)
- Date
- 1874-10-20
- Page
- Seite 337 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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herrlich feiert, hat seine Kraft und Weihe in voller Wirksamkeit auch in die Neuzeit erstreckt und sich verjüngt mit dem sich verjüngenden Judenthume. Denn er ist dessen Kern und Mittelpunkt. Die Liebe zu Gott und die Liebe des Nächsten, diese beiden Cardinalgebote der mosaischen Lehre, sind in jenem hehren Tage in der ernsten Lupidarschrist des Gesetzes monumental verewigt. Der Seele die Herrschaft sichernd über die begehrliche Leiblichkeit, schwingen sich da die Menschengeister unmittelbar zum. einigenden Gottesgeiste empor, nachdem die Herzen hienieden sich geeinigt und versöhnt; denn ״ohne Versöhnung mit den Menschen keine Versöhnung von Gott!"*) So ist der Versöhnungstag ein Tag der innigsten Liebe, und also hat ihn auch unser pietätsvoller Künstler auf unserem Blatte erfaßt, in mannigfaltigen Gestalten aus der altjüdischen Welt zu erhebender Anschauung gebracht. — Der günstige Moment ist gewählt zu Anfang der Tagesfeier, vor dem Beginne des Vorabendgottesdienstes. — Das Portal im Westen der alten Synagoge ist geöffnet: man sieht in die benachbarte Judengaffe mit ihren spitzen Giebeln auf schmalen Häusern, aus denen die Fülle der Bewohner strömt in das wektaufgethane Haus des ewigen Vaters, um ihm ihr mannichfaches Leid zu klagen und freudigen Muth zu gewinnen für ein neues Jahr des Duldens und Harrens. Aus dem Hintergründe schaut ein altgothischer Kirchthurm herein. Soll auch Das eine Versöhnung andeuten? O, er blickt gewiß noch mit zu großem Stolze auf das verachtete jüdische Gottes- Haus hernieder und hat keine Ahnung davon, daß die tragende Idee seiner Kirche, der Gedanke der Versöhnung, sich hier lebendig verwirklicht und das Göttliche sich da auf die reinste Weise in Liebe vermenschlicht! — Die christliche Welt kennt das Judenthum zu wenig, gibt sich auch wenig Mühe, es kennen zu lernen. Darum sind diese Bilder auch von so großem Werthe zur Kenntnißnahme vom Judenthume, dessen innerstes Gemüthsleben sie in so gewinnender Weise erschließen. — Die am Eingänge des finsteren Ghetto's herübergespannte Straßenlaterne mit ihrem blaß dämmernden Flämmlein mahnt an die vergangene alte Zeit — sie hatte weniger Licht, aber mehr Wärme. — Wir treten in die Synagoge ein. Schon strahlen die Flammen von den hohen weitgeschweiften Leuchtern; schon brennen die ״Seelenlichter" an den Wänden des schauerlich düsteren Hauses — über den Eingetretenen ist Licht. Was wir hier an Männern und Frauen erblicken, ist in weißes Sterbegewand gehüllt. Mahnt Das nur an den Tod des Leibes? nein! vielmehr an das reine Leben der Seele! — Die altertümlichen Gewänder geben in schön drappirtem Faltenwurf dem Bilde höchst malerische Formen. Alle Eintretenden erscheinen auf Socken in befremdender Fußbekleidung. Die altjüdische Sitte, in ihrer strengen Observanz, von welcher sie sich nichts abdingen ließ, hielt dies für ein Moment der Kasteiung. Wir schildern, wir empfehlen nicht, bewundern aber den Künster, dem auch kein untergeordneter Zug entgeht in seiner darstellenden Treue. — Der im Vordergründe, den Tallis (Gebetmantel) über dem Arm, zuerst Eintretende bietet ein frommes Bild erbaulicher Andacht. Des Tages und des Raumes heiligfroh, spricht er jene erhebenden Worte, womit der nichtisraelitische Seher das Lager der israelitischen Stämme begrüßt: ״Wie schön V Der Talmud sagt: ״Sünden zwischen Menschen und Menschen vergibt kein Versöhnungstag. bis wir den Nächsten zufrieden aestellt." (Joma 85, 2. Maimonid. Von der Busse 2, 9.) sind Deine Zelte, Jakob, Deine Wohnungen, Israel!"*) — Der fromme Vater führt zwei liebe Knaben mit, in deren kindlich heiteren Blicken sich noch keine Spur von dem hehren Ernste des Tages kund gibt, während die unverhältnißmäßig schweren Bücher, die sie mitbringen, ahnen lassen, daß auch sie die Lasten der Väter würdig tragen werden. Ist nun diese Mittelfigur ungetheilt Gott hingegeben, so zeigen uns die beiden Seitengruppen reinmenschliche Verhältnisse, verklärt durch die Weihe der Religion. Dort zur Linken ist es ein greiser Vater, der in tiefinnigster Hingebung den Heranwachsenden Sohn segnet zum Eingänge des heiligsten Tages. Vater und Sohn, das liest man in ihren frommen Zügen, fühlen und erkennen des feierlichen Momentes hohe Bedeutung. Die reinen Züge des Jünglings, der in heiliger Demuth gebeugt die Hand des verehrten Vaters küßt, verkünden uns, daß es ein guter Sohn ist, und seine ganze Haltung sagt: ״ich will mich Deines Segens werth erweisen." Ein sanftes Lächeln umspielt die segnenden Lippen des Vaters, und dieses Lächeln sagt uns: ״ja, der brave Junge wird mir auch im nächsten Jahre Freude machen!" — O eine ganze Welt des väterlichen Glücks und der kindlichen Seligkeit spricht aus diesen beiden Figuren — gottgesegnetes Familienleben, bleibe der Hort des Menschengeschlechts auf immerdar! — Nebenan lehnt ein weniger ernster Vater, der seinen prächtigen Kernbuben hätschelnd umschlungen hält. Das ist in der altjüdischen Synagoge, wo der fromme Besucher sich zu Hause, 8 son 8.186, fühlt, nicht unschicklich; es stört den andächtigen Papa nicht, einen anbetenden Blick nach oben zu senden und für das Gedeihen des Kleinen den Vater im Himmel anzurufen. — Eine fünfte Figur, gleichfalls dem holden Jugendalter angehörig, blickt mit anmuthiger Theilnähme auf den edlen Genossen, der mit solcher Durchdrungenheit den väterlichen Segen aufnimmt, während die Sammelbüchse für ״Jerusalem" zur Seite an die Mutter ״Zion" erinnert, die ihre frommen Kinder segnet. — Tritt nun hier das, in der altjüdischen Welt so innige Verhältniß zwischen Eltern und Kindern im Strahle des heiligsten Tages leuchtend vor's Auge, so ist es ein anderes rein menschliches Verhältniß, welches die Gruppe rechts zu verklärter Erscheinung bringt, das der Freundschaft. Hier feiert der Sühnetag seinen höchsten Triumph — ״Brüder, hört, wie mild die Stimme tönt: Menschen, ruft sie. Kinder, o versöhnt. Versöhnt euch!. Liebt euch, wie Gott euch liebt: Vergebt, wie er vergibt. Reicht euch treu die Hand!" Diesen heiligen Moment ergreift der Künstler. Reuigen Ernstes naht hier der Eintretende seinem beleidigten Freunde, der sich schon auf seinem Platze befindet, und bittet ihm Herzlich das begangene Unrecht ab. Die ganze Haltung des Mannes ist zerknirschte Hingebung, und ungemein ausdrucksvoll sprechen uns die Züge von dem gebeugten Haupte an; wir sehen gleichsam die Worte: ״o verzeih — ich habe gefehlt — es ist Jom Kippur — Gott verzeiht ja auch! —" Dieses still bittende Antlitz ist in Schatten gehüllt — aber von den Lichtern des Sühnetages angestrahlt, leuchtet das Angesicht des verzeihenden Freundes. Mild blickt sein Auge; die himmlische Glorie der Versöhnung spielt um den lächelnden Mund; dieser ist freundlich geöffnet und spricht: ״o rede nicht davon; es ist Alles verziehen; wir sind die Alten wie- 4 (־. B. M. 24, 5.